Magdeburg l Es mutet an wie eine Großbaustelle. Bagger haben im Ehle-Umflutkanal zwischen Zipkeleben und Pechau tonnenweise Erde bewegt; Schilfgürtel wurden abgetragen, dafür auf Gübser Seite eine flache Böschung planiert. Fast so, als würde ein neuer Stadtrand entstehen. Und dann: Mittendrin im Wasser thront ein frisch aufgeschütteter Hügel mit einem Steilhang von etwa 3 Metern Höhe. Manch Spaziergänger oder Radfahrer auf dem Deich rieb sich schon verwundert die Augen.

Eine Insel mitten im Umflutkanal?  Denn auch ein neuer Seitenarm  wurde ausgebaggert. Die bisher schon bestehende Landzunge hat damit ab sofort in eine echte Insellage. Dieses Stück Landschaft, wo sich seit Bau des Pretziener Wehres und des Umflutkanals (Fertigstellung 1876) naturnahe Lebensräume entwickelt haben, wirkt wie umgekrempelt. Dabei sind nicht nur die Alte Elbe, sondern auch der Umflutkanal Teil des Flora-Fauna-Habitats Mittlere Elbe und Natura 2000-Gebiet, also nach EU-Recht besonders geschützt.

Auswirkungen an Modellen überprüft

Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) erklärt auf Nachfrage: Es handelt sich um einen Teil der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für laufende Eingriffe in der Alten Elbe sowie im Umflutkanal an der östlichen Stadtgrenze. Das LHW setze hier die Maßgaben des sogenannten Unterhaltungsrahmenplanes um, wie Direktor Burkhard Henning betont. Dies passiere nach „intensiven Abstimmungen“ mit den Anrainern und Experten auch von anerkannten Naturschutzverbänden. Die Auswirkung jeder einzelnen Maßnahme werde zudem mit hydrologischen Modellen aus der Dresdner Studie überprüft. Ein Spagat zwischen dem Schutz der Bevölkerung vor Hochwasserkatastrophen und Naturschutzbelangen.

Bilder

Sowohl Alte Elbe als auch die Umflut, die wie ein Bypass funktioniert und beim Ziehen des Pretziener Wehres rund ein Drittel des Elbe-Hochwassers an Schönebeck, Magdeburg und den östlichen Gemeinden vorbei leitet, sollen künftig Wassermassen analog 2013 trotzen können. Dafür soll ein sogenannter Referenzzustand durch Rodungs- und Ausgleichsmaßnahmen hergestellt werden – parallel zur Ertüchtigung der Deiche. Der jahrelang freie Bewuchs habe die Grenzen aufgezeigt – das war die Lehre aus der Jahrhundertflut 2013. Was passiert konkret im Bereich der Stadtstrecke Magdeburg? LHW-Direktor Henning beantwortet dazu die Volksstimme-Fragen:

Fragen an den LHW-Direktor

 

Wie viel Bewuchs wird insgesamt entfernt?
Alte Elbe Magdeburg: 4,82 Hektar; Elbeumflutkanal: 21,66 Hektar.

Wie ist der Stand in der Alten Elbe?
Die Fällarbeiten in der Alten Elbe Magdeburg sind abgeschlossen. In den nächsten Tagen beginnt die Rodung der Baumstümpfe. Einige Gehölzarten wie Pappeln oder der invasive Eschen- ahorn treiben auch aus den Seitenwurzeln wieder aus. Deshalb sind im Herbst der kommenden Jahre Pflegearbeiten vorgesehen. Innerhalb der Alten Elbe Magdeburg sind keine Gehölzpflanzungen vorgesehen, um das Abflussvermögen zu erhalten.

Wie weit sind Sie im Umflutkanal?
Die Arbeiten haben im Norden begonnen. Besonders quer zur Fließrichtung verlaufende Gehölze oder solche in hydraulisch sensiblen Bereichen werden entfernt (Grafik). Ein Beispiel sind die Gehölze nördlich der Breitscheidstraße im Umflutkanal. Einzelbäume bleiben aber auch stehen.

Wann geht es weiter?
Die Arbeiten erfolgen jetzt kontinuierlich und werden sich nach Süden bis zum Pretziener Wehr fortsetzen. Die Rodung der Baumstümpfe erfolgt danach. Insgesamt investieren wir 4 Millionen Euro auch in die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen im Umflutkanal, an der Saale und in der Elbaue bei Ringfurth.

Was hat es mit der Insel mitten in der Umflut auf sich?
Auch das ist eine Ausgleichsmaßnahme: 1. Der Abfluss wurde mit einem zweiten Lauf versehen. Ziel war die Inselbildung. 2. Auf den sehr flachen Uferböschungen kann sich Schilf ausbreiten; andererseits hoffen die Fachleute, dass sich an dem Steilufer Uferschwalben und Eisvögel ansiedeln. 3. Die Insel soll mit Weiden bepflanzt werden. Durch die Insellage soll ein störungsarmer Bereich für Brutvögel, aber auch für den Fischotter und Biber entstehen. 4. Die Aufschüttung auf Teilen der Fläche soll zumindest für weniger schwere Hochwasserfälle als störungsfreier Rückzugsort für Tiere dienen (zum Beispiel Biberrettungshügel).

Wie werden die Nachpflanzungen im Kanal aussehen?
Zum Beispiel mit Eichenreihen, die wir parallel zu den Deichen und diesen vorgelagert pflanzen wollen (Herbst 2020). Außerdem werden die Gehölzstreifen entlang der Ehle innerhalb des Umflutkanals ergänzt (Herbst 2020). Gepflanzt werden Arten der Hartholzaue wie Stieleiche, Flatterulme, Feldulme, Feldahorn, Esche und Arten der Weichholzaue wie Silberweide, Fahlweide, Korbweide, Mandelweide und Schwarzpappel.