Magdeburg l Das Schiffshebewerk Magdeburg-Rothensee ist ein technisches Denkmal besonderer Güte: In den 1930er Jahren demonstrierten Ingenieure, was mit den damaligen technischen Mitteln möglich war. Von Interesse ist das nicht allein für Liebhaber historischer Technik, sondern auch für die Ingenieure von morgen.

Beispiel Pate. Bei diesem Kürzel handelt es sich um die „Projektarbeit im Team“ für Studenten der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität. Als Projektteam haben sich in diesem Semester Florian Mund, William-Christopher Pahnke, Felix Magnus und Toni Armin Kauthe gefunden. Ihre Aufgabe lautet, das Spiel der riesigen Muttern, die den Trog an den Spindeln entlangführen, zu überprüfen. Begleitet wird das Projekt seitens der Uni von Matthias Schorgel vom Lehrstuhl für Maschinenelemente und Tribologie. Er erläutert: „Im Laufe der Zeit nutzen sich die Muttern immer mehr ab. Damit wird das Spiel zwischen ihnen und den Schrauben immer größer.“ Wie groß die Kräfte sind, die hier wirken, ist an der Größe der Bauteile zu erkennen: Jede der Muttern hat einen Durchmesser von 1,3 Metern.

Messuhren ermitteln minimale Abstände

Irgendwann ist das Spiel so groß, dass die Muttern ausgetauscht werden müssen. Doch wann ist das der Fall? Wie misst man das Spiel und findet den richtigen Zeitpunkt? Dafür einen Arbeitsablauf und ein Messprogramm zu entwickeln, ist die Aufgabe der Studenten.

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In zwei Gruppen aufgeteilt steigen sie bei nasskaltem Wetter in die Tiefe der Mutternwagen neben dem Trog, in dem sonst die Schiffe wie in einem Fahrstuhl zwischen Elbe und Mittellandkanal auf- und abfahren. Mit Messuhren wollen sie minimale Neigungen und Abstände ermitteln, wenn der Trog voll mit Wasser gefüllt ist und wenn er mit ein wenig weniger Wasser beschwert nach oben drückt. Aus diesen Differenzen wollen sie das Spiel ermitteln.

500 bis 600 Hebungen pro Saison

Seitens des Schiffshebewerks ist Marcel Bremer dabei. Er leitet die von der Landeshauptstadt betriebene Anlage und sagt: „Vor dem Bau der Sparschleuse Rothensee nebenan gab es natürlich sehr viel mehr Hebungen als heute.“ 50 bis 70 waren das am Tag. Damals mussten die Muttern alle 10 bis 15 Jahre ausgetauscht werden. Heute kommt das technische Denkmal auf 500 bis 600 Hebungen pro Saison, wenn Passagierschiffe und Sportboote zwischen Elbe und Mittellandkanal unterwegs sind. „Entsprechend niedriger ist natürlich heute der Verschleiß“, sagt Marcel Bremer.

Trotzdem sind die Muttern ein wichtiger Teil im großen Zusammenspiel all jener Elemente, die das 80 Jahre alte Schiffshebewerk ausmachen, und deren Zusammenspiel ein Funktionieren der Anlage erst möglich macht. „Zum Glück sind die Teile in einem so guten Zustand, dass wir meist mit Reparaturen und Instandsetzungen den Weiterbetrieb absichern können.“ Wann die Muttern genau fällig sind, das wird am Ende des Semesters klar sein, wenn die vier Studenten ihre Arbeit präsentieren. Aber noch dürften die Verschleißteile halten, das letzte Mal wurden sie in den 1990er Jahren gewechselt.

Wie Matthias Schorgel berichtet, konnte die Projektgruppe bei ihren Vorbereitungen auf entsprechende Projektunterlagen aus dem Jahr 1992 zurückgreifen. „Das war wirklich sehr aufschlussreiches und interessantes Material, mit dem die Studenten da arbeiten konnten“, so seine Einschätzung.

Antworten auf viele Fragen gesucht

Für die angehenden Industriemechaniker und Ingenieure stellt sich die Arbeit derweil als interessante Herausforderung dar. Neben den fachlichen Fragen geht es um den Arbeitsschutz: Wie muss man sich sichern, um ungefährdet zu den Messstellen zu gelangen. Oder zu geradezu simplen Fragen der Kommunikation untereinander: Wie verständige ich mich mit meinen Kollegen, wenn jeder an einer anderen Stelle des Schiffshebewerks misst.

Um die Messung vorzubereiten, sind Florian Mund und Toni Armin Kauthe erneut in einen der Schächte hinabgestiegen und überprüfen die Messuhr vor dem Beginn der Messung. Toni Armin Kauthe sagt: „Es ist wichtig hier aufzupassen, dass die Messgeräte an der richtigen Position sind. Und dann geht es jetzt natürlich darum, die Daten sorgfältig in einem Protokoll zu erfassen.“ Florian Mund ist derweil von der Anlage fasziniert: „Mit solcher Technik haben wir es heute nicht mehr zu tun. Zum Beispiel ist im Schiffshebewerk sehr viel genietet. Das war zu den Bauzeiten der Anlage Stand der Technik, da sich die damaligen Stähle im Gegensatz zu den heutigen Materialien nur schlecht schweißen ließen.“

Dass sich übrigens ebendiese Vierergruppe gefunden hat, ist kein Zufall. Felix Magnus sagt: „Wir sind alle Dualstudenten bei FAM.“ Das bedeutet, dass die vier neben ihrem Bachelorstudium mit dem Schwerpunkt Fertigungstechnik am Ende auch den Abschluss als Industriemechaniker in der Tasche haben werden. Und sie kennen einander eben nicht allein aus dem Hörsaal, so dass sie genau wissen, wo die Stärken des jeweils anderen liegen. „Einmal davon abgesehen, dass durch die Nähe zur Praxis das Studium sehr anschaulich wird“, sagt William-Christopher Pahnke.

Mit dem dualen Studium mitten in der Praxis

Unabhängig vom Ergebnis des laufenden Projekts sind die vier bezüglich ihrer Zukunft optimistisch. Nach dem Abschluss der Ausbildung im Sommer wollen sie im Unternehmen bleiben. Für die Ausbildung seitens FAM ist Welf Nickel zuständig. Er sagt: „Unser Unternehmen hat die Talsohle längst durchschritten. Und damit bieten sich natürlich auch für junge Menschen, die ein duales Studium bei uns und an der Uni absolvieren möchten, gute Perspektiven.“