Magdeburg l Dort, wo ihr Job endet, beginnt für Nicole John das ehrenamtliche Engagement – im Krankenhaus. Als Rettungsassistentin bringt die 25-Jährige zumeist schwerkranke Patienten in die Notaufnahme. Mit der Übergabe an einen behandelnden Arzt endet normalerweise ihre Verantwortung. Doch „aus den Augen, dem Sinn“ funktioniere bei ihr nicht. „Oft habe ich mich gerade bei jungen Patienten gefragt, was danach mit ihnen passiert, wie es ihnen geht und was sie machen“, erzählt sie. Manchmal wohl wissend, dass die Kinder sehr lange im Krankenhaus bleiben müssen.

Eines Tages, als sie mit einer kleinen Patientin im Rettungswagen saß und darüber nachdachte, wie man Kindern den Krankenhausalltag erträglicher machen könnte, sei sie auf die Idee der Kinderklinikkonzerte gekommen. Getreu dem Motto: Musik ist die beste Medizin.

Das Leuchten in den Augen

Von dieser Idee erzählte sie kurzerhand Freundin Nadja Benndorf und fand in ihr nicht nur eine Fürsprecherin, sondern eine Mitstreiterin. Als Vorsitzende des Fanclubs der A-cappella-Band „Medlz“ hatte Nadja Benndorf sogleich eine Band für das erste Konzert parat. Und so fand im Januar 2011 das allererste Kinderklinikkonzert statt; damals noch auf der Kinderkrebsstation in Dresden. „Das Leuchten in den Augen der Kinder, die Aufregung, Freude und die vielen positiven Reaktionen danach haben uns bestärkt, dass das, was wir da tun, gut ist“, erzählt Nadja Benndorf. Ein Jahr später fand erneut ein Kinderklinikkonzert statt, ebenfalls mit den „Medlz“ und auf allen fünf Kinderstationen der Uniklinik Dresden.

Mit dem Umzug von Nicole John nach Magdeburg zog dann auch die Initiative in die Landeshauptstadt. „Wir wollten weitermachen. Die kleinen Patienten sind unser größter Antrieb“, erzählt die Rettungsassistentin.

Unterstützung der Krankenhausleitung des Klinikums Magdeburg und ein enger Draht zum Team der DRF Luftrettung, die ihren Hangar zur Verfügung stellen, ermöglichten, die Idee des Kinderklinikkonzert-Projektes auch in Magdeburg umzusetzen. 2013 fand mit der Band „3Berlin“ das dritte Kinderklinikkonzert statt – erstmals im Olvenstedter Krankenhaus. Die beiden jungen Frauen hatten bewiesen, dass ihr „kleines Projekt“ keine Eintagsfliege ist und fanden zunehmend Unterstützer. Auch in der Öffentlichkeit wurde ihr Engagement wahrgenommen, sie gewannen Preise wie den Jugendengagementwettbewerb Sachsen-Anhalt und den „HelferHerzen“-Preis (beide 2014). Sie wurden zu Ministerpräsident Reiner Haseloff (2014) eingeladen und zu Bundespräsident Joachim Gauck (2015).

Mit Revolverheld überrascht

Bestärkt durch die Dankbarkeit der Kinder und den Zuspruch der Eltern und Kliniken trauten sie sich 2014, einen Schritt weiter zu gehen und mit Revolverheld eine populäre Band anzusprechen. Und die war von der Idee nicht weniger angetan. Das Konzert wurde ein riesengroßer Erfolg. Die Kinder waren hin und weg, für ein paar Minuten waren Krankheit, Schmerz und Operationen vergessen. Und nicht nur für sie. „Die Konzerte sind auch für die Geschwisterkinder gedacht, denn sie fallen meist hinten runter. Für Eltern und Krankenschwestern sollen die Konzerte ebenso ein kleiner Lichtblick sein, schließlich ist es auch für sie kräftezehrend, sich um ein krankes Kind zu kümmern“, erklärt Nicole John.

Nach Revolverheld folgten weitere Kinderklinikkonzerte mit Jupiter Jones (2015) und Silbermond (2016). Allesamt unvergessliche Erlebnisse für die kleinen Patienten, die inzwischen auch aus anderen Kliniken dazugeholt werden. Für die Organisatorinnen sind diese Konzerte nicht minder voller besonderer Momente. „Es bringt auch für unser Herz ganz, ganz viel und erdet uns“, erzählt Nicole John und erinnert sich: „Bei einem Konzert ist beispielsweise ein schwerstbehindertes Kind, das am Vormittag noch ganz apathisch war, so sehr aufgeblüht, dass selbst die Ärzte ins Staunen gerieten.“ Und beim jüngsten Silbermond-Konzert begann ein Mädchen beim Anblick der Band bitterlich zu weinen. Sie hatte Karten für das Konzert auf dem Domplatz, zu dem sie aber wegen ihrer Erkrankung nicht gehen konnte. Dass sie die Band nun so hautnah erleben durfte, war für das Mädchen ein Herzenswunsch, der in Erfüllung ging. „Solche Momente sind der Lohn für den Aufwand.“

Auch in anderen Städten

Und aufwendig ist die Organisation allemal. Denn längst ist das einst kleine Projekt den beiden jungen Frauen entwachsen. Die Medizin Musik brachten sie nämlich nicht nur auf die Magdeburger Kinderstation, sondern auch auf die Berliner, Göttinger und Leipziger. Hamburg und Erfurt stehen zudem für das kommende Jahr auf dem Plan.

Das bedeutet allerdings auch mehr als dreimal so viele Spendengelder zu sammeln und Spielzeug aufzutreiben, Hunderte Geschenktüten zu packen und organisatorisch ein kleines Wunder zu vollbringen. Manchmal telefonierten die Freundinnen drei, gelegentlich sogar vier Stunden, um die Organisation zu händeln. „Wir hatten gemerkt, dass das Projekt eine Größe angenommen hat, die wir allein nicht mehr stemmen können“, erklärt Nicole John. Mittlerweile gab es zwar viele Helfer, aber der rechtliche Rahmen fehlte und als offiziell angemeldeter Verein sei eben vieles einfacher – Spenden sammeln, Sponsoren finden, Bands anwerben.

Verein mit 17 aktiven Mitgliedern

Und so gründeten sie im März 2015 den Magdeburger Verein Kinderklinikkonzerte e. V., der innerhalb eines Jahres von 7 auf 17 aktive Mitglieder anwuchs. „Nun müssen wir lernen, hier und da loszulassen“, verrät Nadja Benndorf und versichert, „das ist gar nicht so einfach“.

Doch anders ginge es nicht mehr. Sie selbst wohne in Berlin und pendele nach Magdeburg. Nicole John hat als Rettungsassistentin 24-Stunden-Dienste und ohnehin einen strammen Zeitplan. Daher sind die beiden jungen Frauen auch stellvertretend für den gesamten Verein als Magdeburger des Jahres nominiert.

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