Magdeburg l „Was ist denn das sauerste Getränk, das Sie haben?“, fragt die Magdeburger Stadtschreiberin Nele Heyse an der Bäckertheke. Grapefruitsaft wird ihr angeboten, den nimmt sie auch, und dazu ein Stück Rhabarberkuchen. „Ich habe es gern sauer“, erklärt sie später.

Seit dem 1. März 2019 ist sie in Magdeburg zu Gast – und richtig begeistert. Die großzügige Anlage der Straßen, die vielen Grünanlagen in Innenstadtnähe, die Elbe, die Potenziale für Entwicklung, die hier schlummern, all das gefällt der gebürtigen Meiningerin, die in Weimar aufwuchs und ihren Lebensmittelpunkt in Berlin hat.

Liebeskummer in Magdeburg spüren

Von Haus aus Schauspielerin arbeitet sie aktuell an ihrem Roman „Zerbrechliche Welten“. Er war es auch, der sie zunächst für einen Tagesausflug nach Magdeburg führte. Der Protagonist hatte gerade Liebeskummer und war in Magdeburg gestrandet. „Ich wollte beschreiben, wie es sich anfühlt, mit Liebeskummer in Magdeburg zu sein“, erzählt sie. Dann kam sie auf das Stipendium als Stadtschreiberin.

Wenn Nele Heyse von dem Roman und der Entwicklung der Figuren spricht, hat man den Eindruck, dass sie die Handlung nicht so sehr selbst bestimmt. „Ich lasse es einfach fließen, und wenn es mir langweilig wird, gebe ich dem Ganzen eine neue Wendung“, erzählt sie. Eine Dramaturgie brauche sie nicht und ist selbst gespannt, wohin sich ihre Geschichte entwickeln wird.

Geschrieben hat Nele Heyse schon immer. Etliche Tagebücher habe sie schon im Kindes- und Jugendalter gefüllt. Heute schreibt sie allerdings mit dem Tablet, und das sei auch gut so. Das digitale Arbeiten gebe ihr eine gewisse Ordnung.

Das Schreiben als Sucht

Das Schreiben diente ihr auch als Rückzugsort. Mit roten Haaren zur Welt gekommen, damals ein Stigma, fing sie später an zu stottern: „Ich war oft Hänseleien ausgesetzt“, erzählt sie. Im Schreiben fand sie einen Raum für sich. Nele Heyse: „Ich schreibe für mich und nicht, um zu gefallen.“ Und das gilt bis heute. Stift und Papier waren die einzige Sucht, in die sie sich begeben wollte, auch wenn viele Leute vermuten, dass sie zum Beispiel rauchen würde. „Ich habe Angst vor Süchten“, sagt sie.

Trotz ihres Stotterns suchte sie schließlich die Bühne. Aus einer Schauspiel-Familie stammend, wollte sie in die Fußstapfen ihrer Eltern und Großeltern treten. Mit Erfolg. Wenn sie rezitierte, stotterte sie nicht. Auch im Alltag merkt man es heute nicht. Das habe vielleicht damit zu tun, dass der Typus „Mensch ohne Humor und mit Macht“ nicht mehr so häufig sei wie einst, vermutet sie. Jene Art von Menschen hätten ihr immer Angst gemacht.

Schon früh wurde Nele Heyse schwanger – von einem Mann, den sie geliebt, der sie aber nicht gewollt habe. Das Kind wollte sie trotzdem und bekam es. Ihr Sohn ist ihr ganzer Stolz. Verbittert über diese frühe enttäuschte Liebe ist sie nicht. Im Gegenteil: „Heute bin ich dankbar dafür, dass mir mancher Wunsch nicht erfüllt wurde“, sagt sie.

Tod der Mutter verarbeiten

Viele Jahre glaubte sie, Liebeskummer sei das schlimmste Gefühl, das einem Menschen widerfahren könne. Bis zum Tod der eigenen Mutter. „Meine Mutter hat sich immer für mich gefreut. Sie war immer glücklich, aber wenn ich glücklich war, dann war sie noch ein Stückchen glücklicher“, erzählt sie. Noch heute gibt es Momente, in denen sie zum Telefonhörer greifen und ihrer Mutter von einem schönen Erlebnis erzählen will. Verarbeitet hat sie das in der Geschichte „Mama, weißt du was ... “.

Die Liebe hat sie schließlich auch gefunden. Ihren Mann, den Schauspieler und Regisseur Matthias Brenner, lernte sie 1991 kennen. Brenner hat in der Ära Wellemeyer später viele Stücke am Theater Magdeburg inszeniert. Aber so einen richtigen Eindruck von der Stadt bekam Nele Heyse nie. Umso begeisterter ist sie jetzt und würde sich am liebsten gleich noch einmal für das Stipendium als Stadtschreiberin bewerben, um Magdeburg vollends zu entdecken – für sie eine Stadt auf den zweiten oder dritten Blick.

Ob ihr Roman, in dem sie fragile, zerbrechliche Welten erschafft, in ihrer Zeit als Stadtschreiberin fertig wird, vermag sie nicht zu sagen. „Es wäre schön, aber ich lasse es einfach auf mich zukommen“, sagt sie. Zu Lesungen sei sie immer bereit, sei es nun aus dem unfertigen Manuskript, aus ihren „101  Ein-Satz-Geschichten“ oder aus ihrem Gedichtband.

Roman aus Sicht eines Mannes

Manch einen mag es verwundern, dass sie ihren Roman aus der Sicht eines Mannes schreibt. Aber Nele Heyse ist sich sicher: „Ich kann mich gut in Männer hineinversetzen.“ Männer hätten es in der Zeit von „#metoo“ ihrer Ansicht nach schwerer als Frauen. „Von ihnen wird immer noch verlangt, dass sie ihren Mann stehen, die Liebe eröffnen, die Frau erwartet es. Und so trifft das auch auf viele andere Bereiche zu“, ist Nele Heyse sicher.

Und wird man in Magdeburg auch etwas von der Schauspielerin Nele Heyse erleben? Man wird. Die Kammerspiele haben sie als Gast für die nächste Folge von „Olvenstedt probiert’s“ eingeladen.

Übrigens: Die Stadt Magdeburg sucht bereits jetzt für 2020 die Nachfolge für Nele Heyse. Bewerbungen sind bis 12. Juni 2019 möglich.