Magdeburg l „Es scheint so, dass am anderen Ende der Rettungsleine niemand festhält und zieht“, schreibt Wolfgang Krebs in einem Offenen Brief voll von Zorn und Bitterkeit. Das denkwürdige Schreiben ist noch druckfrisch und also erst nach Woche fünf verfasst, in der das Virus die Veranstaltungslandschaft wie auch viele andere gesellschaftliche Bereiche lähmt. Krebs sieht sich und seinesgleichen mit leeren Versprechungen getäuscht und im Stich gelassen von politischen und bürokratischen Verantwortungsträgern in erster Linie des eigenen Bundeslandes. „Ich denke, die Stadt trifft keine Schuld, auch nicht den Bund, der ja viel Geld bereitgestellt hat. Aber im Gegensatz zur Praxis in anderen Bundesländern kommt es in Sachsen-Anhalt nicht bei uns an.“

Mit „uns“ meint Krebs die sogenannten Soloselbstständigen in Kunst und Kultur, ohnedies keine Reichtümer gewohnt, die aktuell durch viele Förder- und Unterstützungsraster fallen, die Unternehmen oder deren Angestellten über gröbste Existenznöte hinweghelfen können. Während andere Bundesländer Kunst- und Kulturschaffenden in Not eine Art Grundsicherung in immerhin vierstelliger Höhe zur Verfügung stellten, seien das in Sachsen-Anhalt bisher und „nach langem Zaudern einmalig 400 Euro“, so Krebs. „Ein Almosen, von dem viele nicht einmal die Hälfte ihrer monatlichen Kosten decken können.“

Am Rande des Ruins

Wolfgang Krebs leitet seit 2012 im Ehrenamt den Verein H20-Turmpark, der in Eigenregie und weitgehend ohne Fördergeld Kunst und Kultur auf dem historischen Wasserturm-Areal in Westerhüsen organisiert. Dafür und für sein Engagement beim regelmäßigen internationalen Künstleraustausch vor Ort bekam Krebs den Ehrenamtspreis der Stadt überreicht.

Jetzt stehen er selbst und der Park am Rand des Ruins, ebenso viele andere freie Kultureinrichtungen in Magdeburg, die sich über wohlgemeinde Spenden freuen, aber davon kaum ihr Überleben sichern können. Das Theater an der Angel und das Kabarett „Nach Hengstmanns“ bangen um ihre Sommertheater und im Falle eines Ausfalls um die Existenz ihrer Häuser. Wolfgangs Krebs gibt dem Turmpark-Verein noch ein, zwei Monate bis zum endgültigen Aus.

Lebensgrundlage entzogen

„Dabei gehöre ich nicht unbedingt zu denen, die danach rufen, dass alles so schnell wie möglich wieder öffnen soll. Da vertraue ich auf den Sachverstand derer, die es besser wissen als ich“, sagt Krebs mit Blick auf andauernde Kontaktbeschränkungen in der Ära Corona. Nur müsse die Politik Verantwortung und Fürsorge übernehmen in Zeiten, in denen Künstlern und Kulturschaffenden die Lebensgrundlage entzogen wird, wenn sie tatsächlich geschätzt würde.

Krebs hat über Wochen Hilfe gesucht für sich und für den Turmpark – beim Land, bei der Investitionsbank, der Arbeitsagentur, im Jobcenter ... Die Einmalzahlung über 400 Euro sei alles, was bisher floss. „Die Städtischen Werke haben erst mal nichts abgebucht, weil wir im Moment ohnehin nichts verbrauchen, und Lotto kündigt Hilfe an“, so Krebs und doch: „Es versuchen uns im Moment alle möglichen Leute zu helfen, die uns am Ende nicht wirklich helfen können. Wir sind trotzdem dankbar, aber auch wütend auf die tatsächlich Verantwortlichen beim Land.“

In der Not ein Platz unterm Tisch

Krebs verfällt darüber in bitteren Ton: „In guten Zeiten sind wir Hofnarren gern gesehen, um zu unterhalten, Freude zu bringen, Ruhm und Ehre von außerhalb der Landesgrenzen zurück ins Land zu bringen. In der Not werden wir Narren auf unseren Platz unter dem Tisch verwiesen und harren dort vergebens auf etwas herunter kleckernde Suppe.“

Krebs denkt in diesen Zeiten über den Stellenwert von Kultur im Bundesland nach und fragt sich: „Möchte ich als Künstler weiter hier in Sachsen-Anhalt bleiben und wirken? Möchte ich nach diesem Desaster den Turmpark, sollte dieser nicht bis dato insolvent sein, wieder öffnen, um Kunst und Kultur in ein trostloses Stadtgebiet zu bringen?“ Krebs zweifelt, eben gerade im Angesicht des Anrufs eines guten Künstlerfreundes aus Magdeburg, der heute in Berlin zu Hause ist.

Er bekam 5000 Euro Soforthilfe überwiesen und fragte den Freund, ob denn Künstlern „in der Provinz“ auch geholfen werde. Krebs lacht bitter auf – und hofft doch weiter auf Hilfe.