Stadtschreiberin

Magdeburger Stadtschreiberin Dr. Marlen Schachinger hat Hang zur Farbe

Dr. Marlen Schachinger möchte in Magdeburg ein autofiktionales Erzählprojekt abschließen / Antrittslesung am 28. April

Von Christina Bendigs

Magdeburg. Sie erinnert sich noch an die Zeiten, als es unter Künstlern Mode war, sich von Kopf bis Fuß in Schwarz zu kleiden, um der eigenen Intellektualität Ausdruck zu verleihen. „Das ist aber nicht meine Tasse Tee“, sagt sie auf Englisch. Denn Dr. Marlen Schachinger als neue Magdeburger Stadtschreiberin umgibt sich gern mit Farben, hat eine Schwäche für Violett und Weinrot, aber auch für Wasserfarben. „Sie sind so lebendig“, begründet sie, „das Leben ist schon schwer und traurig genug“, sagt sie, warum sollte man sich da auch noch mit Schwarz umgeben. Wer die Stadtschreiberin am Sonnabend in ihrem Literaturworkshop erlebt hat, dürfte überrascht sein, über diese Aussage, wirkte Dr. Marlen Schachinger doch fröhlich und überzeugte auch mit ihrem einnehmenden Wesen. Vor anderthalb Jahren hätte sie vielleicht anders geantwortet, sagt sie, da hätte sie das Leben vielleicht als bunt beschrieben. Tragödie und Komödie seien zwei Blicke auf die gleiche Landschaft. Die Corona-Pandemie habe ihr innerhalb weniger Tage die Gesamteinnahmen eines halben Kalenderjahres genommen.

Ihr Stipendium als Magdeburger Stadtschreiberin sei daher auch aus der Not heraus geboren. „Es war dringend notwendig, eine Alternative hurtig zu finden“, sagt die Österreicherin, die von Magdeburg als sachsen-anhaltischer Landeshauptstadt zwar schon gehört hatte, aber selbst noch nie vor Ort gewesen war, als sie sich um das Stipendium bewarb. „Leipzig kennt man als Literatin, auch Halle, weil man dort umsteigt“, erzählt sie, „Magdeburg aber entgeht einem, zu Unrecht.“ Denn die Stadt habe kulturell einiges zu bieten. Das sei aufgrund der Corona-Pandemie zwar derzeit nur zu erahnen, aber sichtbar, wenn man in die Stadt kommt.

Ursprünglich stammt Dr. Marlen Schachinger aus dem Innviertel an der Grenze zwischen Bayern und Österreich. Mit knapp einem Jahr habe sie die ersten Ski gehabt, ab zwei auf richtigen Ski gestanden, erzählt sie von ihrer hügeligen Heimat. Inzwischen lebt sie im Weinviertel – und das sei der Region rund um Magdeburg nicht unähnlich.

Am Erzählen als Beruf gab es nichts zu Überlegen

Dass das Erzählen einmal ihr Beruf sein würde, daran habe es nie etwas zu überlegen gegeben, erzählt sie. Schon als Kind habe sie Geschichten weitererzählt, sie umgedichtet oder selbst welche erfunden. „Es war für mich von Kindheit an die Art und Weise, wie es mir am besten war, in der Welt zu sein und Ereignisse zu bewältigen: indem ich sie mir selbst erzählt habe“, sagt sie. Und sie habe gedacht, alle würden das tun. Erst als ihre Schwester sie einmal gefragt habe, was sie eigentlich den ganzen Tag mache, während sie an die Decke gucke, sei ihr klar geworden, dass es nicht so ist.

„Wenn man im Erzählen verhaftet ist, erlebt man es in der Kindheit eher als Defizit“, sagt Schachinger. Man bekomme Zuschreibungen, ein wenig autistisch zu sein oder ein Träumerle, nicht ganz realitätstauglich, während die Begabungen der anderen, etwa für Mathematik, groß geredet würden. Das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins, das Gefühl, nicht ganz ins System der anderen zu passen, „das kann als Kind einen Leidensdruck erzeugen“, sagt sie. Als Erwachsener beurteile man Situationen ganz anders, könne darüber schmunzeln.

Nach Magdeburg ist sie allein gekommen. Die jetzige Distanz zu ihren drei inzwischen erwachsenen Kindern sei vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie eine Herausforderung. Als alleinerziehende Mutter sei man bestimmte Rituale gewöhnt. Aber über ein innerfamiliäres Kommunikationssystem funktioniere es nun doch recht gut.

Antritts-Lesung findet am 28. April 2021 statt - analog oder digital

Nach Magdeburg habe sie das Erzählprojekt „Und behüte uns vor deinen Erinnerungen“ mitgebracht, von dem sie noch nicht allzu viel verraten möchte. Die Autofiktion, die von der eigenen Biografie ausgeht und diese mal stärker mal schwächer verändert, habe sie lange gemieden. Die örtliche Distanz wolle sie nun nutzen, um es abzuschließen. Weitere kleinere Projekte habe sie ebenfalls im Gepäck. Denn Marlen Schachinger arbeitet gern parallel an mehreren Projekten, „weil man auf diese Weise Schreibblockaden am ehesten umschifft“. Diese Arbeitsweise gebe ihr die Möglichkeit, nichts erzwingen zu müssen, sagt sie, die ihre Literatur als Kunst versteht, ihre Texte regelrecht komponiert.

Coronabedingt war ihre Antrittslesung in Magdeburg bereits mehrfach verschoben worden. Der Termin am 28.?April soll nun aber bleiben, ob real oder digital. Das Programm sei noch nicht spruchreif.

Nicht zuletzt sei auch für Dr. Marlen Schachinger, die Kunst und Kultur eine wunderbare Möglichkeit, die derzeitige Situation unbeschadet zu überstehen. Normal gehe sie zum „Auftanken“ in die Oper oder in ein Museum. Jetzt hat sie sich auf lange Spaziergänge verlegt.

Konkurrenz zwischen Autoren um Verlage wird steigen

Ihre Zukunftsprognose ist düster. Die Konkurrenz unter den Autoren werde steigen, Verlage auf bewährte Autoren setzen. Die Ellbogen auszufahren, davon hält die Leiterin des Instituts für narrative Kunst nichts. Alles, was man lehren kann, ist Handwerkszeug und könne nachgelesen werden, den Rest könne man nicht lernen.