Magdeburg l Schon von weitem sieht Salaam Salim die Glasflasche im Gras liegen. Zielstrebig hebt der Hausmeister der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg (Wobau) die Flasche auf. „Das kann ganz gefährlich sein, vor allem für spielende Kinder." Mehrmals die Woche zieht Salaam Salim gleich in der Früh seine Runde durch das Wohngebiet an der Johannes-Göderitz-Straße. Die Anwohner kennen ihn bereits gut, nicken ihm freundlich zu, Salaam Salim erkundigt sich nach dem Befinden. Seit fast zwei Jahren ist er dort als Hausmeister im Einsatz.

Während er im nächsten Hauseingang nach dem Rechten sieht, kommen zwei junge Männer um die Ecke und beginnen mit ihm ein aufgeregtes Gespräch. Sie sprechen Arabisch. Salaam Salim stammt aus dem Irak und kann sich mit den Männern problemlos verständigen. Genau das macht ihn für die Wobau so unersetzlich. Salaam Salim ist 1996 mit seinem zwei Jahre alten Sohn und seiner schwangeren Frau vor dem Krieg im Irak geflohen. 20 Jahre später ist die gesamte Familie eingebürgert und in Magdeburg längst beruflich angekommen. Die Tochter hat Psychologie studiert, die Frau hat einen Job in der Gastronomie. Viele Jahre hat auch der heute 54-Jährige, der als junger Mann in Bagdad ein kaufmännisches Studium abschloss, im Gaststättenbereich gearbeitet. Von seinen Kellner-Kollegen lernte er damals Deutsch.

Müll ist ein großes Thema

Kommt Salaam Salim heute mit Mietern ins Gespräch, die auch eine Flucht hinter sich haben, rät er ihnen ganz klar: Nutzt die Chance eines Integrationskurses, er hatte diese Option damals nicht. Doch nicht nur dazu ruft der Hausmeister seine Mieter auf, sondern vor allem zur Ordnung. Wichtigstes Thema für den Hausmeister: der Müll. Er kontrolliert nicht nur, ob korrekt sortiert wird, sondern auch, ob alles in der Tonne landet – und nicht daneben. Denn dieser Abfall und auch der, der hin und wieder einfach aus dem Fenster geworfen werde, zieht Ratten an. „Sobald ich Löcher entdecke oder es im Keller komisch riecht, rufe ich eine Spezialfirma." Jede Menge Telefonate kommen auch immer dann auf Salaam Salim zu, wenn wieder jemand seinen Sperrmüll einfach vor dem Haus ablädt. „Ich frage dann erst bei der Stadt nach, ob der Sperrmüll angemeldet ist. Wenn nicht, muss eine Firma beauftragt werden."

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Zum Bereich des Hausmeisters gehören 650 Wohnungen. Er behält regelmäßig im Blick, ob die Flure und Keller zugestellt werden. „Das ist wichtig wegen der Brandgefahr." Hängt Salaam Salim Zettel mit Hinweisen im Hausflur aus, übersetzt er sie gleich auch auf Arabisch und gegebenenfalls auf Englisch. In puncto Unordnung würden sich deutsche und ausländische Mieter nichts nehmen. Salaam Salim: „Ich akzeptiere jeden als Menschen, egal welche Kultur oder Religion."

Nächste Generation im Blick

Was die Akzeptanz untereinander in seinen Wohnblocks betrifft, spricht der Hausmeister von einem Problem, das es überall auf der Welt gebe. „Es gibt Leute, die akzeptieren die anderen und es gibt andere, die tun das nicht." Sein Maßstab lautet jedoch ganz klar: „Ein Miteinander funktioniert nur, wenn sich die Neuen hier einfügen." Salaam Salim ist der Überzeugung, dass spätestens die nächste Generation sich der deutschen Lebensart angepasst hat. Und dazu gehört: Feste Regeln in einer Mietswohung einhalten, wie zum Beispiel die Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr. Der Hausmeister: „Die ausländische Mentalität ist da manchmal anders." Erst letztens habe er einen neu eingezogenen Syrer ermahnen müssen, dass er um 14 Uhr nicht in der Wohnung bohren darf.

Salaam Salims Sohn arbeitet jetzt auch bei der Wobau – als Vermieter. Er beherrscht genauso gut Arabisch, obgleich seine Muttersprache Deutsch ist. Zu Hause wird noch oft Arabisch gesprochen und im Fernseher laufen arabische Sender. „Meine Heimat bleibt eben meine Heimat", so Salaam Salim. Er sagt allerdings auch: „Wenn ich hier zur Arbeit komme, ist es wie meine zweite Wohnung." Der 54-Jährige liebt seinen Job.

Vorbehalte bei Vermietern

In den vergangenen zwei Jahren sind in mehr als 2000 Wohnungen der Wobau Flüchtlinge eingezogen. Bei dem kommunalen Unternehmen hat man sich offenbar auf die neuen Mieter eingestellt. Geschäftsführer Peter Lackner spricht von Mitarbeitern aus dem arabischen Raum, die dolmetschen können und von Informationsblättern in den verschiedenen Sprachen. Geht es nach dem Runden Tisch für Zuwanderung und Integration und gegen Rassismus, finden noch nicht genügend Flüchtlinge in Magdeburg eine eigene Wohnung. Dieses Thema wurde während der jüngsten Sitzung des Runden Tisches in Magdeburg diskutiert. „Das Problem haben viele Kommunen", sagt Stefanie Mürbe vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt.

Sowohl Alleinreisende als auch besonders große Familien hätten es enorm schwer. Vorbehalte – auch gegenüber den zeitlich begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen – seien ein Grund dafür. Dass bereits ein Teil der Flüchtlinge aus den Gemeinschaftsunterkünften in Wohnungen in Magdeburg umziehen konnte, lobt der Runde Tisch. Allerdings: Die Geflüchteten würden zu sehr auf einem Fleck wohnen. Die Wohnungen sollten besser über das Stadtgebiet verteilt sein. „Sonst kann kein Kontakt zu deutschen Nachbarn entstehen", macht Stefanie Mürbe deutlich. Sie betont: Gerade für Familien mit Kindern sei es wichtig, so schnell wie möglich zur Normalität zurückzufinden.

Bei der Magdeburger Wohnungsgenossenschaft (MWG) achtet man deshalb darauf, dass in verschiedenen Hauseingängen Wohnungen an Flüchtlingsfamilien vermietet werden. So könne nach und nach ein Miteinander unter den einzelnen Familien im Haus entstehen, erklärt MWG-Geschäftsführer Thomas Fischbeck. Aktuell seien circa 100  Wohnungen an Flüchtlinge vermietet, darunter vor allem Familien aus Syrien.

Regelmäßige Veranstaltungen

Da die Mitglieder der Genossenschaft auch Miteigentümer sind, habe man mit ihnen vorher das Thema besprochen, erklärt Thomas Fischbeck. Die Meinung sei einheitlich gewesen: „Ja, wir öffnen uns." Seitdem gibt es regelmäßig Veranstaltungen, beim gemeinsamen Essen und mit der Unterstützung von Übersetzern können sich die Mieter kennenlernen. Die MWG-Stiftung hat das Ganze in die Hand genommen, sogar einen eigenen Integrationskurs auf die Beine gestellt, „und die alten und neuen Mieter zusammen an einen Tisch gebracht", so Fischbeck.

Der Austausch und der Kontakt untereinander sind auch für Hausmeister und Dolmetscher Salaam Salim das Nonplusultra in Sachen Integration. Es müsse miteinander geredet werden. Und das gehe eben anfangs nur in der Sprache, die die Geflüchteten auch verstehen. Zwei Tage die Woche ist Salaam Salim deswegen in der Wobau-Geschäftsstelle vor Ort, um zu dolmetschen. Er informiert zukünftige Mieter, er hilft bei Problemen und er übersetzt Schriftstücke. Hat ein Wobau-Mitarbeiter mal vor Ort Verständigungsprobleme mit einem Mieter, ist Salaam Salim sofort zur Stelle.