Literatur

Magdeburger Literaturhaus erhält überraschend Nachlass von Autor Otto Bernhard Wendler

Otto Bernhard Wendler war 1. Vorsitzender des Schriftstellerverbandes im Bezirk Magdeburg. Sein Nachlass wurde kürzlich entdeckt und dem Literaturhaus Magdeburg geschenkt. Ab dem 6. Juli sind ausgewählte Stücke in einer Kabinettausstellung zu sehen.

Von Christina Bendigs
Blick auf den Nachlass von Otto bernhard Wendler.
Blick auf den Nachlass von Otto bernhard Wendler. Foto: Literaturhaus Magdeburg

Magdeburg - Ein Überraschungsfund in einem Berliner Keller hat im Literaturhaus in Magdeburg für Begeisterung gesorgt. Der schon verschollen geglaubte Nachlass des früheren 1. Vorsitzenden des Magdeburger Schriftstellerverbandes, Otto Bernhard Wendler (1895 bis 1958), ist bei einer Familie in Berlin zutage befördert worden.

Der Eindruck: Der aus Sachsen stammende Otto Bernhard Wendler, der von vielen einfach nur OBW genannt worden sei, habe ein umtriebiges Daseins geführt – charakterisiert durch die markanten gesellschaftshistorischen Umbrüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bekannt wurde Wendler hauptsächlich durch seine Romane, Jugend- und Filmdrehbücher, aber auch durch seine Puppenspiele für Kinder und Theaterstücke. Später lebte er in Burg bei Magdeburg und wurde – seit 1952 Vorsitzender des Schriftstellerverbandes im Bezirk Magdeburg – vom schriftstellerischen Nachwuchs wie Wolfgang Schreyer, Martin Selber oder Brigitte Reimann verehrt und als Mentor geschätzt.

Manuskripte, Bücher, Tagebücher und Korrespondenzen

Manuskripte, Buchveröffentlichungen, Tagebücher und Korrespondenzen seien nun in einem Keller der Nachfahren Otto Bernhard Wendlers entdeckt worden. Durch den Kontakt zum Historiker und Literaturwissenschaftler Dr. Jan Kostka wurde der Nachlass dem Team des Literaturhauses übergeben. „Wir sind am 16. April nach Potsdam gefahren und haben den Nachlass übernommen“, berichtet Germanistin Dr. Claudia Behne-Kilz als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Literaturhauses, die den Nachlass nun zunächst reinigt und dann sichten wird.

„Die Sachen haben seit Jahren in einem Keller gelegen – mit allem, was zu einem Keller dazugehört, von Spinnweben über Mäuseköttel bis hin zu Staub“, berichtet sie. Kostka selbst habe die Sachen in Säcken übernommen, das Literaturhaus erhielt sie bereits in Kisten verpackt.

Eigene Kinder hatte Wendler nicht. Der Schwiegervater der Familie Schubert, die die Sachen gefunden hat, sei der Neffe Otto Bernhard Wendlers gewesen. Doch die Familie habe selbst nichts von dem Nachlass gewusst, sei erst bei der Haushaltsauflösung des bereits verstorbenen Neffen Wendlers darauf gestoßen.

Erste Stücke werden ab 6. Juli 2021 gezeigt

Die notwendige Reinigung erschwere die Sichtung, erklärt Claudia Behne-Kilz. Einige Dinge für einen Vortrag mit Lesung und Ausstellung am 6. Juli 2021 habe sie aber bereits beiseitegelegt. Von Interesse seien die persönlichen Beziehungen, die Wendler gepflegt habe. Er habe zum Beispiel eine Verbindung zum Filmemacher, Autor und Regisseur Robert Adolf Stemmle gepflegt, der in Magdeburg geboren wurde und auch im Literaturhaus eine Rolle spielt. Außerdem sei er per Du gewesen mit Fritz Ebert, dem einstigen Oberbürgermeister von Ost-Berlin, der Junior des bekannten Politikers und Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Mit Fritz Ebert hatte Wendler in Berlin bei einer Zeitung gearbeitet. Wendler war auch Kritiker.

Seine Bedeutung für Magdeburg liege vor allem in seiner Person als 1. Vorsitzender des Schriftstellerverbandes im Bezirk Magdeburg. Diesbezüglich sei Behne-Kilz bei der Reinigung der Unterlagen bereits auf Korrespondenzen zu den Verbandsmitgliedern gestoßen. Die hätten Otto Bernhard Wendler geschätzt, teils aber auch gefürchtet, weil er bei seiner Kritik nichts schönte. Er müsse auch viel Charisma besessen haben. In einem der Dokumente habe Behne-Kilz gelesen, dass Wendler „Hof gehalten hat“, erzählt sie. Darin spiegele sich sein Stand wider. Neben dem Nimbus, der ihn umgab, schätzten die Menschen aber auch seinen feinsinnigen Humor. Dieser komme auch in den Unterlagen mit Verlagen zum Tragen, wenn zwischen den Zeilen ein Augenzwinkern zu lesen sei.

Die Arbeit an den Unterlagen sei für Claudia Behne-Kilz aufregend. Denn sie habe dabei das Gefühl, dem Schriftsteller beim Entstehungsprozess eines Werkes über die Schulter zu schauen. Jede weitere Kiste, jeder weitere Hefter ließe neue Erkenntnisse und Entdeckungen erwarten.

jan Kostka und Marcus Kaloff zu Gast im Literaturhaus

An denen sollen auch die Magdeburger und interessierte Gäste teilhaben können. Aktuell arbeitet Behne-Kilz daher im Akkord an den Unterlagen. Für den 6. Juli ist eine Veranstaltung zu Otto Bernhard Wendler im Literaturhaus geplant. Und es sollen bereits einige Funde aus dem Nachlass präsentiert werden. Grundsätzlich gehe es aber vor allem darum, die Unterlagen zu sichern und aufzubewahren. Es seien sehr fragile Stücke darunter, die voraussichtlich auch nicht ausgestellt werden können, sagt sie.

Bereits Ende des vergangenen Jahres sollte eine Literaturveranstaltung anlässlich des 125. Geburtstages von Otto Bernhard Wendler im Literaturhaus stattfinden. Zum Vortrag mit dem Potsdamer Historiker und Literaturwissenschaftler Jan Kostka und Lesung sei es zu diesem Zeitpunkt zwar nicht gekommen. Doch die Veranstaltungsankündigung habe schließlich zu der überraschenden Entdeckung geführt.

Am Dienstag, 6. Juli, ab 18 Uhr soll die Veranstaltung nun nachgeholt werden. Der Historiker und Literaturwissenschaftler Jan Kostka ist dann zu Gast im Hof des Literaturhauses. Zum Vortrag liest der Schauspieler Marcus Kaloff Passagen aus dem Roman „Drei Figuren aus einer Schießbude“ von Otto Bernhard Wendler. Begleitet werden Vortrag und Lesung von einer Kabinettausstellung, in der neben den bereits vorbereiteten Schautafeln aus dem vergangenen Jahr auch einige Gegenstände aus dem Nachlass zu sehen sein werden.

Nicht die erste Übergabe von Dokumenten an Literaturhaus

Behne-Kilz: „Es ist nicht die erste Haushaltsauflösung, aus der das Literaturhaus Dokumente erhalten hat.“ Zuletzt habe das Literaturhaus Unterlagen zum Schriftsteller und Hörspielautor Walter Basan erhalten, im vergangenen Jahr etwa wurde eine Totenmaske des Dichters Carl Leberecht Immermann entdeckt und dem Literaturhaus zur Verfügung gestellt. Auch zum erst 2019 verstorbenen Schriftsteller, Komponisten und Maler Hans H. F. Schmidt kämen nach und nach immer wieder neue Dinge ins Archiv des Literaturhauses.