Magdeburg l Warum spielen wir Fußball? Die Internet-Suchmaschine Google spuckt auf diese Frage fast 70 Millionen Ergebnisse aus. Dennoch lässt sich eine allgemeingültige Antwort nicht finden. Die einen traten schon als Kind allem hinterher, was sich bewegen lässt. Spielsachen, Steine oder gar Mamas Schienbein mussten dafür schon mal herhalten. Die anderen bestaunen im Zeitalter von Instagram, Facebook und Co. die Profis und denken sich: „Diese Berühmtheit, das will ich auch.“

Im Falle der zweiten Mannschaft von Roter Stern Sudenburg in der Staffel 1 der Stadtoberliga sind es andere Dinge. Nach bislang zehn Niederlagen und 148 Gegentoren ist es für Trainer René Schult nicht einfach, das Team bei Laune zu halten: „Was will man machen“, sinniert Schult. „Wir geben trotzdem jede Wochenende unser Bestes.“

Mit Händen und Füßen gesprochen

Zu den herben Pleiten kommen weitaus größere Schwierigkeiten auf den Coach zu. Denn viele Akteure aus dem Kader hatten vor ein paar Jahren noch schwere, sogar existenzielle Probleme und haben nicht von kleinauf den Traum eines Fußballers gelebt.

Bilder

Rund die Hälfte des Teams sind Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten. „In direkter Nähe zum Sportplatz ist ein Flüchtlingsheim. Vor ein paar Jahren sind dann die Ersten einfach zum Schnuppertraining gekommen“, erklärt Schult. Und sportlich sind sie alle. „Aber was es hier in Deutschland heißt, pünktlich zu sein, ein Mannschaftsgefühl zu haben und generell Fußball zu spielen, galt es für einige noch zu lernen.“

So berichtet der Coach von einem anfänglich unregelmäßigen Erscheinen beim Training und Problemen mit dem sozialen Gefüge innerhalb der Mannschaft. „Die Gangart ist im Fußball besonders in den Zweikämpfen ja ein wenig härter. Daran mussten sich unsere neuen, meist körperlich etwas schwächeren Mitspieler erst gewöhnen. Aber ebenso mussten die Alteingesessenen sich mit den Neuankömmlingen verstehen. Insbesondere die Sprache war am Anfang ein Problem. Aber mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch hat es funktioniert“, so Schult. „Mittlerweile hat sich das Deutsch von vielen wirklich stark verbessert.“

Die Meisten sind geblieben

Dennoch: Es ist schwer, Menschen, die mit dem Fußball gerade erst in Kontakt kommen oder in ihrer Heimat allenfalls nebenbei gespielt haben, nach solch herben Niederlagen, wie sie die Roten Sterne in dieser Saison erleben, neu zu motivieren. „Das erste Spiel gegen die Zweite vom MSC Preussen ging mit 1:28 verloren. Zuvor hatten wir bereits im Pokal 21 Gegentreffer gefangen. Und trotzdem sind die meisten noch dabei.“

Und wie motiviert man nun eine Mannschaft, die offenbar weiter von einem Sieg entfernt ist als der Magdeburger Tunnel von seiner Fertigstellung? „Zuerst einmal gibt es in unsere Mannschaft diese ,Wir-geben-nicht-auf‘-Mentalität. Manche wollen zum Beispiel nach schlechten Partien umsorgt werden und diese müssen wir dann aufbauen. Mit anderen gehen wir hart ins Gericht und kitzeln auf diese Weise bessere Leistungen heraus. Jeder hat eben einen anderen Charakter. Aber letztlich ist es nach den vielen Gegentoren sehr schwer, da können wir nur an das Wir-Gefühl appellieren“, gesteht Schult, der seinen Opitimismus nicht verliert: „In der Rückrunde sehe ich uns schon ein, zwei Siege einfahren.“

Diese Rückrunde ist eigentlich die dritte Spielzeit. Denn nach der Reform – die Stadtliga wurde abgeschafft, zwei Staffeln in der Stadtoberliga gebildet – wird nach der Serie der beiden Staffeln noch eine Aufstiegsrunde gespielt, in einer anderen Runde gegen es um die berühmte „goldene Ananas“. „Ich persönlich verstehe den Sinn dieser Neuerung nicht. Warum spielt man nicht in einer Hin- und Rückrunde um den Aufstieg?“, fragt Schult. „Dann kämen diese hohen Ergebnisse nicht zweimal zustande. Außerdem sind die Teams, die es nicht in die Aufstiegsrunde schaffen, doch fast die gleichen Mannschaften, die im vergangenen Jahr noch in der Stadtliga spielten.“ Aber so muss auch Schult derzeit akzeptieren, dass seine sehr junge Mannschaft mit einem Altersschnitt von 21 Jahren, 14,4 Tore im Schnitt kassiert.

Ans Herz gewachsen

„Das Alter spielt natürlich eine große Rolle bei der Motivation, denn wer von den Jungs will sich nach Niederlagen schon die Sprüche von Freunden gefallen lassen“, sagt Schult lächelnd. Macht es ihm eigentlich noch Spaß, der Coach zu sein? „Das macht es tatsächlich“, sagt Schult. „Mir sind die Jungs ans Herz gewachsen.“

Aus einer Not heraus war der Technische Direktor einer IT-Firma zum Trainerjob gekommen. Vor knapp zehn Jahren habe das Team seines Sohnes einen Assistenten gebraucht. Und da „ich sowieso immer anwesend war mein Training und sich der Heimweg nicht gelohnt hätte“, berichtet er, habe er schnell zugesagt. Inzwischen betreue ich einige schon von der C-Jugend an.“

Aber nicht erst seit dem Beginn seines Engagments weiß Schult: „Fußball kann die Menschen verbinden. Egal, welche Hautfarbe, Sprache, Bildung jemand hat: Auf dem Feld sind alle gleich.“ Und ob die Akteure nach all den Niederlagen nun aus Pflichtgefühl und wegen der sozialen Kontakt noch kommen, spielt für Schult auch keine Rolle: „Fakt ist: Wer jetzt noch kommt, liebt den Fußball. Und die Siege kommen irgendwann von allein. Wir Trainer und das Team glauben daran.“

Vielleicht klappt es für Toter Stern Sudenburg II noch nicht morgen mit einem Sieg: Denn dann treten die Sudenburger beim MSC Preussen II an (14 Uhr) – dem Staffelersten.