Tierschutz

Magdeburger Oberbürgermeister hat Mitleid mit Schimpansen im Zoo

Lutz Trümper wirbt im Stadtrat um schnelle Hilfe für die seit fast zwei Jahren im Haus eingesperrten Menschenaffen.

Von Katja Tessnow
Seit dem Ausbruch zweier Schimpansen aus dem Außengehege im September 2019 sind die Außenanlagen des Menschenaffenhauses gesperrt. Die Tiere sitzen seither im Haus fest. Bis 2023 will der Magdeburger Zoo ein neues Außengehege mit neuen Sicherheitsanlagen errichten.
Seit dem Ausbruch zweier Schimpansen aus dem Außengehege im September 2019 sind die Außenanlagen des Menschenaffenhauses gesperrt. Die Tiere sitzen seither im Haus fest. Bis 2023 will der Magdeburger Zoo ein neues Außengehege mit neuen Sicherheitsanlagen errichten. Archivfoto: Stefan Harter

Magdeburg - Der Magdeburger Zoo braucht 8,7 Millionen Euro. Dringend nötig sind die Erneuerung der erst 2014 und 2017 eröffneten Anlagen für Menschenaffen und Elefanten. Der Stadtrat ist irritiert. Der Oberbürgermeister schildert eine mit Blick aufs Tierwohl dramatische Lage.

„Wir haben noch sehr viele Fragen und beantragen die Vertagung des Beschlusses“, eröffnet CDU-Fraktionschef Wigbert Schwenke die Rederunde zum Tagesordnungspunkt „Zoologischer Garten Magdeburg“ zur Ratssitzung am 15. Juli 2021. Die Rederunde sollte am Ende kurz und ebenso denkwürdig werden, was das Wohl der Tiere im Zoo vor Ort betrifft.

Viele Fragen, viel Kritik

Zunächst schließen sich René Hempel für Die Linke und Madeleine Linke für die Fraktion Grüne/future! der Wortmeldung von Schwenke an. Auch in ihren Fraktionen gebe es eine ganze Menge offene Fragen zur Sache und viel Bedarf zur Diskussion. In Änderungsanträgen hatten Grüne/future! mehr Gewicht auf Umweltbildung und die Forcierung des Projekts Zooschule und die Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz ein deutlich stärkeres Augenmerk auf den Artenschutz im Magdeburger Zoo verlangt. Der Zoo drohe den Anschluss an die Entwicklung vergleichbarer Anlagen zu verlieren, in dem er zu stark auf das Ausstellen von Tieren und zu wenig auf Programme zu deren Schutz und Erhaltung in freier Natur orientiere, attestieren die Räte von Gartenpartei/Tierschutzallianz.

Zur Debatte über so gewichtige Themen der Zooentwicklung kam es am Ende nicht, weil Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) ein aktuell viel brennendere Themen in den Vordergrund schob. Trümper ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der gemeinnützigen Zoo GmbH und mithin bestens im Bild über den Zustand der Anlagen. „Bei den jetzt nötigen Investitionen geht es ums Tierwohl und nicht um die Zukunft des Zoos. Das ist noch einmal etwas anderes“. So Trümper. Er sperrte sich gegen Vertagung und forderte unmittelbare Handlungsfähigkeit für die neue Zooleitung um Direktor Dirk Wilke, denn die Lage sei dramatisch. „Die Affenanlage ist, so nicht betreibbar. Für die Affen ist das eine Katastrophe. Die sitzen seit über einem Jahr im Haus. Das geht so nicht. Es ist nicht tierschutzgerecht.“ Grund fürs Dilemma seien nicht bauliche Fehlleistungen, sondern eine falsche Planung. „Die Affen können abhauen. Die klettern über die Palisaden aufs Dach und sind weg.“

Außengehege seit dem Ausbruch von Tieren gesperrt

Im September 2019 hatten die beiden Schimpansen Sambal und Sokolov alle Sicherheitsanlagen überwunden und waren über Dach und den Netze spaziert. Besucher mussten den Zoo verlassen oder wurden in den Tierhäusern in Sicherheit gebracht. Glück im Unglück: Zum Schaden von Mensch und Tier kam es nicht. Pfleger und Zootierarzt konnten die Tiere mit Geduld und Fingerspitzengefühl zurück ins Haus locken. Seither sitzen sie und ihre Artgenossen drinnen fest.

Für knapp zwei Millionen Euro will der Zoo die unter Ex-Chef Kai Perret errichtete Anlage nun an einen anderen Standort (aktuelle Paarhufergehege) komplett neu bauen lassen. Die Altanlage werde mit anderen Tierarten belegt.

Nicht viel besser als ums Außengehege der Affen ist es laut Trümper um das der Elefanten im erst 2017 eröffneten Africambo, neben dem Menschenaffenhaus das zweite Prestigeprojekt des gefeuerten Alt-Direktors Perret. Trümper: „Dort ist der Boden nicht richtig bereitet.“ Er muss aus Sicht der heutigen Zooleitung ausgetauscht und besandet werden, damit die Tiere Löcher graben und Sandbäder nehmen können. Entstehen sollen auch ein Badebecken und eine überdachte Futterstelle. Mit knapp 1,5 Millionen Euro kalkuliert der Zoo für die Nachbesserung.

Zwar vertagte der Stadtrat einen Entscheid zu den Plänen am Ende doch auf September. Andererseits winkte er in nichtöffentlicher Sitzung die Übernahme einer Bürgschaft für die Finanzierung per Kredit durch, so dass die Vorbereitung für die wichtigsten Erneuerungen im Sinne des Tierwohls bereits beginnen kann.

Das sagt die Zooleitung

Steht die Haltung der Menschenaffen, eventuell auch der Elefanten, wegen der baulichen Probleme an den Anlagen im Magdeburger Zoo infrage? Ist sie aus tierschutzrechtlicher und zoologischer Sicht überhaupt länger vertretbar? Die Volksstimme fragte nach der Ratsdebatte bei der Zooleitung nach. Sprecherin Regina Jembere antwortet im Namen der Zooleitung:

„Unter den gegenwärtigen Bedingungen wäre am Standort Zoologischer Garten Magdeburg die Haltung von Menschenaffen (hier: Schimpansen) auf lange Sicht unter zoologischen Anforderungen (hier: Sperrung der großen Außenanlage) nicht mehr vertretbar. Die Sperrung der großen Sommeraußenanlage bei den Schimpansen nach dem Tierausbruch vom September 2019 war für die Sicherheit der Tiere, der Besucher und der Kolleginnen und Kollegen im Zoo zwingend erforderlich. Dies gilt bis auf Weiteres.

Der Zoologische Garten Magdeburg bekennt sich langfristig zur Haltung und Zucht von Westafrikanischen Schimpansen unter den strengen nationalen und internationalen Anforderungen zur Haltung von Menschenaffen. An der Erfüllung aller dafür notwendigen zoologischen und technischen Anforderungen wird nunmehr seit mehr als einem Jahr intensiv unter neuer Leitung und pandemiebedingten massiven Einschränkungen gearbeitet. Die dafür entsprechenden finanziellen Mittel waren im Stadtrat zur Beschlussfassung vorgelegt worden.

Bitte berücksichtigten Sie bei der Beurteilung der gegenwärtigen Sachlage, dass die seitens des Vorsitzenden des Aufsichtsrates angesprochenen Tatbestände, grundsätzlich nicht auf Mängel der handwerklichen und baulichen Ausführungen zurückzuführen sind, sondern tiergärtnerische Mängel angeführt werden. Die zugehörige Aufbereitung der fachlichen Analyse ist gegenwärtig noch nicht abgeschlossen.“

Am kommenden Mittwoch, 21. Juli 2021, tagt der von Oberbürgermeister Lutz Trümper angeführte Aufsichtsrat der Magdeburger Zoogesellschaft. Im Anschluss an dieses Treffen stellt Zoodirektor Dirk Wilke weitere Informationen zur Lage im Zoo in Aussicht.