Kultur

Julien Chavaz baut das Theater Magdeburg um

Ein junges Trio für die Spitze des Schauspiels ist Botschaft aufs Credo des künftigen Magdeburger Generalintendanten.

Von Katja Tessnow
Nach der Abschiedsspielzeit von Karen Stone übernimmt im Sommer 2022 Julien Chavaz das Ruder am Theater Magdeburg mit seinen beiden Spielstätten, dem Schauspiel- und dem Opernhaus. Die Weichen für die  Neuausrichtung sind hinter den Kulissen längst gestellt.
Nach der Abschiedsspielzeit von Karen Stone übernimmt im Sommer 2022 Julien Chavaz das Ruder am Theater Magdeburg mit seinen beiden Spielstätten, dem Schauspiel- und dem Opernhaus. Die Weichen für die Neuausrichtung sind hinter den Kulissen längst gestellt. Fotos: dpa/Montage: Volksstimme

Magdeburg - Das Magdeburger Schauspiel wird künftig nicht mehr von einem Direktor oder einer Direktorin, sondern von einem jungen Trio aus Regisseurin, Dramaturg und Ausstatter angeführt. Karen Stones Nachfolger Julien Chavaz will ab 2022 mit einem Theater-Kollektiv zu neuen Ufern streben.

Der Schweizer selbst – aktuell noch als Intendant in Diensten der Nouvel Opéra Fribourg (Neue Oper Freiburg) und mit einer Reihe von Gastspielen befasst – äußert sich nur sehr zurückhaltend zu Informationen, die über seine Pläne fürs Theater Magdeburg häppchenweise und hinter den Kulissen durchgereicht werden. „Die Findung und Zusammensetzung des neuen künstlerischen Teams für das Theater Magdeburg ist ein hochspannendes Verfahren. Ich habe mich in den letzten sechs Monaten dem intensiv gewidmet und bin zu sehr erfreulichen Resultaten gekommen“, sagt Chavaz auf Nachfrage der Redaktion. „Heute ist die Mannschaftsaufstellung so gut wie abgeschlossen.“

Neue Theaterführung stellt sich Ende August vor

Gemeinsam mit Vertretern von Stadt und Land – den beiden großen Geldgebern fürs Theater – will Chavaz die neue Führung des Hauses unter seiner Ägide in Gänze präsentieren. Für den Juli dazu anberaumte Termine wurden allerdings wieder und wieder vertagt, weil einerseits die Tinte noch nicht unter allen Verträgen trocken ist und andererseits nicht alle Köpfe, die der neuen Magdeburger Theaterführung angehören sollen, für einen Termin noch im laufenden Monat vor Ort zu versammeln waren.

So begründet die Magdeburger Kulturbeigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz (Grüne) auf Nachfrage die Verschiebung und avisiert gemeinsam mit Chavaz einen neuen Termin. „Ich freue mich, das Gesamtpaket im August vorstellen zu können“, kündigt der neue Mann für die Theaterspitze an. Stieler-Hinz orientiert auf ein Datum am Monatsende und ist ebenfalls voller Vorfreude. „Das Schiff nimmt neuen Kurs auf. Ich bin sicher, dass es ein guter Kurs ist“, sagt sie über die Neuausrichtung des Theaters unter Chavaz und das, was ihr dazu bekannt ist. Das dürfte jede Menge sein, denn die im Amt selbst noch junge Magdeburger Kulturbeigeordnete (seit Juli 2020 in Verantwortung) hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen die Findung des neuen Intendanten federführend begleitet und ist dicht dran am Umbauprozess. Zwar obliegt dieser allein dem neuen Generalintendanten – er hat die personelle und künstlerische Hoheit – allerdings muss am Ende alles ins Budget passen, was die Unabhängigkeit einigermaßen relativiert.

Das Theater Magdeburg hat rund 400 Mitarbeiter und verfügt über ein Jahresbudget von 33 Millionen Euro, davon knapp 90 Prozent aus Fördergeld von Stadt und Land.

Spannung um Nachfolge von Ballettchef Galguera

Für hohe Wellen und Misstöne hat bereits in den vergangenen Monaten die erste öffentlich gewordene Personalie vor Beginn der Ära Chavaz am Theater gesorgt. Der neue Intendant strebt keine Zusammenarbeit mit Ballettchef Gonzalo Galguera an und stellt eine Vertragsverlängerung nicht in Aussicht. Galgueras Ballett hat reichlich Freunde in Magdeburg und weit darüber hinaus. Chavaz begründet seine Entscheidung formal künstlerisch, bleibt eine Erklärung dazu, wie er das Ballett in Magdeburg künftig ausrichten will und unter wessen Führung, bisher schuldig. Ende August sollen auch diese Fragen beantwortet werden, sagt Stieler-Hinz und dass das Ballett in der Folge eher eine Stärkung am Haus erfahren solle als das von mancher Seite befürchtete Gegenteil bis hin zur Spartenschließung. Sie drohe keineswegs, so Stieler-Hinz. Mehr im August.

Trio für die Schauspiel-Spitze

Eine Botschaft aufs Kommende ist die Neubesetzung der Spitze des Schauspiels als kreativer Keimzelle am Vier-Sparten-Haus. Für dessen Leitung hat Chavaz die Regisseurin Clara Weyde, den Dramaturgen Bastian Lomsché und Clemens Leander für Ausstattung, Kostüm- und Bühnenbild gewonnen (Vitae siehe unten). Alle drei sollen das Schauspiel gleichberechtigt führen. Das Konzept wurde den Mitgliedern des Kulturausschusses im Stadtrat Magdeburg bereits vor Wochenfrist in nichtöffentlicher Sitzung präsentiert. Das neue Trio gilt als Botschaft auf einen neuen Kollektiv-Gedanken, dem sich auch die neuen Führungen der drei anderen Sparten (Musiktheater, Ballett und Konzert/Orchester) unterordnen sollen. Chavaz strebt ein stärkeres Miteinander aller Sparten an, hinter den Kulissen und auf der Bühne. Das gab er schon kurz nach seiner Bestellung zum neuen Theaterchef im Dezember 2020 im Stadtrat zu Protokoll. Stieler-Hinz bestätigt das neue Trio an der Schauspielspitze als gesetzt und vertraglich gebunden. Zu ihren Plänen äußern möchte sich die neue Schauspiel-Führungscrew auf Nachfrage noch nicht. Auch ihr gilt der August-Termin als Sperrfrist zur Präsentation.

Letzte Spielzeit unter Karen Stone

Bis zum Amtsantritt von Julien Chavaz als Magdeburger Generalintendant ist noch eine Spielzeit Luft – 2021/22 steht die Abschiedsvorstellung von Karen Stone an. Nach 13 Magdeburger Spielzeiten und mit dann 70 Lenzen begibt sich Stone im Sommer 2022 in den Ruhestand. Ihr Nachfolger ist 39 Jahre jung. Es steht ein Generationswechsel ins Haus und mit ihm ein Umbruch an den Magdeburger Bühnen. Das Publikum darf gespannt sein und die ganze Stadtgesellschaft obendrein. Das Theater Magdeburg strebt mit neuer Führung und neuem Stil eine neue Wahrnehmung an.

Drei Köpfe für das Schauspiel

Eine Frau und zwei Männer leiten ab der Spielzeit 2022/23 das Schauspiel in Magdeburg. Das sind:

Clara Weyde, Jahrgang 1984, studierte Kommunikations-/Politikwissenschaft/Politische Kommunikation in München/ Berlin, engagiert in Entwicklungshilfeprojekten unter anderem in Guatemala und Indien, 2009 bis 2011 Regieassistenz Theater Bremen, 2011 bis 2015 Regiestudium Theaterakademie Hamburg, inszenierte zum Beispiel am Staatsschauspiel Dresden, in Graz, Hannover, Hamburg, Bonn und auf Kampnagel (Hamburg), darunter Uraufführungen wie von Daniel Kehlmanns Roman „F“, Jens Rehns „Nichts in Sicht“, „Supergutman“ von Lukas Linder oder „Ruhig Blut“ von Eleonore Khuen-Belasi. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rolf-Mares-Preis in der Kategorie „Herausragende Inszenierung“ und dem Berganus-Preis des Freundeskreises des Deutschen Schauspielhauses Hamburg; sie waren auf diversen Festivals zu sehen, unter anderem auf den Autorentheatertagen am Deutschen Theater oder „100°“ Berlin. (Quelle: claraweyde.de)

Bastian Lomsché, Jahrgang 1983, Ausbildung zum Bankkaufmann, Studium der Literaturwissenschaften und Geschichte (Universität Hamburg), promovierte drei Jahre zu „Phantastischer Literatur“ ehe er ans Theater wechselte. Lomsché arbeitet 2015 zunächst in verschiedenen Positionen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, seit 2017 als Dramaturg; Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Christoph Marthaler und Karin Beier, daneben tätig als Betriebsrat und Mitglied in der Mitarbeiter-Interessenvertretung „ensemble-netzwerke“. (Quelle: schauspielhaus.de)

Clemens Leander, Jahrgang 1988, studierte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte in Berlin und assistierte parallel bei Kostüm- und Bühnenbildern; seit 2009 als Kostümbildner tätig, 2013 bis 2015 Leiter Kostümabteilung am Theater an der Parkaue, Junges Staatstheater Berlin, seit 2015 freischaffend unter anderem in Hannover, Hamburg, Bielefeld, Bonn, Graz, Nürnberg, Berlin; seit 2016 Leitung Kostümabteilung bei den Salzburger Festspielen, 2018/19 stellvertretender Kostümleiter am Wiener Burgtheater. (Quellen: clemensleander.com, staatstheater-nuernberg.de)