Rund 100 Fallschirmspringer haben den Himmel über Magdeburg erobert - Volksstimme-Volontärin ist mitgesprungen

Vom Himmel gefallen: Sprung aus 4300 Metern Höhe

Von Anja Jürges

Magdeburg I Die Höhe, der Adrenalinkick, die Zeit in der Schwebe - egal, was sie fasziniert, sie springen mit Fallschirmen aus Höhen von bis zu 4500 Metern aus Flugzeugen. In dieser Woche beleben mehr als 100 dieser Sportler den Magdeburger Flugplatz. Volontärin Anja Jürges ist mitgesprungen.

Eine Geschichte über einen Magdeburger Fallschirmspringer im Gepäck, war Ziel meiner Fahrt zum Flugplatz an der Leipziger Chaussee. Bei meiner Ankunft am Dienstagvormittag herrschen beste Bedingungen für ein Gespräch: Es ist stark bewölkt - Fliegen also nicht möglich - und die Springer müssen am Boden ausharren.

Zwei von ihnen treffe ich zumindest schon ausgerüstet mit Gurtzeug und Rucksäcken, in denen Fallschirme zu erahnen sind: Jens Gläser und Harry Wagner sind Tandemmaster und springen somit nicht allein. "Tandemsprünge sind für diejenigen entwickelt worden, die ohne theoretische Kenntnisse einfach mal mitspringen wollen", erzählt Jens Gläser. Eine Einweisung dauere etwa 15 Minuten und dann gehe es im Doppel in die Luft. Da für den Flug und vor allem für gute Sprünge klare Sicht erforderlich sei, "heißt es jetzt erst mal abwarten", sagt Jens Gläser.

Den aus Burg stammenden Sportler hat die Leidenschaft zum Springen schon mit 14 Jahren gepackt. "Auf Theoriestunden folgten mehrere Prüfungen - ähnlich wie bei der Fahrerlaubnis", erzählt Jens Gläser. "Mit 16 durfte ich dann endlich selbst springen."

Das ist er mittlerweile fast 6000 Mal. "Der freie Fall reizt mich einfach", erklärt Jens Gläser. "Es ist, als läge man bäuchlings auf einer Decke, getragen von vier Personen an den vier Ecken." Dabei gebe die Sprunghöhe die "Arbeitszeit" vor, denn bei etwa 1500 Metern muss der Fallschirm geöffnet werden.

Mehrere Disziplinen werden beim Fallschirmspringen unterschieden: Formationssprünge, bei denen mehrere Sportler in der Luft Figuren bilden. Streckenflüge der "Birdmen", die dem Ursprung des Fliegens am nächsten kommen. Und eben Tandemsprünge, unter anderem für Neulinge.

Der Magdeburger Harry Wagner hat sich seinen Traum vom Fliegen 1996 erfüllt. Nach der theoretischen Ausbildung und dem erforderlichen Minimum von 300 Sprüngen habe er damals seinen "Lehrerschein" gemacht. Für den Titel Tandemmaster bedurfte es weiterer 200 Sprünge "und mindestens fünf Stunden Freifallzeit", erzählt der 45-Jährige. Für die Sprungwoche des Mitteldeutschen Fallschirmsprungzentrums "mdSkydive" habe er sich Urlaub genommen, "um täglich dabei zu sein", so der hauptberufliche Rettungsassistent.

Mitten im Gespräch plötzlich die Durchsage: "Start in 20 Minuten." Bei Jens Gläser wartet bereits ein Tandemgast und ehe ich mich versehe, stecke auch ich in einem Schutzanzug samt Gurtzeug. Der Plan war, aus dem Flugzeug zu fotografieren. "Die Landung im Flugzeug ist viel zu gefährlich, dann kann sie doch auch gleich springen", scherzt Harry Wagner. Und nach kurzen "Trockenübungen" sitze ich in der AN-28. Das Flugzeug mit zwei Turbinen trägt uns in luftige Höhen von mehr als 4000 Metern.

Etwa 20 Springer sitzen in voller Montur auf den zwei Bänken des Fliegers. Mit an Bord ist Rolf Brombach. Der Oberinstrukteur der Birdmen springt seit 33 Jahren und sagt: "Es gab mal Momente, in denen der Fallschirm nicht gleich richtig funktioniert hat. Aber es war nie so kritisch, dass ich dachte, jetzt ist es vorbei."

Auf etwa 3000 Metern Höhe ist es Zeit, Lederkappen und Schutzbrillen aufzusetzen. Nur noch wenige Minuten dauert es jetzt, bis die Absprunghöhe erreicht ist. Während ich noch den Blick auf die immer kleiner werdende Stadt genieße, höre ich vom Piloten aus dem Cockpit "Exit, exit!" Das gilt uns, dem Tandemmaster Harry Wagner und mir. Die Heckluke ist bereits weit geöffnet, kühle Luft strömt ins Flugzeug. Zeit, es mir doch noch mal anders zu überlegen, bleibt keine.

Wir sind fest zusammengeschnürt, Karabiner halten Haupt- und Passagiergurtzeug beieinander. 4300 Meter liegen zwischen uns und der Stadt, gemessen in der Höhe. Jetzt heißt es "Beine anziehen, Hohlkreuz machen und Kopf in den Nacken!" und vor allem: Vertrauen.

Eingehüllt in Luft und nur ihr Widerstand zu spüren, geht es in die Tiefe. Nach einigen Drehungen sind wir in der Freifallhaltung. "Die Saltos am Anfang sind völlig normal, da das Tandem-Paar wie eine Kugel nach unten fällt", erzählt Ronny Schade. Der 36-Jährige ist erst seit einigen Tagen Tandemmaster und begleitet die Sprungwoche als Kameramann. Von den zeitlich so begrenzten Tandem- und Formationssprüngen macht er Bilder und Videos für die Ewigkeit.

Die 60 Sekunden im freien Fall vergehen im Wortsinn "wie im Flug". Alles ist plötzlich Geschwindigkeit und Luft und Leere. Nahezu gedankenlos, nur einige Bedenken - Ob der Schirm auch auslöst? Ob alles reibungslos läuft? Bis Ronny Schade vor uns auftaucht, auf dem Kopf einen Helm voller Technik. Für seine Fotos und kurzen Filme bleiben ihm nur wenige Sekunden.

Dann ein Ruck und ein Klopfen auf die Schulter. "Als Zeichen, dass alles gut ist und du deine Arme entspannen kannst", hatte mir Harry vor dem Start erklärt. Damit ist der Fallschirm gelöst und wir schweben. Ein kleiner Fallschirm, der sogenannte "Drogue", war schon während des freien Falls geöffnet. "Er bremst den Freifall beim Tandemsprung. Im Doppel wäre man sonst nämlich viel zu schnell", erklärt Ronny Schade.

Mit den Steuerleinen am Tandemfallschirm gibt Harry unserem Flug eine Route. Wir haben Glück: Bestes Sonnenwetter und nur noch vereinzelt einige Wolken. Die Aussicht ist fantastisch. Unter uns liegen die Straßen und Häuser Magdeburgs und die Felder und Wiesen rundherum wie im Modellbaukasten - aus 1500 Metern betrachtet winzig klein.

Der Puls wird ruhiger, die Gedanken schweifen. "Langsam auf die Landehaltung vorbereiten", erinnert mich Harry daran, dass der Flug bald zu Ende ist. Also mit aller Kraft die Beine waagerecht nach vorn strecken, mit den Händen in den Kniekehlen zur Unterstützung. "Wenn die Beine nicht weit genug oben sind, überschlagen wir uns", sagt Harry. Noch einige Schleifen in der Luft und schon hat zumindest er wieder Boden unter den Füßen. Während Harry die Karabiner löst, schießt noch mal eine doppelte Portion Adrenalin durch meinen Körper. Geschafft, denke ich, und fühle mich noch weit über den Sprung hinaus euphorisch in der Schwebe.