Magdeburg l Am 21. Februar 2020 soll es erscheinen, das neue Album von Heinz Rudolf Kunze. Kurz vor seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum kehrt der Liedermacher, Sänger und Schriftsteller zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Und am 24. Mai ist er in Magdeburg zu erleben.

Volksstimme: Herr Kunze, wofür steht der Albumtitel „Der Wahrheit die Ehre“?

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin bestimmt nicht der Einzige, sondern vielen Menschen dürfte es so gehen, dass man den Eindruck hat, dass die Wahrheit in Gefahr ist und von allen Seiten bedroht wird. Von den tollwütigen Kreaturen, die in manchen Ländern an der Macht sind, von Fake-News, von Lügen und Propaganda, von Hysterien und Ideologien. Der vernünftige Austausch von Meinungen und das gemeinsame Ringen um die Wahrheit haben es heutzutage schwer, weil wir in einer hysterischen Zeit leben, in der man die Argumente anderer Menschen nicht mehr anhört, sondern sich in einem Brüllwettbewerb durchsetzen will. Wer am lautesten brüllt, hat gewonnen. Die Wahrheit ist überall in Gefahr.

Sehnen Sie sich nach einem Hit wie „Dein ist mein ganzes Herz“?

Natürlich. Das macht jeder Kollege. Ob er es zugibt oder nicht. Ich würde schon gerne noch mal einen solchen Hit liefern, aber das ist schwer. Frage: Wann hört man im Radio einen deutschsprachigen Hit mit einem vernünftigen Inhalt? Da muss man lange nachdenken.

In dem Song „Pervers“ geht es um Verdrehungen in unserer Gesellschaft. Was nervt Sie gerade an der Gesellschaft?

Pervers ist zum Beispiel die offensichtliche Selbstmordlust der SPD, was in der englischen Regierung geschieht, was in Polen und Ungarn passiert, was in Frankreich und in den Niederlanden gerade noch vermieden werden konnte. Pervers ist auch, was in Italien und in der Türkei abgeht. Und natürlich am perversesten, was sich in den USA abspielt. Und das alles in diesem Klima von Aufgeregtheit und digitalem Mittelalter, in dem wir leben. Lauter Sekten, die durch die Gegend krakeelen. Pervers steht nicht nur für sexuelle Freizügigkeit, sondern es heißt auch "Lass uns quer denken" und nicht zu sehr mit Scheuklappen rumlaufen, sondern die Herrschenden mit Ideen verblüffen, mit denen sie nichts anfangen können. Es gibt viel Grund zur Sorge.

Im Alltag wirken die Menschen immer getriebener. Immer weniger lesen in der Bahn ein Buch oder die Zeitung. Macht Ihnen das Sorge?

Ich bin ein lustvoll älter werdender Herr, der sich seine Gewohnheiten nicht mehr nehmen lässt. Ich werde ein Zeitungs-Abonnent bleiben, so lange ich lebe, und das gedruckte Wort auf Papier lesen, so lange es geht. Ich werde auch niemals dazu übergehen, Streaming-Dienste zu benutzen. Ich will Platten und CDs zu Hause im Regal haben. Weil ich ein Sammler bin und diese Gegenstände als Objekte einfach liebe. Es reicht mir nicht, die irgendwo abzurufen oder virtuell zu genießen. Ich beobachte das mit dem Versuch mich nicht zu sehr an der falschen Stelle aufzuregen und mich so oft wie möglich zu amüsieren. Wenn ich zaubern könnte ...

Was würden Sie dann machen?

Dann würde ich die Zeit zurückdrehen und das Internet abschaffen. Bitte nicht falsch verstehen, aber ich bin nicht so dumm, wie das jetzt klingt. Ich weiß schon, dass auch Gutes damit einhergegangen ist, dass man zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe schnell Hilfe holen kann oder dass die Oma mit ihrer Enkelin in Kanada skypen kann. Aber wenn ich die Vorteile und die Nachteile abwäge, dann komme ich zu dem Schluss, dass die Nachteile leicht überwiegen.

Früher wurden Sie als der Oberlehrer der Musikszene betitelt. Sind Sie ein Prediger?

Inzwischen lese ich häufiger Pop-Poet oder Rock-Philosoph. Damit kann ich leben. Aber ich bin kein Prediger. Ich mache mich doch eher lustig über diese vielen Prediger, die rumlaufen und die alle glauben, sie hätten das Patentrezept zur Weltrettung. Doch das haben sie nicht.

Sie haben bisher rund 1700 veröffentliche literarische Texte geschrieben und 457 Lieder veröffentlicht. Ganz provokant gefragt: Geht‘s noch?

Ich habe Tausende literarische Texte geschrieben, aber nur ca. 1700 veröffentlicht. Es geht immer noch. Ich schreibe immer und überall.

Wo kommt das nur her?

Es ist ein offensichtlich bisher nie versiegter Spieltrieb. Ich liebe es mit Worten und Tönen zu basteln und mich überraschen zu lassen, was dabei rauskommt. Das ist im Laufe der Jahrzehnte sogar mehr geworden. Auf den ersten zwei, drei Platten hatte ich doppelt so viel Zeug, wie ich gebrauchen konnte, heute habe ich hundert Mal so viel Kram, wie ich gebrauchen kann.

Letzte Frage: Spielen Sie „Dein ist mein ganzes Herz“ noch gerne?

Gegenfrage: Hat Klaus Meine von den Scorpions noch Lust jeden Abend zu pfeifen (bei „Wind Of Change“, d. Red.)?

 

Heinz Rudolf Kunze - „Der Wahrheit die Ehre“-Tour: 24. Mai, 20 Uhr, im Kulturhaus Amo. Karten gibt es für 48,20 Euro (zzgl. Gebühr) u. a. im Volksstimme-Service-Center und unter www.biberticket.de

* Reinhard Franke ist freischaffender Musikredakteur.