Kolumne

Impf mich!

Corona - Wie die Angst vor der Schutzimpfung auch in Magdeburg Menschen verzweifeln lässt. Von Märchen und Fakten.

Von Nico Esche

Magdeburg | Eine kleine Anekdote zur Einstimmung: Der Autor dieser Kolumne kam quasi gerade sehr frisch aus dem Süden Deutschlands nach Magdeburg gezogen, um zu studieren. Das Wintersemester hatte begonnen, die Tage wurden kühler, nach diversen Anmeldungen bei den verschiedenen Ämtern, musste zudem ein neuer Hausarzt gesucht werden. Der wurde auch schnell gefunden. Nur mal kurz “Anmelden” und “Hallo” sagen. Auf dem Weg nach draußen hielt die Arzthelferin den jungen Mann auf.
“Ham se sich diesjahr schon jeejen Grippe jeimpft?”
Der Autor verneint.
Die Arzthelferin zieht überrascht die Augenbrauen hoch, deutet mit ihrer Hand zum Nebenzimmer und faucht ein sehr bestimmendes “Aaab”, mit liebevoller Garstigkeit im Ton.

Der Autor dieses Artikels ließ sich an diesem frostigen Nachmittag eine Grippeschutzimpfung setzen. Nicht nur, weil er so perplex über die berüchtigte Direktheit der Magdeburger war, sondern auch wegen diversen schweren Grippeverläufen in seinem nächsten Umfeld - kann ja nicht schaden.

Schnitt, dreieinhalb Jahre später denkt der junge Mann, der sich heute gut im Magdeburger Jargon aufgehoben fühlt, über diese Situation regelmäßig nach. Vor allem im Hinblick auf die Pandemie, die die Welt aktuell in Atem hält. Gefühlt scheint jeder auf das Heilmittel gegen das Coronavirus zu warten: die Wirtschaft, Kneipenbesitzer, bis hin zum Bäcker und Polizisten. Sie warten auf ein Hilfsmittel, oder besser gesagt, auf einen Impfstoff gegen das Virus.

In den vergangenen Wochen kam es weltweit zu einigen Demonstrationen die Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Denkfaule gemeinsam vereinte. Hinzu gesellten sich häufig eine handvoll “Ewig Gestriger”, die jede noch so kleine politisch ausnutzbare Thematik  missbrauchen, um auf Bauernfängerei zu gehen. Bereichert wurde das Geklüngel auch von besorgten Menschen, die Antworten und Lösungen von der Politik fordern.

So auch in Sachsen-Anhalt, wo sich “vom bisher eher unpolitischen Osteopathen in Magdeburg bis hin zu vom Verfassungsschutz beobachteten Rechtsextremen in Chemnitz”, Protestierende versammelten, wie Jana Merkel vom MDR festgehalten hat. Sie demonstrierten gegen die Infektionsschutzmaßnahmen, machten ihrem Unmut Luft.

Und das ist an sich nicht nur eine ernst zu nehmende Welle an Solidarisierung, sondern vor allem nachvollziehbar - immerhin stellen sich nach den vielen Lockerungen der vergangenen Tage einige Fragen. Warum wird Fußball gespielt, während ich mein Kind nicht in die Kita bringen darf? Wieso dürfen Tätowierer ihrer Tätigkeit nachkommen, während ich als Künstler bald am Hungertuch nagen muss? Die Verunsicherung der Protestierenden troff aus jeder Pore. Schwierig nur, dass sich unter ihnen Menschen versammelten, die “zum Beispiel T-Shirts mit gelben Sternen [tragen], die mit dem Schriftzug ‘ungeimpft’ versehen sind”.  Wer darin keine Problematik erkennen kann, sollte sich zügig Hilfe suchen oder die eigene Einstellung hinterfragen.

Auch in anderen Städten finden sich regelmäßig Menschenmengen ein, die ihrem Recht zur Demonstration nachkommen - und ihren Ängsten vor einer, aus ihrer Sicht drohenden, Impfpflicht lautstark Gehör verschaffen wollen. Ihre Argumente: Impfmittel gegen Corona werden zu schnell auf den Markt gebracht, Nebenwirkungen könnten so nicht ausreichend erforscht werden. Keine Nachweise, dass das Mittel zuverlässig zu einer Herdenimmunität führe. Auch die Gefährdung der eigenen Freiheit sehen viele Impfgegner auf sich zukommen, wenn Impfungen zur Pflicht würden. Zu lesen, hier beispielhaft, im Positionspapier “Impfpflicht gegen COVID-19?”

Richtig ist, dass bereits seit einigen Monaten nach einem Mittel gegen Covid-19 geforscht wird. Dementsprechend werden noch Testergebnisse erwartet, mit einem zuverlässigen Impfstoff wird jedoch erst im kommenden Jahr gerechnet, erklärte Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast.

Ein Mittel, das in Deutschland vorschnell auf den Markt gebracht und vom Gesundheitsministerium abgesegnet würde, scheint höchst spekulativ und gerade in Zeiten extreme schallender Echokammern im Netz und explosiver Stimmung auf den Straßen sehr unwahrscheinlich. Zumal einer verpflichtenden Impfung enge rechtliche Grenzen gesetzt sind und solch ein Vorhaben nur “mit Zustimmung des Bundesrates”, also von Bund und Ländern gemeinsam beschlossen werden - “für bedrohte Teile der Bevölkerung”, wie es im Infektionsschutzgesetz heißt. Gerade der zweite eben genannte Teil ergibt im Kontext der Masern-”Impfpflicht” Sinn, die seit diesem Jahr für viele Eltern relevant ist.

Ebenso wenig erforscht ist heute logischerweise die Wirkung eines künftigen Mittels und das mögliche Ausbleiben einer Herdenimmunität, wie im Papier hinterfragt. Kleiner Exkurs zum Thema Herdenimmunität: Eine bestimmte Anzahl an Menschen muss immun sein, damit sich ein Virus nicht weiter ausbreiten kann. Menschen, die sich wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten nicht impfen lassen können, werden so von denen, die geimpft wurden, geschützt. Im Falle von Corona schätzen Wissenschaftler, dass mindestens 60 bis 70 Prozent der Menschheit immun (z.B. geimpft) sein muss, damit es sich nicht weiter verbreiten kann. Auch hier sollte man abwarten und die Virologen, also Experten, die sich der Sache mit ihrem Leben verschrieben haben, arbeiten lassen.

Ein weiterer Kritikpunkt für Skeptiker sind mögliche Nebenwirkungen, die durch eine Impfung entstehen könnten. Das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht hierbei von zwei verschiedenen Stufen, die auftreten könnten. “Impfreaktionen” sind “typische Beschwerden nach einer Impfung”. Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle bis hin zu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Unwohlsein. Diese Reaktionen kommen vor, weil das Immunsystem eine Auseinandersetzung mit dem Impfstoff ausfechtet, klingen aber nach wenigen Tagen komplett ab.

Schwerwiegender sind die “sehr selten” auftretenden “Impfkomplikationen”. Starke Reaktionen auf das Wirkmittel, die auch gesundheitsschädigend sein können. Sie müssen vom Arzt an das Gesundheitsamt gemeldet werden.

Daraus kann ein sogenannter “Impfschaden” entstehen, also einen durch eine Impfung entstandener Schaden, der über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgeht - und im Zweifel sogar eine weitere Person schädigt. In diesem Fall ist der Bund dazu verpflichtet den oder die Geschädigten zu versorgen, festgehalten im Bundesversorgungsgesetz.

2014 berichtete Der Tagesspiegel, dass deutschlandweit in einem bestimmten Zeitraum - nachzulesen im “Nationalen Impfplan” für Sachsen aus dem Jahr 2012 - 10.600 Verdachtsfälle potenzieller Impfschäden vorkamen. Davon wurde für eine mögliche Anerkennung weniger als ein Zehntel beantragt, bewilligt wurden davon sogar nur 169. Im gleichen Zeitraum rechneten Ärzte jedoch 211,2 Millionen[!] Impfdosen ab. Der Brite würde dazu schelmisch sagen: “Do the math”.

Wolfram Hartmann ist Kinder- und Jugendarzt und Vorsitzender seines Berufsverbandes. Er sagte dem Tagesspiegel: “Das öffentliche Bild der Impfrisiken ist eher von Gerüchten und Einzelfällen geprägt.” Beispiele gefällig? Ein vierzehnjähriges Mädchen stirbt kurz nach einer Impfung, der Medienrummel war groß, wurde der Schuldige doch scheinbar beim Impfstoff gesucht und gefunden. Später wurde festgestellt, dass das Mädchen an einer unerkannten, weit fortgeschrittenen Krebserkrankung verstarb, unabhängig vom Mittel.

1998 veröffentlichte der britische Arzt Andrew Wakefield eine schockierende These. So solle eine Impf-Kombi bei Kindern Autismus auslösen. Die These wurde widerlegt, dem Arzt die Zulassung entzogen.

Nur einige wenige Muster, die sich seit Jahren in den Medien tummeln und durch den Äther geschickt werden. Weitere Zahlen erwünscht? Einer repräsentativen Studie des RKI zufolge, wurden im Zeitraum zwischen 2003 und 2006 Eltern von knapp 16.000 Kindern und Jugendliche bis 17 Jahren nach Impf-Nebenwirkungen befragt. So gaben “Eltern von 332 [...] Kindern” an, dass “eine oder mehrere Impfungen schlecht vertragen worden waren.” Also rund 2 Prozent.

Kritisch hinterfragen kann man sicherlich, ob zum einen die veröffentlichten Zahlen korrekt sind und zum anderen, wie die Behörden ihre Messlatten ansetzen, wenn es um Verdachtsfälle geht. Zudem ist es generell niemals verkehrt Sachverhalte zu prüfen, solange sie nicht hinterher aus zwielichtigen Motivationen heraus und mit wackeliger Validität veröffentlicht werden. Zudem muss man beachten, wie und mit welchen Mittel das RKI arbeitet und was sie in ihrer 120-jährigen Geschichte erreicht hat. Auch andere veröffentlichte Studien sollten zwingend ernst genommen, aber selbstverständlich kritisch hinterfragt werden. Denn genau das ist die Grundprämisse der Wissenschaft, seit Jahrhunderten, weltweit.

Zuletzt die Angst der befürchteten “Freiheits-Beraubung” durch einen möglichen Impf-Zwang. Wie sehr wir unsere Freiheit liebgewonnen haben, stellten wir zuletzt fest, als wir zum Homeoffice verdonnert und den Möglichkeiten beraubt wurden, in die Bar zu gehen oder Oma im Pflegeheim zu besuchen. Pflicht also. Die politischen Gewalten schützen ihre Bürger vor Widrigkeiten, Bedrohung, ja, und manchmal auch vor uns selbst. Das zeigt das Beispiel, seine Kinder gegen Masern impfen lassen zu müssen, wie in diesem Jahr festgesetzt - vorausgesetzt die Eltern möchten ihren Nachwuchs in der Kita anmelden.

Großer Bedeutung kommt der zweiten Masernimpfung zu. Diese dient Impflücken zu schließen. Heißt: rund fünf bis neun Prozent der gegen Masern geimpften Kinder bauen nach der ersten Impfung keine Immunität auf. Daher die “Doppelt hält besser”-Maßnahme, um das salopp auszudrücken. Denn: Über 95 Prozent der Menschen müssen zum Erreichen einer Masern-Herdenimmunität gegen die Krankheit resistent sein. Ab 1998 nahm in Deutschland die Bereitschaft einer zweiten Masernimpfung rapide zu. Waren vor 22 Jahren nur rund 15 Prozent der Eltern bereit ihre Kinder zum zweiten Mal zu impfen, waren es 2017 bereits knapp 93 Prozent[!].

Eine konkrete Wirksamkeit bildet sich auch in den Statistiken ab. So sank in Deutschland die Masern-Inzidenzen (Neuerkrankungen). Vom zusammengefassten Zeitraum von 2013 und 2017 pro Mio. Einwohner (11,2), auf 6,2 im Jahr 2019. In Sachsen-Anhalt verringerte sich der Wert sogar um mehr als die Hälfte, von 4,9 auf 2,3 Masern-Neuerkrankungen pro Millionen Einwohner.

Übrigens: Vor der Einführung eines Impfstoffes gegen Masern starben jährlich und weltweit geschätzt zwei bis drei Millionen Menschen an der Krankheit; 2018 waren es 142.000 Tote, überwiegend Kinder unter fünf Jahren. Tendenz steigend.

Eine Impfung also, die von einigen “Querdenkern” am liebsten zur Hölle gejagt werden soll. Eltern, die ihre Kinder impfen, schützen die Kinder besagter Querdenker, werden gleichzeitig von genau diesen oftmals angefeindet. Ein Paradoxon.

Apropos Paradoxon und zurück zu Corona. Wie oft kam es bei einem Gespräch mit Ihnen und Kollegen bei einem Schreibtisch-Kaffee oder der Stullen-Pause zu den Worten: “Also, ich kenne niemanden der Corona hat.” Selbst der Autor dieses Artikels kennt niemanden persönlich, der an dem tödlichen Virus erkrankte oder gar starb. Existiert dieser Virus dann überhaupt, wenn er nicht in meiner Wahrnehmung auftaucht?

Ein gefährlicher Trugschluss, der von Virologen (Experten, die ihr Leben der Erforschung von Erregern gewidmet haben, s.o.) auch als “Präventions-Paradox” bezeichnet wird. Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, die von der Regierung verhängt wurden, zeigen Wirkung - die Ausbreitung wurde so effektiv gering gehalten, dass gefühlt keiner jemanden mit einer Corona-Erkrankung kennt.

Zur Einordnung: Auf rund 82 Millionen Einwohner in Deutschland kommen etwa 187.000 bestätigte Corona-Fälle [Stand: 10. Juni 2020]. Macht also circa 0,23 Prozent Erkrankte in Deutschland, gemessen an der Einwohnerzahl. Die Chance von einem Blitz getroffen zu werden liegt übrigens bei 1,7 Prozent - je nachdem wie viele Spaziergänge man bei Unwetter in der Feldmark unternimmt.

Wir alle leiden unter den getroffenen Maßnahmen, die unser Leben bestimmen und im schlimmsten Fall ganze Existenzen ruinieren. Dass aber genau diese Maßnahmen dafür sorgen, dass Vorerkrankte, Ältere und Kinder geschützt wurden und heute noch werden, steht fest. Der Spagat der Regierung, die Wirtschaft und unser vergleichsweise privilegiertes Leben nicht untergehen zu lassen, und gleichzeitig das Ziel Corona einzudämmen, gelang bislang. Sollte ein Impfmittel auf dem Markt erscheinen, eines, das auf all seine Nebenwirkungen und die Wirksamkeit zweifelsfrei getestet worden ist, werden wir es zu großen Teilen nutzen. Oder vielleicht doch nicht?

Wie bereits berichtet, würden sich mehr als zwei von drei Deutsche gegen Corona impfen lassen, wenn ein Mittel zur Verfügung stünde. Skeptischer sind die Deutschen beim Thema Impfpflicht, hier klettern die Zahlen der Befürworter auf gerade einmal 44 Prozent. Das würde nicht ausreichen, um die bereits oben beschriebene Herdenimmunität gegen das Coronavirus zu erreichen. Ein Blick in die Linse, hin zu unseren Gestaden: Einer (nicht repräsentativen) Umfrage vom MDR zufolge, zeigen sich mitteldeutsche Bürger deutlich weniger skeptisch: 84 Prozent der Befragten aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt würde sich impfen lassen; 43 Prozent von ihnen sogar sofort bzw. frühzeitig.

Ob diese Diskrepanz der Zahlen zwischen Ostdeutschland (84 Prozent) und Gesamtdeutschland (67 Prozent) von der Impfpflicht zu DDR-Zeiten herrührt, lässt sich nur erahnen - so mussten DDR-Bürger bis zu ihrem 18. Lebensjahr bis zu 20 Mal, Menschen in der Bonner-Republik nur ein einziges Mal verpflichtend geimpft werden. Der Autor gehört übrigens teils zu erstgenannten, der von manchen spöttisch betitelte “Ossi-Stempel” auf dem Oberarm als Brandzeichen, warf in dessen Jugend in Süddeutschland viele Fragen auf. Führte aber auch zu Solidarisierung mit anderen zu DDR-Zeiten geborenen Altersgenossen.

Es sind Impfzahlen, die heutzutage jährlich weiter gedrückt werden. Unter anderem von Menschen, die glauben, dass ein Konzernchef alle Regierungen dieser Welt davon überzeugen konnte, Impfmittel mit Mikrochips zu versetzen, die uns kontrollieren sollen - die Massenimpfungen hierfür waren übrigens für den 15. Mai 2020 angesetzt. Oder aber auch, dass die Menschheit mithilfe von Corona auf 500 Millionen Menschen dezimiert werden soll. Warum? Weil dies so (oder so ähnlich) auf einer Steintafel geschrieben steht.

Aktuell stimmen die Zahlen insgesamt positiv. Im Hinterkopf behalten sollte man jedoch, dass diese relativ hohen Zahlen, ausschließlich für eine Impfbereitschaft in Deutschland gelten. In Frankreich sind es gerade einmal knapp über die Hälfte der Befragten, die sich gegen Corona schützen lassen würden. Wie es derzeit weltweit aussieht, ist noch nicht statistisch erhoben. Angesichts rasant steigender Masern-Erkrankungen in den vergangenen Jahren, sollte man kritisch bleiben, jedoch sich gleichauf von einer möglichen Hexenjagd distanzieren - viele Menschen haben schlicht keinen Zugang zu Impfstoffen, weil sie in bitterarmen Ländern oder Konfliktregionen leben (müssen).

Ob sich der Autor wieder so reinen Gewissens eine Grippeschutzimpfung in den Arm jagen lässt, bleibt ob der potenziellen Nebenwirkungen und der Tatsache, nicht zur gefährdeten Gruppe zu gehören, offen. Wegen Corona jedoch, können wir nur Hoffnung in uns tragen, dass dieser Albtraum ein jähes Ende nimmt und wir unsere Mund-Nasen-Masken bald guten Gewissens an den Nagel hängen dürfen.