Innenstadt-Belebung

Gleichberechtigung im Verkehr auf dem Marktplatz in Schönebeck im Volksstimme-Check

Mit dem neuen Konzept zur Belebung der Magdeburger Innenstadt wird auch eine gleichberechtigte Nutzung durch alle Verkehrsteilnehmer auf einem Teil des Breiten Wegs diskutiert. Aber was bringt ein sogenannter „Shared Space“? Die Volksstimme schaute sich die Situation auf dem Schönebecker Marktplatz an.

Von Christina Bendigs
Der Marktplatz in Schönebeck ist bereits nach dem Shared-Space-Konzept organisiert.
Der Marktplatz in Schönebeck ist bereits nach dem Shared-Space-Konzept organisiert. Foto: Christina Bendigs

Schönebeck/Magdeburg. Es ist ein schöner Gedanke: Man macht aus Fußweg, Radweg und Straße eine große Fläche ohne Bordsteine und andere Begrenzungsmittel, die allen Verkehrsteilnehmern gleichberechtigt zur Verfügung steht, und hat damit alle Interessen unter einen Hut gebracht. Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer leben fortan friedlich zusammen. Doch ist ein sogenanntes „Shared Space“-Konzept (aus dem Englischen: geteilter Raum), wie es in Magdeburg derzeit für Teile des Breiten Weges diskutiert wird, wirklich sinnvoll? Die Volksstimme besuchte den Marktplatz in Schönebeck, um sich einen Eindruck von dem dort seit 2016 gültigen und auf Gleichberechtigung beruhenden Verkehrskonzept zu verschaffen.

Fazit zum Shared Space in Schönebeck

Sowohl an einem Markttag als auch an einem normalen Werktag war die Volksstimme am späten Vormittag vor Ort. Das Fazit: Es funktioniert insofern, dass nicht eine brenzlige Situation auf die nächste folgt, und birgt durchaus Vorteile für all jene, die mit „Ich wollte nur mal kurz“-Vorhaben einen schnellen Weg auf dem Markt zu erledigen haben. Und auch all jene, die den Markt als Durchgangsstraße von der Nikolaistraße zum Breiteweg nutzen, hilft das Konzept. Nach wie vor scheint aber das Auto den Platz zu dominieren. Von Gleichberechtigung ist hier nichts zu spüren. Im Zweifel, also wenn es eng wird, ordnen sich die Verkehrsteilnehmer nach den althergebrachten Regeln in drei Spuren auf dem Platz ein.

Wenn man mit einer lebendigen Innenstadt also meint, dass an der Außenterrasse des örtlichen Cafés oder an den zahlreichen Sitzgelegenheiten stets und ständig Autoverkehr herrscht, dann ist das in Schönebeck durchaus gelungen. Zum Verweilen und Genießen lädt es aber nicht ein.

Wenn es auf dem Schönebecker Marktplatz eng wird, hebt sich das Shared-Space-Konzept schnell auf und die Verkehrsräume werden nach der gewohnten Struktur genutzt: Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger in getrennten Bereichen.
Wenn es auf dem Schönebecker Marktplatz eng wird, hebt sich das Shared-Space-Konzept schnell auf und die Verkehrsräume werden nach der gewohnten Struktur genutzt: Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger in getrennten Bereichen.
Foto: Christina Bendigs

Etwas verfälscht werden dürfte die Beobachtung durch die Corona-Pandemie, die nur begrenzte Möglichkeiten zulässt, in der Schönebecker Innenstadt einkaufen zu gehen. Auch das Café am Markt würde außerhalb der Pandemie-Regelungen wahrscheinlich mehr Publikum anziehen.

Tag 1: Durchgangsverkehr bestimmt das Geschehen

Beim ersten Besuch der Volksstimme auf dem Marktplatz in Schönebeck am 20. April 2021 liegt der Platz relativ verlassen da. Auf den zahlreichen zur Verfügung stehenden Bänken sitzen vereinzelt Menschen in der Vormittagssonne. Einige scheinen sich dort sogar zu einem kurzen Plausch verabredet zu haben, andere machen nur kurz Pause. Auf den sechs Parktaschen vor dem Lotto-Laden, auf denen Autos für 30 Minuten abgestellt werden dürfen, herrscht immer wieder mal ein Wechsel. Ab und an passiert ein Fußgänger die Strecke, auch Radfahrer kommen vorbei, vor allem aber sind Autos dauerhaft auf dem Markt unterwegs – viele davon scheinbar als Durchgangsverkehr.

Ein Kind würde man dort nicht unbeaufsichtigt spielen lassen. Denn viele Autofahrer halten sich gefühlt nicht an die vorgegebene Schrittgeschwindigkeit. Und hin und wieder fahren Autofahrer fast bis zu den Häusern, in denen sie ein Anliegen zu erledigen haben, um etwa einen Brief in den Postkasten der Gesundheitskasse zu werfen und dafür nicht weit laufen zu müssen.

Wer länger auf dem Markt sitzt, dem steigt durch den stetigen Autoverkehr bald der Geruch von Abgas in die Nase. Von wirklicher Aufenthaltsqualität kann hier nicht die Rede sein. Vielmehr sitzt man an einer Durchgangsstraße.

Tag 2: Fußgänger weichen auf Randbereiche aus

Am 21. April 2021 herrscht auf dem Markt mehr Betrieb. Es ist Markttag. Händler haben einige Buden aufgebaut, mehr Publikumsverkehr ist zu beobachten. Das verleiht dem Platz ein angenehmes Flair. Der Autoverkehr führt aber dazu, dass wieder das alte Prinzip hergestellt wird: Fußgänger außen, Radfahrer daneben und in der Mitte der Autoverkehr. Vielleicht muss man sich als Fußgänger oder Radfahrer erst einmal daran gewöhnen, dass man das Recht hat, auch auf der nur vorgestellten Fahrbahn zu gehen.

So aber sind es vor allem die Fußgänger, die abwarten und dem Autoverkehr den Vorrang einräumen und damit wieder an den Rand der Fläche gedrängt werden. Dabei würden die zahlreichen Sitzgelegenheiten mehr noch als am Vortag zum Verweilen einladen, die Buden machen den Platz gemütlicher, man schaut gern zu. Aber der Autoverkehr stört.

Bezug zum Breiten Weg in Magdeburg

Wenn man das Shared Space-Konzept aus Schönebeck auf den Breiten Weg übertragen würde, würde das wohl bedeuten, dass Autofahrer künftig bis vor die Ladentür fahren würden und sich Fußgänger und Radfahrer den Raum dazwischen teilen müssten. Dabei ist der Breite Weg vor allem im Südabschnitt mit breiten Flächen für alle Verkehrsteilnehmer ausgestattet. Diskussionen zur Verkehrslage gibt es vor allem im Nordabschnitt, wo schon jetzt Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern vorhanden sind. Würden dort auch noch Autos fahren dürfen, wäre das Chaos wohl perfekt.

Andersherum würde man im Süden eine funktionierende Aufteilung der Verkehrsräume aufheben, wobei fraglich ist, ob das den gewünschten Effekt erzielt. Im Südabschnitt des Breiten Weges, zwischen Ernst-Reuter-Allee und Himmelreich- beziehungsweise Bärstraße, müsste zunächst einmal mit erheblichen Kosten umgebaut werden, um eine Shared-Space-Zone einzurichten.

Sicher würde Shared Space insofern funktionieren, dass durch eine größere Unsicherheit langsamer gefahren wird und weniger Unfälle passieren, dass sich mit freieren Verkehrsräumen die Aufenthaltsqualität verbessert, ist fraglich.

Warnung vor Gefahr für mobilitätseingeschränkte Menschen

In die Debatte um einen Shared Space auf dem Breiten Weg schaltet sich auch der frühere Behindertenbeauftragte der Stadt, Hans-Peter Pischner, ein. Er gibt zu bedenken, dass Modelle, bei denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt eine große Fläche nutzen, große Gefahren für Menschen mit Seh- und Mobilitätseinschränkungen entstehen.

Er spricht sich für klare Verhältnisse aus und fordert, sollte es wirklich einen Shared Space geben, ein gutes Blindenleitsystem einzurichten. Seiner Ansicht nach werde in Magdeburg derzeit mehr und mehr das Auto in den Vordergrund gerückt, und dann würden sich die Verantwortlichen wundern, wenn in der Innenstadt keine Aufenthaltsqualität herrscht.

Seiner Meinung nach gewinne eine Innenstadt an Qualität, wenn der Verkehr abnimmt. Es müsse an alle Gruppen der Bevölkerung gedacht werden. „Weniger Lärm, weniger Dreck und mehr attraktive Angebote“ seien notwendig, um die Innenstadt zu beleben. Im Blick behalten sollte man, wie Händler und Gastronomen die Corona-Krise überstehen.

Ermutigung zu neuer Verkehrsplanung

In die Debatte um eine Art Spielstraße in einem Teilabschnitt des Breiten Weges hat sich auch die Regionalgruppe Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung eingebracht.

Sie moniert: „Statt einen zentralen Abschnitt des Breiten Wegs zeitgemäß umzugestalten und so die Innenstadt für alle zu beleben, wird die Debatte auf das Auto verengt. Ein Shared Space ist aber offen für alle, ob zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit E-Bike oder Kinderwagen, Stock, Roller, Rollschuh, Rollator und natürlich auch mit dem Auto oder Lieferwagen – mit entsprechend angepasster Geschwindigkeit.“

Verwundert sind die Mitglieder über die vermeintlichen Alternativvorschläge. Eine „autofreundliche Shoppingzone“ oder die Wiederöffnung des Nordabschnitts des Breiten Wegs für Autos würden die Strategie zur Innenstadtbelebung zunichtemachen.

Autos sollen nicht ausgeschlossen werden

Die Autos der Bewohner, Inhaber, Kunden und Besucher werden nicht ausgeschlossen. Der Erschließungsverkehr bleibt Bestandteil, da er sich in innerstädtisch verträglicher Geschwindigkeit – in der Regel Schrittgeschwindigkeit bis Tempo 20 – bewegt.

„Wir möchten die Entscheider in Magdeburg ermutigen, ein ,Shared Space’-Projekt, wie ursprünglich vorgeschlagen, an zentraler Stelle der Stadtmitte mit einem breiten Beteiligungsverfahren zu erproben“, heißt es in einem an die Medien gerichteten Zwischenruf der Vereinigung.