Magdeburg l Es ist Musik fernab des Mainstreams, die sie in die Stadt holen, an Orte, an denen Konzerte normalerweise nicht stattfinden. Mit dem Projekt „Wohnzimmerkonzerte Magdeburg“ zeigen Gina Maria Mund und Philipp Kloss, „dass es so viel hörenswerte Musiker gibt, die nicht im Radio stattfinden“.

Angefangen vor fünf Jahren in kleinen Wohnzimmern vor einem Publikum von etwa 20 Leuten, hat das Projekt in den vergangenen Jahren beachtlich an Größe und Bedeutung gewonnen. Die Musiker bedeutender, das Publikum zahlreicher. Etwa 170 waren es beim „Wohnzimmerkonzert“ mit Fenne Lilly, ihrem Support Tamu Massif und dem Magdeburger Musikprojekt Cellar Boy am Sonnabend. Die Lokalität: ein Gemeinschaftsbüro in der Lübecker Straße, mit Teppichen und Lichetrketten Atmosphäre geschaffen.

Immer auf der Suche nach Lokalitäten

Die Besonderheit der Wohnzimmerkonzerte: Sie sind nicht öffentlich, finden vielmehr im privaten Rahmen statt. Die Plätze sind begrenzt. Zwar werden die Künstler auf sozialen Netzwerken bekanntgegeben, doch wo das Konzert stattfindet, erfahren die Gäste erst nach der Anmeldung. Die Plätze sind begehrt, zumeist haben Gina Mund und Philipp Kloss deutlich mehr Anmeldungen als Kapazitäten. Zunehmend werde es schwieriger, neue geeignete Lokalitäten zu finden. 50 Quadratmeter benötigen sie für Band, Technik und Publikum mindestens. Daher seien sie immer auf der Suche nach Partnern für „Pop-Up-Locations“.

Musiker spielen „auf Hut“

Eintritt zahlen die Gäste übrigens nicht. Die Bands spielen „auf Hut“. Am Ende eines Konzertes kann jeder Gast so viel geben, wie ihm das Konzert wert war. Das Geld geht zu einhundert Prozent an die Künstler. Das funktioniere leider nicht immer, erzählt Gina Maria Mund. Die Wertschätzung lasse manchmal doch zu wünschen übrig. Wenn jemand für ein Konzert mit drei großartigen Bands zwei Euro in den Hut schmeißt, sei das enttäuschend.

Der Aufwand, der hinter so einer Veranstaltung steht, ist enorm. Aufbau, Licht, Ton - ein gut 30-köpfiges Team engagiert sich dafür. Alle unentgeltlich, alle aus Leidenschaft zur Musik und für das Format, allesamt Freunde. Mitunter greifen die Veranstalter auch in die eigene Tasche, um den Künstlern eine angemessene „Gage“ zu zahlen.

Das Konzept des freien Eintritts wollen sie dennoch beibehalten. Für öffentliche Konzerte hat Philipp Kloss gemeinsam mit Nadine Staats eine GbR gegründet, die „Musikkombinat Magdeburg GbR“. Das sei irgendwann nötig gewesen, denn zunehmend haben andere Veranstalter aus Magdeburg auf ihre Erfahrungen, Reichweite und Kontakte zu Bookingagenturen zurückgegriffen, erzählt Nadine Staats. „Wir wurden plötzlich zum Dienstleister. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir uns das auch bezahlen lassen sollten.“

Magdeburg bei Agenturen unbeliebt

Beide, das Projekt „Wohnzimmerkonzerte“ und die GbR „Musikkombinat Magdeburg“ arbeiten mit etwa zehn größeren Bookingagenturen zusammen, hinzu kommen Künstler, die sich selbst vermarkten. Ein langer Weg, der hinter dem Team liegt. Denn Magdeburg sei bei den Agenturen lange wenig beliebt gewesen, erzählt Nadine Staats. Künstler haben einen großen Bogen um die Stadt gemacht. Magdeburg gehöre nicht zu den „A-Städten“, es sei keine Medienstadt und nicht einfach, Konzerte voll zu kriegen.

Inzwischen kommen Künstler wieder gern her. Die Resonanz des Publikums habe sich herumgesprochen. Für Künstler gibt es eine Rundumbetreuung. „Wir stellen immer ein bis zwei Leute aus unserem Team ab, die sich allein um die Musiker kümmern“, erzählen sie. Kein realisierbarer Wunsch werde ihnen abgesprochen.

Der Fokus liege allerdings nicht nur auf Künstlern aus anderen Regionen oder Ländern. Auch die lokalen Musiker werden gefördert. Wenn es zum Genre passt, lassen sie diese gern als Support spielen. So wie am Sonnabend „Cellar Boy“. Auch über die Konzerte hinaus engagieren sie sich für die Musikszene.

Vereinsgründung geplant

Denn: „Kulturförderung bedeutet nicht nur Geld für Einzelveranstaltungen auszugeben, sondern auch Strukturen in der Stadt zu schaffen, die es Bands ermöglicht, aufzutreten und insbesondere zu proben.“ Durch die enge Zusammenarbeit mit Musikern der Stadt wissen sie, dass es enorme Probleme mit Proberäumen gibt. Häufig seien Bands nicht erwünscht oder können, sofern sie überhaupt einen Proberaum finden, nur zeitlich begrenzt arbeiten.

Bis zum Ende des Jahres solle das Projekt „Wohnzimmerkonzerte“ in einen Verein umgewandelt werden. „Zum einen, weil wir ohnehin schon wie ein Verein agieren“, erklärt Gina Maria Mund. Zum anderen, um auch mal Spenden entgegennehmen zu können oder eine Förderung zu beantragen. Denn zur Finanzierung benötigen sie zunehmend Unterstützung. Mit Getränken und Merchandise können sie gerade so die Unkosten bewältigen.

Geburtstagsparty und Datschenkonzerte

Als Nächstes steht die „Wohnzimmerkonzert“-Geburtstagsparty auf dem Programm. Gefeiert wird mit einem Open-Air am 9. Juni im Glacispark. Sechs Künstler werden in der Zeit von 15 bis 22 Uhr spielen, als Headliner kündigen sie „DenManTau“ an. Zudem stehen ab Juni wieder die Datschenkonzerte an. Bis September werden jeden zweiten Donnerstag insgesamt sieben Konzerte in der Datsche von ihnen organisiert. Am 21. August wird es wieder ein Dachkonzert auf dem Hundertwasserhaus geben und auch die Planungen für das Buckauer „ErnteFunkFest“ am 8. September nehmen Line-Up-Formen an.