Tierische Helfer

Sinkt der Zuckerspiegel, schlägt Yumi Alarm

In einer Hundeschule in Magdeburg werden Assistenzhunde ausgebildet. Sie helfen erkrankten Menschen bei der Bewältigung des Alltags.

Von Peter Ließmann 18.06.2016, 01:01

Magdeburg l Eben tollt Yumi noch über die Wiese, balgt sich freudig mit Yano um ein Stück Holz, sprintet über den Platz. Dann legt Christina Jakobs ihr eine sogenannte Kenndecke um, und Yumi ist wie verwandelt. Konzentriert blickt sie auf ihre Trainerin, wartet, welche Aufgabe sie als nächstes erledigen soll, hört auf jedes Kommando und lässt sich kaum noch ablenken. „Die Kenndecke ist für Yumi das Signal, dass jetzt gearbeitet wird“, sagt Christina Jakobs. Sie ist Hundetrainerin und Verhaltenstherapeutin für Hunde, Yumi ist eine acht Monate alte Collie-Hündin, die im Magdeburger Stadtteil Prester zu einem Assistenzhund ausgebildet wird.

Assistenzhunde sind Hunde, die einen kranken Menschen oder einen Menschen mit einer Behinderung begleiten und für sie ganz bestimmte Aufgaben übernehmen. Yumi wird ein Diabetes-Spürhund für einen 13-jährigen Jungen in Hamburg. Die Ausbildung dauert rund ein Jahr. „Das hängt ganz von der Auffassungsgabe des Hundes ab“, sagt Christina Jakobs. Die Hundetrainerin – sie betreibt in Prester eine eigene Hundeschule – hat sich der „Akademie für Assistenzhunde-Ausbildung (AfA) angeschlossen. Die Ausbildung von Yumi ist gewissermaßen ihr „Meisterstück“, denn auch Christina Jakobs musste eine Ausbildung absolvieren, um Assistenzhunde ausbilden zu können.

Die Collie-Hündin Yumi wird darauf trainiert, zu riechen, wenn ihr Mensch (der 13-Jährige aus Hamburg) unterzuckert. Wenn Diabetiker unterzuckern, dann fängt ihr Körperschweiß an, nach Ammoniak zu riechen. Yumis Nase ist so fein, dass sie schon kleinste Ammoniak-Spuren wahrnehmen und dann ihren Menschen auf die drohende Unterzuckerung aufmerksam machen kann – bevor es gefährlich wird. Yumi wird dann ihren 13-jährigen Jungen hartnäckig anstupsen, ihm das Blutzucker-Messgerät, Zucker oder ein süßes Getränk holen. Sie wird auch lernen, im Bedarfsfall nachts Alarm zu schlagen oder sogar einen Notfallknopf zu drücken. Besonders bei Kindern ist die Blutzuckerüberwachung sehr problematisch, etwa, wenn sie schlafen, spielen oder in der Schule sind. Yumi soll darum ihren Jungen immer begleiten. „Das ist für das Kind sehr wichtig und vor allem auch für die Eltern eine wirkliche Alltagserleichterung, weil sie sich viel weniger Sorgen um ihr Diabetes-Kind machen müssen“, sagt Christina Jakobs.

Damit Yumi nicht jedem Diabetiker hinterherschnüffelt, wird sie ganz speziell auf den Geruch des Kindes trainiert. Dazu bekommt Christina Jakobs alle acht Wochen ein T-Shirt des Jungen zugeschickt, das er getragen hat, wenn er unterzuckert war. Yumi muss den Geruch des T-Shirts, in dem sich der Ammoniak-Geruch mit dem ganz eigenen Körpergeruch des Jungen gemischt hat, immer wieder erschnüffeln. So ergibt sich für sie dann ein ganz spezieller „Alarm-Geruch“, der sich von allen anderen Gerüchen auf dieser Welt unterscheidet.

Aber nicht nur die Warnung vor Überzuckerung ist Yumis zukünftige Aufgabe, sie muss auch lernen, ihren Menschen überall hin zu begleiten. Darum wird mit ihr auch trainiert, immer die Ruhe zu bewahren, etwa im Einkaufszentrum, in der Fußgängerzone, im Wartezimmer des Arztes – eben überall dort, wo viele Menschen und viele Geräusche sind. Um das zu lernen, ist Christina Jakobs das ganze Jahr über viel mit Yumi in Magdeburg unterwegs. Auch darum trägt der Hund seine Kenndecke, damit man schnell erkennen kann, dass es ein Assistenzhund ist – ähnlich wie bei Blindenhunden.

Rechtlich sind die Assistenzhunde den Blindenhunden gleichgestellt, das heißt, sie dürfen überall dort hingehen, wo ihr Halter hingeht. Die Finanzierung eines Assistenzhundes dagegen ist noch problematisch. Die Ausbildung kostet zwar weniger als bei einem Blindenhund, wird aber nicht von den Krankenkassen übernommen. Derzeit sind nach Paragraf 33 Sozialgesetzbuch V nur Blindenführhunde als Hilfsmittel anerkannt. Allerdings gibt es Kinderhilfs- organisationen, bei denen Eltern für ihre betroffenen Kinder finanzielle Hilfen beantragen können.

Der Landesverband Sachsen-Anhalt des Deutschen Diabetikerbundes ist bei seiner Beurteilung in Sachen Assistenzhunde zurückhaltend. „Das liegt vor allem daran, dass die Kosten für die Ausbildung, immerhin rund 15.000 Euro, von den Krankenkassen nicht übernommen werden. Wir als Verband können nicht offiziell etwas empfehlen, das für die meisten Betroffenen nicht finanzierbar ist“, sagt Landesvorsitzender Reinhold Meintziger. Wichtig wären auch noch einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Grundsätzlich abraten von der Anschaffung eines Diabetes-Spürhundes werde der Verband allerdings auch nicht, ist der Landesvorsitzende diplomatisch.

In den einschlägigen Ärzte-Fachblättern steht man dem Einsatz von Diabetes-Spührhunden offen gegenüber. Allerdings empfiehlt etwa das Deutsche Ärzteblatt, den Rat eines Facharztes einzuholen.