Magdeburg/Dortmund l Bemerken werden das allerdings nur gewiefte Kenner Magdeburgs oder ehemalige Häftlinge beziehungsweise Angestellte des Ex-Gefängnisses in Magdeburg an der Halberstädter Straße. Das leerstehende Gebäude bildet für einen Großteil des Tatorts „Tollwut“ die Kulisse für einen außergewöhnlichen Mord und die Ermittlungen. Denn die Aufnahmen wurden hier im Frühjahr vergangenen Jahres gedreht.

„Ein Großteil der Szenen spielt sich im ehemaligen Gefängnis und somit in Magdeburg ab“, sagt Marc Meissner vom Westdeutschen Rundfunk (WDR). In der stets wechselnden Zuständigkeit der ARD-Anstalten ist der Sender für den Tatort aus Dortmund verantwortlich, der zuletzt immerhin 8,7 Millionen Zuschauer hatte.

Viele Szenen vor Knastkulisse

Dass der Dortmunder Tatort weitgehend in Magdeburg spielt, hat einen gewichtigen Grund. Das Drehbuch verlangte nach vielen Szenen in einer Knastkulisse. Doch die zu besorgen ist nicht einfach, vor allem dann nicht, wenn lange gedreht werden muss, so Meiss- ner. Denn eine echte Justizvollzugsanstalt könne nicht so lange für Dreharbeiten genutzt werden. Und ehemalige Haftanstalten gebe es auch nicht so viele.

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So kam der Produktionsfirma der ausgediente Bau in Magdeburg gerade recht. Hier waren die letzten Insassen zwar schon 2013 ausgezogen, doch das Knast-Ambiente mit vergitterten Lichtfluren und schweren Türen für die schweren Jungs blieb. Daran hatte auch ein Kunstprojekt nichts geändert, das 2015 hier den Gebäudekomplex in Beschlag genommen hatte.

Optische Anforderungen erfüllt

Doch neben der Kulisse sind im „Tatort“ auch eine Reihe von Kleindarstellern zu erleben, die manchem Elbestädter bekannt sein dürften. Im Zuge der Dreharbeiten hatten die Produzenten über eine Berliner Agentur Magdeburger suchen lassen, die dem Knast-Klischee entsprechen: Männer mit tätowierten Pranken, bullige Typen mit funkelnder Glatze, schräg dreinblickende Elbestädter mit markanten Piercings. Die wurden offenbar gefunden, denn zwischen den Hauptdarstellern und Ermittler Jörg Hartmann als Hauptkommissar Peter Faber, Anna Schudt als Hauptkommissarin Martina Bönisch sowie Aylin Tezel als Polizeioberkommissarin Nora Dalay wuseln so einige ernst dreinblickende Elbestädter wild durchs Bild.

Einer von ihnen ist Jörg Schubert aus Magdeburg. Mit polierter Glatze, meist dunkler Sonnenbrille und einer stattlichen Statur erfüllt er zum einen sofort die optischen Anforderungen für einen Film-Häftling. Zum anderen kam ihm seine Erfahrung im Rampenlicht zugute. Denn im richtigen Leben ist Jörg Schubert natürlich ein lieber Kerl und auch noch Technikchef bei Magdeburgs Boxstall SES. Deshalb ist er Kameras und Aufmerksamkeit gewöhnt und kann damit gut umgehen.

Lebenstraum ging in Erfüllung

Für Jörg Schubert ist als Komparse im Tatort ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. „Ich war schon als Kind vom ‚Tatort‘ begeistert. Mein erster Kommissar war da noch Hans-Jörg Felmy“ (20-mal Tatort bis 1980), erinnert er sich. Pro Woche schaut Jörg Schubert bis zu vier „Tatort“-Folgen aus verschiedenen Epochen und kann so am besten abspannen. Ruhe und Erholung gab’s für den Magdeburger beim Dreh aber nicht. Im Gefängnis mimt er einen der Insassen, die sich auflehnen und gegen die Haftbedingungen protestieren. „Es war eine ganz spannende Erfahrung“, sagt er mit Bezug zum Drehort. „Da auch ich intensiv mitdrehen durfte, wurde man von der Ausstrahlung des Knastes ein Stück eingefangen.“

Seine Rolle und die vieler anderer Magdeburger im „Tatort“ geht übrigens über die eines Kleindarstellers hinaus. Große Teile des Krimis spielen im Magdeburger Gefängnis, so dass immer wieder Häftlinge - gespielt von Elbestädtern - zu sehen seien. Begeistert war der „große“ Kleindarsteller und „Häftling“ Schubert auch vom Dreh. „Der Regisseur hatte viel Vertrauen zu uns. Er hat uns beispielsweise gesagt: ‚Stellt euch vor, ihr seid schon Jahre im Knast und seht nun das erste Mal eine Frau. Also macht mal.‘ Und dann haben wir gemacht. Am Ende gab es Beifall von der Regie.“ Es habe viel Spaß gemacht. Die Tagesgagen sollen nach Volksstimme-Informationen ab ca. 100 Euro betragen haben.

Vor der Leinwand dabei

Wenn der Tatort am Sonntag ausgestrahlt wird, dann gibt es für Jörg Schubert ein Public Viewing. Nach dem Kampf seiner Boxer heute in Halle geht es mit einigen SES-Kollegen umgehend nach Österreich in den Ski-Urlaub. Dort wollen dann alle gemeinsam auf einer Leinwand den „Tatort“ verfolgen. „Das haben wir mit dem Hotel vor Ort schon geklärt.“ Seinen „eigenen“ Film gesehen hat Schubert jedenfalls noch nicht. Er kennt wie alle anderen Zuschauer bisher nur die Trailer - hat sich da aber auch schon entdeckt.

Im Film selbst wird übrigens nicht aufgelöst, dass es sich bei vielen Szenen um Magdeburg und nicht um Dortmunder Umgebung handelt. Nur einmal ist kurz im Hintergrund die Tangente zu sehen. „Das fällt auch niemandem auf, weil alle Einstellungen im Gefängnis so gedreht sind, dass sie keiner Stadt zuzuordnen sind“, sagt Marc Meissner.

Stimmen kommen aus den Wänden

Allerdings hat das Gefängnis auch beim Regisseur Spuren hinterlassen. Dror Zahavi: „Wenn man im Gefängnis über drei Wochen und fast zwölf Stunden jeden Tag dreht, wenn man da die langen Flure entlanggeht und in den winzigen Zellen weilt, da wo bis vor kurzem Menschen saßen und nicht rauskonnten, da hört man manchmal noch ganz leise ihre Stimmen, die aus den dicken Wänden kommen.“

Da bleibt abzuwarten, ob das insbesondere der (Magdeburger) „Tatort“-Zuschauer auch so sieht. Vielleicht hilft die Folge auch dem Ex-Knast auf eine ganz andere Weise. Der historische Gebäudekomplex befindet sich noch immer in Landesbesitz und wurde bisher zweimal vergeblich ausgeschrieben. Möglicherweise ist das ja ab Sonntagabend anders und das Ex-Gefängnis wird noch einmal zum „Tatort“ - für einen Eigentümerwechsel.