Tierschutz

Schädling oder nicht? Magdeburgs Taubenfrage wird ein Fall fürs Ministerium

Stadttauben sind in Sachsen-Anhalt als Schädlinge eingestuft. In der Diskussion um ein Taubenhaus nutzen Kritiker dies als Argument dagegen. Nun äußert sich der Tierschutzbeauftragte des Landes zur Taubendiskussion.

Von Karolin Aertel
Sollten Tauben tatsächlich weiterhin als Schädlinge geführt werden?
Sollten Tauben tatsächlich weiterhin als Schädlinge geführt werden? Foto: dpa

Magdeburg - Als einziges Bundesland neben Mecklenburg-Vorpommern hat Sachsen-Anhalt Stadttauben als Schädlinge eingestuft. In der aktuellen Diskussion um die Errichtung eines Taubenhauses in der Magdeburger Innenstadt wird dieser Fakt von Kritikern gern als Argumentationsgrundlage genutzt. Das könnte sich nun ändern. Der Tierschutzbeauftragte des Umweltministeriums, Dr. Marco König, hat das zuständige Sozial- und Gesundheitsministerium um eine fachlich notwendige Korrektur der Schädlingsbekämpfungsverordnung gebeten. Stadttauben sollen nicht länger als bekämpfungswürdige Schädlinge klassifiziert werden, teilt er mit. Zudem erklärt er, dass Tauben wie alle Tiere zuerst dem höherwertigen Tierschutzgesetz (Bundesgesetz mit Verfassungsrang) unterliegen. Im Rahmen des eventuellen Vorgehens gegen Tauben als tierische Schädlinge sind also zunächst die geltenden Bestimmungen des Tierschutzes zu beachten. Eine faktische Gleichstellung mit Ratten, wie sie Magdeburgs Amtsarzt unlängst in einem Volksstimme-Beitrag äußerte, sei fachlich unzutreffend und unangebracht, verdeutlicht König.

Die aktuelle Diskussion um die Errichtung von Taubenhäusern verfolgt der Tierschutzbeauftragte aufmerksam und kritisch.

Kritik am Fütterungsverbot

Insbesondere das Fütterungsverbot und das Versagen von artgerechtem Futter ist nicht sinnvoll. Es führe zu Unter- und Mangelernährung, zu einer tierschutzrelevanten Verelendung. „Ein generelles Fütterungsverbot der Stadttauben ohne alternative betreute Versorgung ist nichts anderes als ein tierschutzwidriges Aushungernlassen“, erklärt er. Tauben sind keine Alles-, sondern Hartkörnerfresser und davon finden sie in der Innenstadt wenig. Notgedrungen ernähren sich Stadttauben in Stadtzentren hauptsächlich von Abfällen. „Ohne Stadttaubenmanagement sind die Tiere in der Regel untergewichtig und leiden unter schweren Durchfällen, sogenannter Hungerkot. Insbesondere dadurch kommt es zu Verschmutzungen des öffentlichen Raums, die mit großem Aufwand und kostenintensiv beseitigt werden müssen. Zudem leiden die Tauben vermehrt unter Parasiten und Krankheiten aufgrund einer Immundefizienz.

König verdeutlicht, dass gegen Tauben nur mit Maßnahmen vorgegangen werden dürfe, die einerseits geeignet sind, um das angestrebte Ziel Reduktion der Taubenbestände zu erreichen, andererseits erforderlich und verhältnismäßig. Letzteres seien sie nur dann, wenn dasselbe Ziel nicht durch eine für die Tauben mildere alternative Maßnahme zu erreichen wäre. Und dieses Ziel sei eben möglich durch gezieltes Taubenmanagement. Das beinhaltet betreute künstliche Brutplätze in Taubenschlägen, weniger unkontrollierte Nistplätze und eine Kontrolle der Fütterung.

Fragliche Kostenangaben

Laut dem Tierschutzbeauftragten des Landes sollte sich Magdeburg glücklich schätzen, wenn Eigentümer von Gebäuden Möglichkeiten zur Betreibung von Taubenschlägen einräumen, und diese Chance nutzen. Unbenommen bleibe, dass die Maßnahmen mit Aufwand und Kosten verbunden sein werden. Allerdings frage er sich, woher Kostenangaben stammen, die die Stadtverwaltung in ihrer Stellungnahme zur Standortsuche für ein Taubenhaus aufführt.

König verweist hinsichtlich der Kosten auf das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Dieses habe eine Empfehlung zur tierschutzgerechten Bestandskontrolle der Stadttaubenpopulation veröffentlicht. Dort sind aus den Erfahrungen von Städten, die Taubenmanagement praktizieren, laufende Kosten von 0,10 Euro pro Einwohner und Jahr angeführt, ergo sind das für Magdeburg bei 235 775 Einwohnern (Stand 12/2020) 23 577,50 Euro. Die Stadtverwaltung schätzte die laufenden Kosten pro Jahr auf 9000 Euro zuzüglich einmalig 15 000 Euro für den Bau des Taubenhauses.

Dr. Marco König
Dr. Marco König
Foto: Viktoria Kühne