Magdeburg l Zum geplanten Neubau eines Wohnquartiers am Stadtpark-Eingang gibt es neue Entwicklungen. Während die Ratsausschüsse auf Antrag der Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz die Beerdigung der Bebauungspläne beraten, starten die bauwilligen Investoren im Internet eine bemerkenswerte Kampagne. Sie heißt „Grüner Stadtmarsch“ und stellt die Vision eines „Stadtquartiers der Zukunft“ vor – offen für alle, abgasfrei und energieautark, also selbstversorgend.

Die Magdeburger Wohnungsgenossenschaft (MWG) und die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) haben ihr Projekt im Gegenwind von Kritik im Stadtrat und aus Teilen der Einwohnerschaft verändert. Aus zwei Hoch- und weiteren Wohnhäusern am Elb- ufer ist die Vision von einem ökologischen Vorzeigeviertel mit sozialem Anspruch geworden.

Elbe-Wasserkraft als Energiespender

Auf die neuen Pläne der Wohnungsunternehmen stieß die Volksstimme im Internet, wo die Seite gruener-stadtmarsch.de bereits am Mittwoch öffentlich einsehbar war. Die Geschäftsführer von MWG und Wobau, Thomas Fischbeck und Peter Lackner, wollten sich auf Nachfrage noch nicht zur Sache äußern und verwiesen stattdessen auf eine für den kommenden Montag, 4. November, im Rathaus anberaumte Pressekonferenz.

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Zu dieser ging der Redaktion ebenfalls am Mittwoch eine Einladung mit dem obligatorischen Terminplan des Oberbürgermeisters zu. Lutz Trümper (SPD), erklärter Befürworter der Stadtmarsch-Bebauung, richtet das Pressegespräch im Rathaus allerdings nicht selbst aus, sondern – so geht es aus seinem Terminplan hervor – nimmt am Pressegespräch von Wobau und MWG lediglich teil, um parallel zum aktuellen Stand des B-Plan-Verfahrens zu informieren.

Projekt im Stadtrat umstritten

Hintergrund für Trümpers Zurückhaltung als Nicht-Gastgeber im eigenen Haus dürfte der Umstand sein, dass das Projekt im Stadtrat umstritten ist und zumindest in seiner alten Form samt Hochhäusern zuletzt nicht mehr mehrheitsfähig schien. Trümper selbst hatte einmal am Rande einer Ratssitzung berichtet, dass er Fischbeck und Lackner zur Änderung ihrer Pläne in Richtung eines wegweisenden grünen Musterprojektes für Magdeburg geraten habe.

Genau solche Pläne oder besser eine solche Vision legen MWG und Wobau nun vor und nennen sie ein „einmaliges Projekt“ in „einmaliger Lage“. Die neue Ökosiedlung solle samt Kita, Café und Altentreff in eine „offene Parklandschaft für alle“ integriert werden. Im „abgasfreien Stadtquartier“ mit öffentlich nutzbarer Elbtreppe und einer Fuß- und Radwegbrücke zum Möllenvogteigarten sollen „neue Mietmodelle für sozialen Ausgleich“ sorgen. Das neue Viertel könne bundesweit als energieautarkes Wohnquartier von sich reden machen. Die Häuser bzw. deren Nutzer sollen sich durch Solarkollektoren, Erdwärme, möglicherweise auch Elbe-Wasserkraft selbst mit Energie versorgen.

"Energiepapst" an Bord

Zur Umsetzung, so heißt es auf der Internetpräsentation, sei der Prof. Timo Leukefeld mit einem Konzept beauftragt worden. Der Sachse – Dozent, Buchautor, Berater, Redner und „Energiebotschafter“ – gilt als Pionierarbeiter auf dem Gebiet des energieeffizienten Bauens und ist für seine Projekte vielfach mit Preisen bedacht worden. MWG und Wobau stellen ihn als „Energiepapst“ vor.

So weit zu den bisher bekannten Details aus der Vision „Grüner Stadtmarsch“, für deren Umsetzung MWG und Wobau schon prominente Unterstützer gefunden haben. Zu ihnen gehören Alt-OB Willi Polte, SCM-Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt und die Chefin der Magdeburger Freiwilligenagentur, Birgit Bursee.

Parallel zur Online-Werbekampagne für den bebauten „Grünen Stadtmarsch“ wurde in dieser Woche die Stellungnahme des Baubeigeordneten Dieter Scheidemann (parteilos) zum Antrag der Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz öffentlich. Die Fraktion fordert den Stopp des Projekts und die dauerhafte Sicherung des unbebauten grünen Stadtmarschs als Garten- und Parkland.

Baubeigeordneter warnt vor Projektstopp

Scheidemann hält den Zeitpunkt zur Entscheidung für „verfrüht“, da Untersuchungen u. a. in Sachen Umweltverträglichkeit noch liefen. „Wenn keine befriedigende Lösung zu diesen oder auch anderen Problemen wie Schutz vor Hochwasser, Konflikt Messebetrieb und Wohnen gefunden werden, wäre dies ein Grund, das Verfahren einzustellen“, so Scheidemann. Im Falle einer Widmung des Areals als Grünfläche/Parkanlage warnt Scheidemann vor „möglichen Entschädigungszahlungen an den Eigentümer“. Die MWG hatte einen Teil der Fläche von Privateigentümern erworben. Eine Anschlussfläche übertrug die Stadt an die Wobau.

Mit dem neuen Vorstoß, so viel liegt auf der Hand, suchen MWG und Wobau den im Stadtrat mehrheitsfähigen Kompromiss. Die Ratsentscheidung zum Antrag auf Beerdigung des Projektes ist für den 23. Januar 2020 angesetzt. Der Bau selbst soll – gibt der Stadtrat grünes Licht – erst starten, wenn die neue Elbbrücke komplett ist; nach aktuellem Zeitplan 2023.