Magdeburg l Ein Pappkoffer, der ihr Logo trägt, und eine pastellfarbene Weltkarte - das ist alles, was Marion Ringel von ihrem Hostel geblieben ist. Zumindest materiell. Denn ideell ist es doch deutlich mehr - sie blickt auf zehn Jahre voller Geschichte und Geschichten. Zahlreiche Künstler und Musiker hat sie beherbergt, viele Touristen, Dozenten und Studenten.

Ein Känguru zu Gast im Hostel

Sogar ein Känguru gehörte zu ihren Gästen. Es war, verstoßen von der eigenen Mutter, als Pflegekind mit einem Zootierpfleger angereist. Ungeniert erleichterte es sich damals in ihrem Büro. Wenn Marion Ringel über all die verrückten Erlebnisse, die sie mit ihren Gästen hatte, erzählt, beginnt sie lachend und endet leise-nachdenklich. Ob es die richtige Entscheidung war, „ihr Leben“ aufzugeben? Sie weiß es nicht. Versucht auf diese Frage aber auch keine Antwort mehr zu finden. Denn seit 1. Juli ist das Hostel geschlossen. Die Zimmer sind leer, die Schlüssel hat sie abgegeben.

Kurz nach dem zehnten „Geburtstag“ ihres Ringel-Hostels hat sie entschieden, die Türen für immer zu schließen. „Aus wirtschaftlichen Gründen“, wie sie erklärt. Seit ein paar Jahren sprießen die sogenannten „Bed and Breakfast“-Hotels wie Pilze aus dem Boden. Eine Branche, die ebenfalls günstige Unterkünfte anbietet, zumeist ohne Gemeinschaftsbäder, moderner und ohne Mehrbettzimmer, die man sich unter Umständen mit Fremden teilt. Sie haben Marion Ringel schon so manchen Gast abgegriffen. „Sie siedelten sich immer dort an, wo Hostels funktionierten“, erzählt sie. Als Mitglied des Vereins „Independent Hostel of Germany“ erfuhr sie, dass es ihren Kollegen in anderen Städten ähnlich ergehe. „Mit einem Mal hatten alle ein Bed and Breakfast auf der Straße.“

Bilder

Corona-Krise gab den Gnadenstoß

Doch den Gnadenstoß gab dem Hostel-Dasein die Corona-Pandemie. Nach wochenlanger Schließung hätte sie nur unter strengen Auflagen öffnen können. Ihre Mehrbettzimmer durften nicht in gewohnter Form genutzt werden. Nur Personen aus einem Haushalt dürfen sich ein Zimmer teilen. Gemeinschaftliche Bäder und -räume hätten gar nicht genutzt werden können. „Mir sind sämtliche Einnahmen weggebrochen“, sagt sie. Sieben Gästezimmer hatte ihr Hostel.

Wenn Mehrbettzimmer mit nur einer Person belegt sind, könne sie das finanziell nicht kompensieren. Bevor sie noch tiefer im Minus versinkt, rettet sie sich an Land. Konkret: ins Mecklenburger Land. Im idyllischen Hohen Wangelin atmet sie durch. Die Trennung von ihrem Hostel sei ihr sehr nah gegangen, die vergangenen Monate haben sie ermüdet. Bis zum letzten Moment steckte sie Niederschläge ein. Selbst beim Hostel-Hausflohmarkt, bei dem sie das komplette Inventar - abgesehen von ihrem Koffer und der Weltkarte - zum Verkauf stellte.

Alle Einnahmen aus Flohmarkt gestohlen

In einem Moment der Unachtsamkeit sind die Einnahmen des ganzen Tages gestohlen worden. Das i-Tüpfelchen eines kräftezehrenden Kampfes. „Ich war wütend, enttäuscht, habe geweint“, erzählt sie. Doch es half ja alles nichts. Kopf hoch, Schultern runter und weitermachen!

Dass viele Möbel ein neues Zuhause gefunden haben, zum Beispiel in der Gästeunterkunft von Vitopia oder in WG-Zimmern des Wohnprojektes des Unverpackt-Ladens, stimme sie versöhnlich. Es gehe immer irgendwie weiter, sagt sie.

Haus soll verkauft werden

Was nun mit ihrem einstigen Hostel passiert, weiß sie nicht. Die Eigentümer wollen es verkaufen, erzählt sie. Ein Interessent habe sogar bei ihr angerufen, weil er dachte, dass sie die Eigentümerin sei. „Da hat das Herz noch mal kurz gepikst.“ Doch das Haus verdiene es, schön saniert zu werden. Immerhin hat es schon viele Jahre auf dem Buckel. Ihrer Recherche nach sei es 1880 gebaut worden, gehörte einer Jüdin und beherbergte eine Synagoge und ein Zeitungsgeschäft. Nach der Wende ging es an eine in Polen verstreute Erbengemeinschaft, die es später an eine italienische Immobilienfirma mit Sitz in Berlin verkaufte. Das ist alles, was sie über das Haus wisse.

Von dem, was in dem Haus passiert ist, wisse sie dagegen wesentlich mehr. Zumindest aus den vergangenen zehn Jahren, in denen Marion Ringel Magdeburgs Gästen eine charmante Unterkunft bot.

Paragraph body