Magdeburg l Oliver Franke von den Chinaprofis aus Wernigerode ist eigentlich auf den strategischen Einkauf für Unternehmen in China und Deutschland spezialisiert. Sein Unternehmen organisiert den Einkauf von diversen Produkten – medizinische seien ebenfalls darunter. Auf Anfrage versucht er derzeit, umfangreiche medizinische Schutzbekleidung über bestehende Kontakte zu organisieren. Doch dabei sieht er große Probleme, die teils in Deutschland selbst lägen. „Das Maskenproblem ist hausgemacht“, sagt er.

Haushaltsrecht bremst aus

Ein Hemmnis: das deutsche Haushaltsrecht der Kommunen und Länder. Das bestimme unter anderem, dass Kliniken und andere Einrichtungen nicht in Vorkasse gehen dürften. Waren dürften erst bezahlt werden, wenn sie geliefert worden seien, erläutert Franke. Das sei normalerweise sicherlich gut so. In der Krisenzeit und für die Schutzbekleidung aber sei es hinderlich. Wenn Angebote auf den Markt kämen, könnten die deutschen Einrichtungen nicht schnell genug agieren. „Wir stehen uns selbst im Wege, weil bestimmte rechtliche Dinge nicht möglich sind“, sagt er. Ehe die deutschen Unternehmen einkaufsfähig sind, habe ein anderer die Bestände aufgekauft.

Das bestätigt auch Andreas Richter, Partner bei den China-Profis. Der Halberstädter hat eigentlich ein Catering-Unternehmen, das derzeit aber auf null Prozent Arbeit gesetzt wurde. Immer wieder erlebt er nun, dass etwa am Abend ein Angebot über 500 000  Masken vorliege, das bereits am nächsten Morgen vergriffen sei. Immerhin sei das Vergaberecht durch ein Rundschreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 19. März 2020 außer Kraft gesetzt worden. Das bedeute, dass eine freihändige Vergabe möglich sei, also nicht zuerst unterschiedliche Angebote zum Vergleich eingeholt werden müssten. Aber ausreichend ist das offenbar noch immer nicht, um im Wettbewerb um die vorhandenen Masken zu bestehen.

Bestellungen durch die öffentliche Hand

„Die Amerikaner kaufen vor Ort ein, stellen einen Koffer mit Geld hin, da warten die Händler nicht“, sagt auch Oliver Franke. Hinzu kämen Beschränkungen aus China, die nur zertifizierten Unternehmen den Export gestatten: „Viele deutsche Kliniken, die dachten, sie hätten einen sicheren Lieferanten gefunden, müssen nun erneut auf die Suche gehen, weil die Partner in China nicht die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen“, sagt er. Das geringere Angebot treibe die Preise zusätzlich in die Höhe.

Auch in der Verzollung auf deutscher Seite sieht Oliver Franke ein Problem. Zölle zwischen 6,3  und 12,2 Prozent müssten für Schutzbekleidung gezahlt werden, erklärt er, „das macht es unnötig teurer“. Die Preissteigerung an dieser Stelle schlage sich nämlich im Zoll erneut nieder. Er sagt, um den Bedarf in Deutschland besser decken zu können, müssten die Zölle für Produkte, die derzeit dringend benötigt würden, ausgesetzt werden.

Wenn die Entwicklung so weitergehe, werde Deutschland das Nachsehen haben. Aus seiner Sicht müsste die öffentliche Hand die Bestellungen organisieren und etwa über die Investitionsbank oder die KfW-Bank auch in Vorkasse gehen. „Das ist nicht schön, aber so wird man auf dem Markt Erfolg haben“, sagt er. Zum einen würde die Möglichkeit eröffnet, große Mengen zu niedrigeren Preisen zu bekommen, zum anderen würden hiesige Einrichtungen nicht dem Druck ausgesetzt, sich möglicherweise strafrechtlich verhalten zu müssen, um an Masken zu gelangen.

Er selbst könne nicht immer in Vorkasse gehen, sagt Oliver Franke. Dafür fehle ihm auch das entsprechende Kapital in Millionenhöhe. Er ist stolz, dass er es geschafft hat, eine Lieferung von 100.000  Masken und 5000 Schutzkitteln für das Universitätsklinikum Magdeburg termin- und zollgerecht transportiert zu haben. Denn nicht nur die Preise für das Produkt selbst steigen. Auch die Frachtmöglichkeiten seien begrenzt. Vor der Corona-Krise etwa kostete ein Kilogramm Fracht aus China zwischen ein und zwei Euro. Inzwischen zahlten die Importeure 8 bis 24  Euro für die Waren. Tendenz steigend. „Jeden Tag, den man bei einer Bestellung zögert und überlegt, muss man bezahlen“, macht Franke deutlich. Eine Überlegung wert wäre aus seiner Sicht daher auch, deutsche Luftfahrtunternehmen einzubeziehen, um Waren aus China nach Deutschland einzufliegen.

Tausende Masken am Tag verbraucht

Wie hoch der Bedarf ist, spiegelt sich auch am Magdeburger Universitätsklinikum wider. 3000 bis 4500 Mund-Nasen-Schutz-Masken werden täglich im Uniklinikum Magdeburg gebraucht. In allen patientenrelevanten und patientennahen Bereichen kommen diese zum Einsatz, wenn der Mindestabstand von eineinhalb Metern zwischen zwei Personen nicht eingehalten werden kann. Normalerweise ist es kein Problem, diese zu bekommen. Doch die Coronavirus-Pandemie ließ die Nachfrage sprunghaft ansteigen. Lieferketten seien teilweise zusammengebrochen und die Regellieferanten oft nicht lieferfähig, war aus dem Universitätsklinikum zu erfahren.

 „Es gibt viele Akteure am Markt, die versuchen, aus der Situation Profit zu schlagen“, berichtet Ögelin Düzel als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Universitätsklinikum Magdeburg. Die besagten Akteure würden große Mengen auf Lager nehmen, so dass die Lieferzeiten, die Lieferfähigkeiten und die Lieferfristen derzeit nicht kalkulierbar seien, sagt sie. Ähnlich sehe es auch bei den FFP2- und FFP3-Masken aus. Während der einfache Mund-Nasen-Schutz dazu dient, dass der Träger sein Gegenüber nicht ansteckt, sollen die FFP2- und FFP3-Masken verhindern, dass sich Mitarbeiter bei der Behandlung von Patienten mit dem Coronavirus anstecken.

Kosten explodieren

Das Problem der Lieferung ist vielschichtig, zeigt auch die Beschreibung der Situation des Uniklinikums. Die Hauptproduktionsstandorte lägen in China, erklärt Düzel. Aufgrund der derzeitigen Situation wurden dort Häfen teilweise gesperrt, die Chinesen hätten zudem zeitweise ihre Kapazitäten zurückgehalten. Hinzu kämen Amerikaner, die direkt vor Ort einkaufen würden. Und auch der Aufruf an die Krankenhäuser in Deutschland, sich entsprechend zu bevorraten, führe dazu, dass die Märkte leergekauft würden.

0,03 Euro habe der einfache Mund-Nasen-Schutz vor der Corona-Krise pro Stück gekostet. Inzwischen schwanken die Preise zwischen 40  Cent und bis zu 1,10  Euro pro Stück. Üblicherweise gebe es einige wenige Lieferanten, die vertragsrechtlich durch Vergabeverfahren gebunden seien, so Düzel. Nun erhalte die Klinik täglich Hunderte Anfragen diverser überteuerter Anbieter. Um dem erhöhten Aufwand gerecht zu werden, werden in diversen Bereichen freiwillige Helfer aus der Forschung und der Studentenschaft eingesetzt.

Produktion in Deutschland etablieren

Maßnahmen von Bund und Land würden langsam greifen, so Düzel. Es müsste aber alles viel mehr und besser zentral koordiniert werden. Das Uniklinikum helfe mittlerweile in anderen Krankenhäusern, bei Rettungsdiensten und über das Gesundheitsamt der Stadt Magdeburg auch in Altenpflegeheimen mit diversen Materialien aus, zu denen neben Masken auch Desinfektionsmittel und Gesichtsschilde gehören. „Diese Einrichtungen haben oft noch mehr Probleme“, und eine zentrale Hilfe des Bundes oder Landes sei noch nicht wirklich spürbar.

Das Uniklinikum sei aber sehr eng in die Arbeit des Pandemiestabes eingebunden und hoffe, dort gemeinsam neue Lieferwege erschließen zu können. „Parallel dazu suchen wir Wege, wie wir die Produktion in Deutschland etablieren können“, sagt Düzel. Erste Lieferungen eines zertifizierten Mund-Nasen-Schutzes von einem Produzenten in Sachsen-Anhalt seien bereits eingetroffen und der Stadt zur Versorgung von Alters- und Pflegeheimen überlassen worden.

Dank für beispiellose Hilfsbereitschaft

Engpässe gebe es aber nicht nur bei den Masken. Auch Beatmungsmaterial und -zubehör sowie zuverlässige Corona-Test-kits seien schwer zu bekommen. Weitere Probleme seien zu erwarten bei PC-Technik und Konferenzsystemen. Gründe seien die erhöhte Nachfrage, der Zusammenbruch der Lieferketten und die USA, die alles aufkaufen würden.

Über die Volksstimme und Oliver Franke kam der Kontakt zu dem Lieferanten zustande, der 100.000  Masken und 5000  Kittel liefern konnte. Das sei eine von vielen vergleichbaren Lieferungen, erklärt Düzel, „wir sind sehr dankbar dafür“. Es gebe aktuell zahlreiche Quellen, die hilfreiche Kontakte vermitteln, über die mittlerweile erfolgreich eingekauft werden könne. „Die Hilfsbereitschaft ist wirklich beispiellos und wir danken allen, die uns unterstützen, zu fairen Preisen wichtige Produkte zu bekommen“, sagt Düzel abschließend.