Magdeburg l Kultur muss gefördert werden, um sich zu entwickeln. Geld stehe dabei häufig im Weg. Ob für den Konsumenten, der für sich den Zugang zu Kultur finanzieren muss. Oder für den „Produzenten“, der nach Wirtschaftlichkeit und Profit strebt.

Sich davon weitgehend freizumachen versucht das Kulturkollektiv um Gina Maria Mund (29) und Philipp Kloss (29) mit seinem Projekt „Wohnzimmerkonzerte Magdeburg“. Ehrenamtlich veranstalten sie Konzerte in gemütlicher Atmosphäre und setzen dabei auf das Konzept des „freien Eintritts“. Zwar erhalten die auftretenden Musiker nach dem Konzert eine Gage – sie können schließlich nicht von Luft und Liebe leben –, doch das Publikum zahlt nur, was es bereit ist zu geben. Denn: „Wir möchten, dass Kultur nichts Elitäres ist. Wir wollen sie für jeden zugänglich machen“, erklärt Philipp Kloss.

Fast 50 Leute helfen beim Projekt mit

Funktionieren kann das nur, wenn Gleichgesinnte einander unterstützen, verdeutlicht er. Und so steht hinter Gina Maria Mund und Philipp Kloss nicht nur ein Team aus 46 Enthusiasten, sondern auch andere kulturschaffende Initiativen wie „Castellum Cultura“, „Tor5“, „Liebe für alle“ u. v. m. „Jeder bringt das ein, was er kann“, erklärt Gina Maria Mund.

„Wir haben Freunde, die das Catering für die Künstler übernehmen, andere, die die Künstler betreuen. Wir haben Teammitglieder in der Redaktion, Licht- und Tontechniker, Unterstützer, die sich um die Deko kümmern und andere, die Film- und Fotoaufnahmen machen.“ Alle machen unentgeltlich mit, alle aus Leidenschaft zur Musik und für das Format, allesamt sind Freunde. Mitunter greifen die Veranstalter auch in die eigene Tasche, um den Künstlern eine angemessene „Gage“ zu zahlen.

Fünf Jahre Konzerte in Magdeburg

Seit fünf Jahren holt das Kollektiv Musik dorthin, wo sie normalerweise nicht stattfindet. Das können Wohnzimmer sein, aber auch Gärten, Dachterrassen oder Büros. Die Konzerte finden im privaten Rahmen statt, doch die Plätze sind begrenzt.

Zwar werden die Künstler in sozialen Netzwerken bekanntgegeben, doch wo das Konzert stattfindet, erfahren die Gäste erst nach der Anmeldung. Und die Plätze sind begehrt, zumeist haben Gina Maria Mund und Philipp Kloss deutlich mehr Anmeldungen als Kapazitäten. Das Projekt hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung und Größe gewonnen.

Alles beginnt mit einer Couchsurferin

Als die „Idee“ der Wohnzimmerkonzerte geboren wurde, bildeten lediglich die engen Freunde das Publikum. Mitbegründerin Tina Breitkreutz habe damals eine Couchsurferin, eine Musikerin, bei sich zu Gast gehabt, erinnert sich Philipp Kloss. Sie bedankte sich mit einem kleinen Wohnzimmerkonzert. Das sei auf so gute Resonanz gestoßen, dass sie ein Konzept entwickelten, dessen Grundlage die „Hutkasse“ ist.

Das allererste „offizielle“ Wohnzimmerkonzert fand mit der Magdeburger Band „The Kickboard Drivers“ bei Philipp Kloss daheim statt. „Das war zu einer Zeit, als es für die Gastronomen am Hassel immer komplizierter wurde, Konzerte zu veranstalten. Wir haben gemerkt, dass wir diese Nische füllen können.“

Tages-Open-Air im Glacis-Park

Das liegt etwa 120 Konzerte zurück. Vor wenigen Monaten feierte das Projekt sein fünfjähriges Bestehen mit einem Tages-Open-Air zum Geburtstag im Glacis-Park – der Eintritt war frei, die „Hutkasse“ ging rum, Tausende feierten mit.

Längst stammen die Bands, die bei den Wohnzimmerkonzerten auftreten, nicht mehr nur aus der Region, sondern aus der ganzen Welt. Denn: „Wenn musikalisch und künstlerisch nichts reinkommt, bewegt man sich im eigenen Saft“, erklärt Philipp Kloss. Der künstlerische Austausch finde nicht zuletzt auch unter den Musikern statt.

Fehlendes Verständnis

Die Wertschätzung für das, was die Wohnzimmerkonzerte auch für die Gesellschaft leisten, fehle den Veranstaltern manchmal. „Es fehlt das Verständnis, dass hinter dem, was wir machen, keine Firma steht, die Geld kassiert. Gemeinnützige Arbeit ist etwas sehr Wertvolles. Das darf man nicht vergessen“, betont Gina Maria Mund.

Doch bei allem ehrenamtlichen Engagement stoßen auch sie an ihre Grenzen. Etwas Unterstützung bei der Unterbringung der Musiker oder beim Transport würden sie sich wünschen. Gern möchten sie auch Leerstände zwischennutzen und mit Musik füllen. Doch die Hürde, an die Eigentümer ranzukommen und Auflagen zu erfüllen, sei noch zu groß.

Wenige Beschwerden wegen Lärm

Dankbar sind sie jedoch für das Verständnis, das Nachbarn ihnen entgegenbringen. Erst zwei-, dreimal habe es Beschwerden wegen Lärmbelästigung gegeben. „Wir bemühen uns sehr, dem vorzubeugen“, erklärt sie. Alle Nachbarn werden vorab informiert und auch das Ordnungsamt Magdeburg weiß Bescheid, wenn in „Nachbars Wohnung“ eine Band spielt.

Vielleicht liegt die Akzeptanz aber auch am guten Musikgeschmack der Veranstalter.

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