Corona-Virus

Pilotprojekt gegen dicke Luft in Magdeburger Klassenräumen

Der Stadtrat in Magdeburg fordert die Ausstattung von kommunalen Schulen und Kindertageseinrichtungen mit Lüftungsampeln und Luftreinigungsgeräten.

Von Katja Tessnow 19.07.2021, 02:30 • Aktualisiert: 20.07.2021, 22:33
Mobile Luftfilter – hier in einer Grundschule in Bayern – sollen auch in Magdeburger Klassenräumen die Raumluft nicht nur von Corona-Viren befreien. Auch zur Grippesaison sind sie nützlich.
Mobile Luftfilter – hier in einer Grundschule in Bayern – sollen auch in Magdeburger Klassenräumen die Raumluft nicht nur von Corona-Viren befreien. Auch zur Grippesaison sind sie nützlich. Foto: dpa

Magdeburg - In zunächst drei Magdeburger Grundschulen und drei Kitas soll die Stadt den Einsatz sogenannter Lüftungsampeln und in zwei Grundschulen zusätzlich Luftreinigungsgeräte testen. Tun sich wie geplant weitere Förderprogramme von Land und Bund zur Ausstattung von Schulen mit mobilen Luftfilteranlagen auf, soll die Stadtverwaltung sich um die Ausstattung aller kommunalen Schulen mit coronagerechten Lüftungsanlagen bemühen. Das hat der Stadtrat am 15. Juli 2021 auf Antrag einer Allianz aus Linksfraktion und einzelnen Räten von SPD, FDP und Tierschutzpartei beschlossen. Sie regte das Pilotprojekt als Kompromis an. Die Initiative zum Ursprungsantrag ging von der Fraktion FDP/Tierschutzallianz aus.

Carola Schumann (FDP), im Hauptamt selbst und schon Jahrzehnte als Grundschullehrerin tätig, beschrieb eingangs der Debatte die Schwierigkeiten mit der vorgeschriebenen Lüftungspraxis im Unterrichtsalltag. Sie störe den Ablauf und die Konzentration auf den Unterrichtsstoff enorm, weshalb technische Hilfsmittel zur Reduzierung der Störungen sehr hilfreich sein könnten.

Dem Beschluss über das Pilotprojekt voraus ging eine längere und kontroverse Debatte über Sinn oder Unsinn von Luftfiltern und deren Finanzierbarkeit für alle Klassenräume an kommunalen Schulen. Die für Kultur, Schule und Sport zuständige Beigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz (Grüne) hat – mit dem Thema bereits länger befasst - schon nachgerechnet: „Wir haben 3127 Klassenräume in unseren allgemeinbildenden Schulen. Bei Anschaffungskosten von 2800 bis 3700 Euro für ein mobiles Luftreinigungsgerät kalkulieren wir mit rund 10,2 Millionen Euro für die Ausstattung aller Räume. Und da sind die Folgekosten für Wartung, Filteraustausch und Energieverbrauch noch nicht inbegriffen.“

Trümper fährt Zweiflern in die Parade

Ronny Kumpf (AfD) und Roland Zander (Gartenpartei) zweifeln den Sinn solcher Investitionen an. „Das ist Panikmache und blanker Aktionismus“, sagte Kumpf. Die AfD ist programmatisch dicht am Querdenkerbündnis dran und bezweifelt regelmäßig die Notwendigkeit von Corona-Schutzmaßnahmen. Zander verwies auf Aussage des Gesundheitsamtsleiters Dr. Eike Hennig, wonach die Geräte reinweg nichts brächten, sondern nur regelmäßiges Lüften. „Das Geld könnten wir besser an anderer Stelle brauchen, zum Beispiel für das kostenlose Schülerticket“, so Zander.

Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) korrigierte Kumpf und Zander mit Nachdruck. Es gebe inzwischen wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse. „Es gibt neue mobile Filter. Sie sind geräuscharm und haben einen geringen Stromverbrauch.“ Forscher der Otto-von-Guericke-Universität haben die Geräte in Magdeburger Grundschulen getestet – mit positivem Ergebnis, wie Trümper und Stieler-Hinz gleichlautend konstatieren. „Jetzt müssen wir sie einfach testen und beobachten, wie sich die Infektionszahlen in den Testeinrichtungen entwickeln“, so Trümper. „Schließlich ist es noch einmal eine andere Sache, was die Schüler außerhalb der Klassenräume in der Pause machen.“ Bayern sei allerdings schon weit auf dem Weg zum luftgefilterten Klassenraum, so Trümper. „Die haben die Hälfte der Schulen ausgestattet.“

Für den Testlauf in Magdeburg macht sich die Stadt Hoffnung auf Fördergeld. 600 Millionen Euro stellt der Bund bereit. Nach Trümpers Rechnung bleiben davon vielleicht gut eine halbe Million für Magdeburg übrig – lange nicht genug zur Ausstattung aller Schulen. So läuft es erst einmal auf ein Pilotprojekt hinaus.

Der Stadtrat – einig mit der Verwaltung – bekräftigte die Pläne mit dem Beschluss über die interfraktionellen Anträge für Testlauf und mittelfristige Komplettausstattung in der Hoffnung auf mehr Fördergeld.