Magdeburg l Susann und Janine durchforsten jeden Morgen die lokalen Blätter nach Erotikanzeigen, suchen regelmäßig nach Sex-Inseraten von Prostituierten im Netz. Die beiden Frauen arbeiten für die Awo-Beratungsstelle „magdalena“. Die Sozialarbeiterinnen melden sich dort am Telefon nur mit ihrem Vornamen – aus Sicherheitsgründen. Denn was wäre, wenn ein Zuhälter nichts von ihrer Arbeit halten, oder Frauen, die sie zur Behörde begleiten, unweigerlich auf der Straße als Prostituierte geoutet würden?

Susann und Janine kümmern sich um Sexarbeiterinnen in Magdeburg. Doch sie wollen die Frauen nicht „retten“, betont Susann. Nach einem halben Jahr „magdalena“ lautet ihr Resümee: „Es gibt genügend Frauen, die dieses Berufsmodell für sich ausgewählt haben.“ Bei der Beratungsstelle wolle man jetzt dafür sorgen, dass diese Prostituierten ihren Job unter rechtlich fairen und menschenwürdigen Bedingungen ausüben können.

Dutzende Modellwohnungen in Magdeburg

Die gemütlich eingerichteten Räume von „magdalena“ in der Friesenstraße sollen ein Ort werden, an dem sich die Prostituierten treffen, mit anderen über alles sprechen können. So eine regelmäßige Runde in Magdeburg zu etablieren, sei schwer, sagt Janine. Sie spricht von Dutzenden sogenannten Modellwohnungen, verteilt über das gesamte Stadtgebiet. Die Betreiber vermieten die einzelnen Wohnungen meist wöchentlich und die Prostituierten ziehen von Stadt zu Stadt. „Für die Frauen ist das offensichtlich rentabler, als an einem Ort zu bleiben“, erklärt Janine.

Wie viele Wohnungen das in Magdeburg genau sind, ist unklar. Die Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka spricht von mehr als 90 Wohnungen. Susann und Janine haben bei ihrer Arbeit bereits ganze Häuser kennengelernt, in denen in jeder Wohnung Sex angeboten wird. Die zwei Sozialarbeiterinnen klingelten schon an unzähligen Türen, um sich den Frauen vorzustellen, ihnen ihre Unterstützung anzubieten.

Prostitution wird nicht wertgeschätzt

Dabei bekommen Susann und Janine einen guten Einblick in die Magdeburger Verhältnisse in Sachen Prostitution. Ein erstes erschreckendes Urteil: Die Wertschätzung dieser Arbeit sei gerade ganz weit unten, sagt Susann. Und erzählt von Freiern, die regelmäßig vor der Tür stehen und den abgemachten Preis drücken wollen. Wenn die beiden Beraterinnen die Sexarbeiterinnen besuchen, haben sie ihre Visitenkarte und Feuerzeuge dabei. Die kämen immer gut an.

Auch Kondome verteilen Susann und Janine. Anfangs keine gute Idee, jetzt kennen die beiden die beliebteste Marke. Doch auch das sicherste Kondom nützt nichts, wenn der aktuelle Trend sich fortsetzt. Denn die Prostituierten treffen in Magdeburg immer wieder auf Freier, die es ohne Kondom machen wollen. Susann spricht von dem Spiel mit der Gefahr, von Russisch Roulette.

Sexarbeiterinnen auf Kunden angewiesen

Das Problem dabei: Es sei schwer für die Prostituierte, in so einem Fall auf die Einnahmen zu verzichten, sagt Susann. Und kennt aus den vielen Gesprächen die Angst der Frauen: „Auch wenn ich den Freier wegschicke, die nächste wird es ohne Kondom machen.“ Und wie andere Selbstständige auch sind die Sexarbeiterinnen auf jeden Kunden angewiesen, jeder Tag, den sie nicht arbeiten können, bedeutet Verdienstausfall. Gegenüber den „magdalena“-Mitarbeiterinnen sagen die Prostituierten ganz klar: „Es ist ein harter Job, den wirklich nicht jeder machen sollte und auch könnte.“

Haben die Sexarbeiterinnen medizinische Fragen oder brauchen Hilfe, dann begleiten Susann und Janine sie auch mal zum Gesundheitsamt. Dort sind Blutentnahmen und Abstriche zur Feststellung von sexuell übertragbaren Krankheiten möglich, zählt Stadtsprecher Michael Reif auf. Und nennt Zahlen aus dem vergangenen Jahr: 1346 Klientenberatungen wurden im Gesundheitsamt durchgeführt und 153 Personen auf sexuell übertragbare Infektionen untersucht. Zusätzlich seien noch vier Personen beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet worden. Auch dabei würden die Mitarbeiterinnen von „magdalena“ jederzeit die Frauen unterstützen. „Bisher hatten wir so einen Fall jedoch noch nicht“, sagt Janine.

Prostituierte führen Doppelleben

Die Frauen, die die Sozialarbeiterinnen beraten, sehen aus wie „ich und du“, sagt Janine. Man würde die Prostituierten auf der Straße nicht erkennen. Janine: „Das ist nicht wie im Film und alle laufen mit kurzem Rock und hohen Stiefeln umher.“ Oftmals würden die Sexarbeiterinnen ein Doppelleben führen, die Familie soll nichts von dem Job wissen. Das betreffe vor allem Frauen mit Migrationshintergrund. Das sind in vielen Fällen Osteuropäerinnen und zunehmend auch Afrikanerinnen. Sie ernähren mit ihren Einnahmen zwar die Familie im Heimatland, aber Prostitution ist dort total verpönt. „Die Frauen behaupten dann oft, sie würden in der Gastronomie arbeiten“, weiß Janine aus Erfahrung.

Die Frauen arbeiten fast immer unter einem anderen Namen. Das könnte mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz, das ab dem 1. Juli in Kraft treten soll, kompliziert werden. Denn dann sollen sich die Frauen anmelden, eine Identitätskarte bekommen, die Wohnungen, in denen sie arbeiten, sollen bestimmten Vorschriften entsprechen. Diese neuen Regularien machen den Frauen Angst. „Weil noch keiner weiß, wie es genau umgesetzt werden soll“, kritisiert Sozialarbeiterin Susann. Bei der Stadt warte man noch auf Vorgaben vom Land, Zuständigkeiten seien noch nicht festgelegt, erklärt Stadtsprecher Michael Reif.

Gefahr der Illegalität steigt

Doch Gerüchte unter den Frauen gibt es bereits jede Menge. Mit Sorgen vor horrenden Bußgeldsummen und der Angst, wöchentlich einen Tag auf dem Amt zu verbringen, um sich in Magdeburg anzumelden, sind die Beraterinnen in den vergangenen Monaten konfrontiert. Mit den strengen Auflagen könnte die Gefahr der Illegalität steigen. Das Thema Straßenstrich, welches aktuell in Magdeburg keine Rolle spielt, ist dann vielleicht eines. Eine Sperrbezirksverordnung existiert in Magdeburg jedenfalls nicht. Das bestätigt auch der Stadtsprecher. Die Prostituierten könnten also überall stehen.

Wegen all der Ungewissheit soll es jetzt einen ersten großen Austausch geben, organisiert von „magdalena“. Die Mitarbeiterinnen wollen alle an einen Tisch holen. Motiviert machen die jungen Frauen eine Einladung nach der anderen fertig. Genauso motiviert hat man bei der Awo auch um die Gründung von „magdalena“ gekämpft. Es gab Gegner, die der Meinung sind, mit der Beratung würde Prostitution gesellschaftsfähig gemacht.

Transfrauen mit männlichem Geschlecht

Warum die Arbeit mit Prostituierten? „Es gibt einfach nicht viele Angebote für Menschen, die aus dem Raster fallen“, sagt Janine. Dabei sei das wichtig. Und deswegen richtet sich die Beratung auch nicht nur allein an Frauen, sondern auch an Transfrauen – Männer, die sich zu einer Frau haben umoperieren lassen. Als Sexarbeiterinnen würden sich viele der Transfrauen nicht ganz operieren lassen, sondern ihren Penis behalten. Susann: „Denn genau das wird von den Freiern gewünscht.“

Wer Kontakt zur Awo-Beratungsstelle „magdalena“ in der Friesenstraße 6 aufnehmen möchte, kann das unter Telefon 0391/55991666 oder unter 0176/16279072 sowie per E-Mail an magdalena@awo-sachsenanhalt.de. Die Beratungsstelle wird gefördert durch die Aktion Mensch. Die Mitarbeiterinnen freuen sich jederzeit über Spenden in Form von Süßigkeiten, Nagellack, Gleitgel und Lippenpflege.