Magdeburg l Dass in dem großen Klinkerbau an der Ecke Freiherr-vom-Stein-Straße/Gagernstraße in Magdeburg gebetet wird, wissen nur Eingeweihte. Nur das kleine Kreuz über dem Eingang deutet darauf hin, dass ihn die Matthäusgemeinde als Kirche und Gemeindehaus nutzt. Fast abweisend wirkt der Bau – Schicksal seiner Entstehung in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit dem derzeit geplanten Glockenturm soll sich das ändern, sagt Sören Wilmerstaedt, Vorsitzender des Gemeindebeirats. „Wir wollen auf uns aufmerksam machen und uns auch nach außen öffnen“, betont er.

Keine ausgediente Glocke nutzen

Seit gut drei Jahren laufen schon die Planungen, jetzt soll das Projekt in die finale Phase gehen. Sobald die Finanzierung in Gänze steht, kann die 160.000-Euro-Konstruktion umgesetzt werden. Sie besteht aus mehreren Stahlteilen, die Glocke hängt an der Spitze an der frischen Luft. Der Glockensachverständige der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat die Gemeinde intensiv dazu beraten. So stand auch die Option im Raum, die ausgediente Glocke einer anderen Gemeinde zu kaufen. „Es gibt tatsächlich einen regen Gebrauchtglockenmarkt“, sagt Sören Wilmerstaedt.

Man hat sich dann aber doch für einen Neuguss entschieden. Mehrere Gießereien haben Angebote abgegeben, der Zuschlag steht noch aus. Gut 500 Kilogramm soll die Glocke wiegen, die sich mit ihren Gravuren dem Thema Frieden widmen soll. Denn sie soll künftig auch in regelmäßigen Abständen zu einem Friedensgebet rufen, sagt Sören Wilmerstaedt.

Um insbesondere den unmittelbaren Anwohnern die Sorge vor stündlichem Glockenlärm zu nehmen, verweist er darauf, dass nur zu liturgischen Anlässen geläutet werden soll, also Taufe, Hochzeit oder eben Gottesdienst. „Ein Stundenschlag wäre auch gar nicht genehmigungsfähig“, sagt er.

Das Interesse bei einer öffentlichen Infoveranstaltung vor einigen Wochen war aber gering, die meisten Besucher waren Gemeindemitglieder. Die Matthäusgemeinde hat derzeit gut 850 Mitglieder. „Bei uns geht es sehr familiär zu“, sagt Sören Wilmerstaedt.

Biblischer Garten rund um den Turm

Rund um den Turm soll ein „biblischer Garten“ angelegt werden. Dort werden nur Pflanzen wachsen, die in der Bibel erwähnt werden. Er wird bewusst so geplant, dass auch dort Veranstaltungen durchgeführt werden können. Durch Sitzbänke soll er zudem als öffentlicher Platz von den Stadtfeldern genutzt werden. „Wir möchten einen Identifikationsort schaffen und die Akzeptanz im Kiez erhöhen. Wenn es später mal heißt, wir treffen uns am Glockenturm, wäre das doch schön“, sagt der Gemeindebeiratsvorsitzende.

Die Finanzierung ist noch nicht ganz rund. Neben einem Drittel Eigenanteil aus Spenden kommen je ein weiteres Drittel von der EKM und dem Kirchenkreis sowie öffentlichen Fördermittelgebern. Um Geld zu sammeln, gab es bereits ein Benefizkonzert. Weitere Spendenaktionen sind geplant.

Beispiele in Nord und im Hopfengarten

Die Gemeinde hofft, dass der Bauantrag Anfang des neuen Jahres eingereicht werden kann. Zum 1. Advent 2020 – dem Beginn des Kirchenjahres – soll dann die Glocke idealerweise erstmals zum Gottesdienst läuten.

Es ist nicht der erste neue Glockenturm an Magdeburger Gemeinden. Auch die Markusgemeinde in Stadtfeld-West plant derzeit einen Neubau. Die Hoffnungsgemeinde in Nord hatte ihren Glockenturm 2013 eingeweiht, die Christusgemeinde im Hopfengarten konnte bereits wenige Monate zuvor 2012 ihr Geläut erstmals nutzen.