Magdeburg l Die Stadtratsfraktion Tierschutzpartei/Bund für Magdeburg (BfM) möchte, dass das Stadtgebiet nicht nur grüner, sondern auch „essbarer“ wird. Als Vorbild dafür hat sie sich das Projekt „Essbare Stadt“ ausgesucht, das bereits in mehreren deutschen Städten umgesetzt oder angestrebt wird.

„Öffentliche Grünflächen bestehen meist aus Rasenflächen, Blumenbeeten und Bäumen ohne essbare Früchte. Es gibt viele Ideen, wie unsere Stadt grüner und lebenswerter gestaltet werden kann. Das Konzept ,Essbare Stadt‘ ist dabei besonders interessant“, meinen Burkhard Moll, Evelin Schulz und Barbara Tietge.

Unter einer „Essbaren Stadt“ verstehe man die Entwicklung einer lebendigen und produktiven Stadt, die Menschen jeden Alters und aus allen Bevölkerungsschichten anspricht – nach dem Motto „Pflücken erlaubt“ statt „Betreten verboten“. „Giftige Hecken könnten zum Beispiel durch Hecken mit gesunden Früchten ersetzt werden. Und je nach Eignung der Fläche könnte der Anbau von Nuss- und Obstbäumen, Esskastanien oder Gemüse und Kräutern angestrebt werden. Besonders für Stadtkinder, die oft Obst und Gemüse nur aus dem Supermarkt kennen, ist das eine echte Bereicherung“, begründen die Fraktionsmitglieder ihren Vorstoß, das Projekt auch in Magdeburg anzuschieben.

Pilotprojekt startete in Kassel

Um zu schauen, was in Magdeburg möglich wäre, sollen sich nun die Fachausschüsse für Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr, Finanz- und Grundstücksausschuss sowie Umwelt und Energie mit dem Thema beschäftigen. Der Stadtrat gab dazu auf seiner jüngsten Sitzung grünes Licht.

Bundesweit war die „Essbare Stadt“ in Kassel die erste Initiative unter diesem Namen in Deutschland und hat eine mittlerweile wachsende Anzahl „essbarer Städte“ mit ihrem Konzept inspiriert. Das Projekt – als gemeinnütziger Verein in Kassel organisiert – arbeitet an der Entwicklung einer lebendigen und produktiven Stadtlandschaft im Kontext von urban gardening (Stadtgärtnern). Gegründet im Mai 2009 mit 16 Menschen, zählt der Verein mittlerweile 100 Mitglieder.

Mit ehrenamtlichem Engagement und Freude am Gärtnern und Vernetzen legen sie Gemeinschaftsgärten innerhalb der Stadt an und pflegen sie, bieten Teilhabemöglichkeiten beim biologischen Gemüseanbau in der Stadt mit Gemüse-Selbst-Ernte-Projekten, pflanzen gemeinsam mit Menschen aus den Stadtteilen Nuss- und Obstgehölze in Abstimmung mit Ortsbeiräten und städtischem Gartenamt, pflegen alte Obstbaumbestände, vermitteln Baumpatenschaften, organisieren gemeinsame Ernte-, Saft- und Einmachaktionen, kochen und speisen wöchentlich gemeinsam, bieten einen monatlichen Stammtisch sowie bisweilen Filmabende, Workshops und Vorträge zum Thema essbare und nachhaltige Stadt an.

Obstschatz in der Stadt

Den Ausschlag für das Projekt gab die Erkenntnis, dass Kindern und allen Einwohnern der Stadt die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich mit dem biologischen Stadtgärtnern beschäftigen zu können. Außerdem sollten in sich wandelnden Zeiten mehr Möglichkeiten für den biologischen Anbau in der Stadt geschaffen werden, sagt Karsten Winnemuth vom Kasseler Verein „Essbare Stadt“.

„Mittlerweile bringen wir einen schönen Obstschatz in die Stadt“, sagt Karsten Winnemuth. Etwa 400 Obst- und Nussbäume sowie Obststräucher sind mittlerweile im Stadtgebiet angepflanzt worden. Hinzu kommen noch drei Gemeinschaftsgärten, die der Verein mit Partnern betreut, sowie weitere Projekte.

Der Verein hat inzwischen ein breites Netzwerk aufgebaut, arbeitet mit anderen Vereinen und Initiativen zusammen, die Universität ist mit im Boot, zur Stadtverwaltung gibt es gute Kontakte. „Am Anfang war das nicht ganz so leicht. Da war unser Vorhaben noch Neuland für die Stadtverwaltung. Aber über die Jahre und durch verschiedene Projekte hat sich die Zusammenarbeit verbessert“, so Karsten Winnemuth.

Ernteflächen im Stadtgebiet

Neben dem Projekt „Essbare Stadt“ haben sich in Kassel auch weitere Initiativen und Projekte entwickelt. Am Stadtrand sind beispielsweise fünf Flächen von je etwa einem halben Hektar "zum Gemüse selbst ernten" entstanden. Über die Universität sowie Privatinitiativen mit Bauern, Gartenbaubetrieben und anderen werden die Flächen hergerichtet und Gemüse ausgesät. Für eine Saison kann man sich dann hier eine Parzelle mieten, in der man das Gemüse hegt und pflegt und dann natürlich selbst erntet.

Dass das Projekt „Essbare Stadt“ nun auch in Magdeburg angeschoben werden soll, freut Karsten Winnemuth. In der Öffentlichkeit werde es sehr gut angenommen, sagt er. Mit ihrem Projekt waren sie übrigens auch Bestandteil der Bewerbung Kassels als Kulturhauptstadt Europas 2010. Letztlich wurde es allerdings Essen. Und ihre Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 zog der Stadtrat 2018 wieder zurück. Magdeburg hingegen ist ja noch im Rennen ...

Ähnliche Ansätze wie im Projekt „Essbare Stadt“ gibt es in Magdeburg bereits. So beispielsweise der Interkulturelle Garten (iKuGa). Auf einer 2600 Quadratmeter großen Brachfläche im Stadtteil Neue Neustadt entstand eine kleine Gartenoase, ein Gemeinschaftsgarten für alle, in dem verschiedene Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zusammen gärtnern. Gemeinsam soll durch das Gärtnern der Aufbau einer offenen und toleranten Gemeinschaft gefördert werden. Und schließlich stehen auch die Themen eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur und gesunde Ernährung durch den Eigenanbau im Fokus des Projektes.