Der Weg zum Rettungstaucher

Voraussetzungen, um Feuerwehr-Rettungstaucher zu werden:

▶ Mindestalter 18 Jahre,

▶Feuerwehr-Grundlehrgang, ▶ Rettungsschwimmer-Stufe II (Silber),

▶ arbeitsmedizinische Untersuchung,

▶ fünfwöchiger Taucherlehrgang,

▶ 50 Tauchgänge müssen nach bestandenem Lehrgang absolviert sein, bis es zum ersten Einsatz kommt.

Magdeburg l 31. August 2019 gegen 16.30 Uhr am Salbker See. Ein 29-jähriger Mann geht in dem See schwimmen, bekommt plötzlich offenbar Probleme und geht unter. Eine Zeugin alarmiert das Rettungsamt der Stadt Magdeburg. Kurz darauf sind Polizei, Rettungswagen und die Wasserrettung der Berufsfeuerwehr Magdeburg am Ort des Geschehens.

Taucher der Berufsfeuerwehr beginnen sofort, nach dem Vermissten zu suchen. Doch bei einbrechender Dunkelheit muss die Suche abgebrochen werden. Auch an den nächsten Tagen noch wird nach dem Vermissten gesucht. Am sechsten Tag bergen Taucher der Feuerwehr eine leblose Person, bei der es sich um den 29-Jährigen handeln soll. Es ist der zweite tödliche Badeunfall in diesem Jahr in Magdeburg. Anfang Juli war im Neustädter See ein 27-Jähriger ertrunken. Nicht immer können die spezialisierten Feuerwehrmänner helfen. Dennoch sind sie immer zur Stelle, wenn es um Gefahren- oder Notsituationen in den Gewässern der Landeshauptstadt geht.

Taucher sind zuallererst Feuerwehrmänner

Aber wie gehen die Rettungstaucher bei solchen Einsätzen vor? Ein Besuch bei einem Training. Mehr als 30 Taucher zählt die Berufsfeuerwehr Magdeburg in ihren Reihen. Wie bei den Höhenrettern, der anderen „Spezialeinheit“, haben sich Freiwillige gefunden, die die Ausbildung zusätzlich zu ihrem primären Job als Feuerwehrmann absolviert haben. Zwölf Taucher inklusive Lehrtaucher zählt jede der drei Wachabteilungen der Berufsfeuerwehr, um stets einsatzbereit zu sein. Immer montags heißt es für sie: Training.

Bilder

An einem dieser Montage ist die Wachabteilung 3 dran. Lehrtaucher Torsten Paulix hat seine Mannschaft zum Dienstbeginn in der Feuerwache Nord bereits zusammengestellt. Mit dem Gerätewagen der Wasserrettung fährt der erfahrene Taucher mit seinen Kollegen zum Neustädter See. Hier soll heute trainiert werden. An Tagen, an denen noch mit Badegästen zu rechnen ist, verlässt die Tauchergruppe das Stadtgebiet nicht. „Es kann immer sein, dass wir zu einem Einsatz gerufen werden, deshalb bleiben wir in der Stadt“, erklärt Torsten Paulix.

Am Neustädter See angekommen, gibt es zunächst die Einweisung, was an diesem Tag auf dem Trainingsplan steht: Suchaufgaben und Orientierungstauchgänge. Das Equipment wird aus dem Gerätewagen geholt und alle Vorbereitungen werden getroffen. Die Taucheranzüge werden angelegt, die sogenannten Jackets, die Westen, mit denen die Taucher unter Wasser sich austarieren können, samt der Pressluftflasche. Eine Vollgesichtsmaske, ein zweites Mundstück, ein Tauchermesser und einiges mehr gehören ebenso zur Ausstattung. Alles in allem wiegt 35 Kilogramm.

Kommunikation über Sicherungsleine

Nachdem eingeteilt ist, wer welche Aufgabe erledigt, steigen die ersten Rettungstaucher in den See. Grundsätzlich gilt die Zwei-Mann-Regel. Zu jedem Taucher gibt es einen Sicherheitstaucher, der zum Einsatz kommt, wenn der erste Taucher in Schwierigkeiten geraten sollte. Bei Suchen fungiert er gleichzeitig als „Leinenmann“, er ist mit dem Taucher über eine Sicherungsleine verbunden. Über festgelegte Signale wird kommuniziert. Einmal kräftig an der Sicherungsleine gezogen, bedeutet beispielsweise Notsignal. Zieht der Taucher, gibt er das Zeichen „Ich bin in Not“. Zieht der Leinenmann, heißt es „Tauchgang sofort abbrechen“. Andere Signale sind beispielsweise zwei Mal ziehen, nach links tauchen, drei Mal ziehen, nach rechts.

Michael Meyer ist der Erste, der eine Suche absolvieren muss. Mit dem Schlauchboot wird eine Puppe auf den See rausgebracht und versenkt. Die muss der Feuerwehrmann nun auf dem verkrauteten Grund des Sees finden. Nicht leicht bei nur zwei Meter Sicht. Das sind auch die Hauptprobleme, mit denen die Taucher im Einsatz zu kämpfen haben: schlechte Sicht, Krautbewuchs am Grund und schlammiger Untergrund. Hier etwas zu finden, ist sehr mühselig und braucht viel Erfahrung und Geduld.

Ähnlich einem Scheibenwischer am Auto wird immer ein bestimmtes Feld abgesucht. Ist der Taucher am Rand dieses Feldes, gibt der Leinenmann das Signal zurück nach links oder rechts. Dann werden noch ein, zwei Meter Seil mehr dazugegeben und die Suche geht weiter. Bis zu 50 Meter weit vom Ufer aus kann so nach Vermissten gesucht werden. Muss das Suchfeld erweitert werden, wird diese Prozedur vom Schlauchboot aus absolviert.

Zehn Tauchgänge pro Jahr Pflicht

Während Michael Meyer und sein Leinenmann Florian Dräger die Suchaufgabe erledigen, müssen Thomas Rismondo und Stephan Lisewitzki einen Orientierungstauchgang absolvieren. Dazu werden sie mit dem Schlauchboot auf den See gefahren. Dann gehen beide Taucher, mit einem Seil miteinander und einem weiteren zum Schlauchboot verbunden, ins Wasser. Ohne aufzutauchen, müssen sie allein mit ihrem Kompass auf möglichst geradem Weg zurückfinden.

Unterdessen hat Michael Meyer die Puppe gefunden. Er taucht mit ihr auf und hält sie wie ein Rettungsschwimmer rückwärts schwimmend über Wasser. Leinenmann Florian Dräger hilft und zieht beide ans Ufer. Aufgabe gemeistert. Genauso wie die beiden Orientierungstaucher, die kurz darauf wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Zehn Tauchgänge muss ein Einsatztaucher pro Jahr absolvieren. Mindestens 20 Minuten beinhaltet so ein Tauchgang, erklärt Lehrtaucher Torsten Paulix. Lehrtaucher wie er müssen gar 15 Tauchgänge pro Jahr vorweisen. Doch schon der Weg bis zum Rettungstaucher ist nicht leicht. Um Feuerwehrtaucher zu werden, müssen die Probanden einen fünfwöchigen Lehrgang belegen - mit täglichen theoretischen und praktischen Ausbildungsinhalten. Die Berufsfeuerwehr Magdeburg nutzt dazu ein Taucherausbildungszentrum der Bundeswehr in Havelberg.

Psychische Belastung ist hoch

Drei Stufen der Rettungstaucherausbildung gibt es. Für die Stufe 1 müssen unter Wasser einige leichte handwerkliche Dinge wie etwas an- oder losbinden oder Knoten machen erledigt werden. Mit Stufe eins kann der Taucher dann bis in eine maximale Tiefe von zehn Metern gehen. Bei Stufe 2 wird es schon anspruchsvoller. Unter Wasser müssen beispielsweise Sägearbeiten erledigt oder Stahltrosse mit einem Meißel durchtrennt werden. Für Stufe 2 gilt dann eine maximale Tauchtiefe von 20 Metern. Stufe 3 bedeutet dann schon Schweißarbeiten unter Wasser. Doch für die Magdeburger Gewässer reicht die Stufe zwei.

Zu den Tauchstufen absolvieren die Kameraden auch noch eine Strömungsrettungsschwimmer-Ausbildung. Wenn beispielsweise Menschen aus der Elbe gerettet werden müssen, weil sie hineingefallen oder in suizidaler Absicht von einer Brücke gesprungen sind. „Solche Einsätze hat es in jüngster Vergangenheit häufiger gegeben“, weiß Torsten Paulix aus Erfahrung.

Seit 1998 ist er bei der Berufsfeuerwehr Magdeburg. 2000 hat er seinen „Tauchschein“ gemacht, seit 2014 ist er Lehrtaucher und trainiert seine Kameraden. In all den Jahren hat er schon so einiges erlebt, erleben müssen. „Die psychische Belastung ist schon groß. Das ist sie aber auch bei allen, die im Rettungsdienst arbeiten“, sagt er.

Drohne mit Wärmebildkamera an Bord

Derweil hat sich Johannes Sternberg tauchfertig gemacht. Er ist an der Reihe, die Suchaufgabe zu absolvieren. Auch er holt die Puppe nach kurzer Zeit vom Grund des Sees ans Ufer. Torsten Paulix notiert auch bei ihm die exakten Zeiten. Die nächste Zweiergruppe geht auf Orientierungstauchgang. So vergeht das mehrstündige Training. Während der ganzen Zeit ist die Gruppe einsatzbereit. Käme jetzt ein Alarm, würden sie sofort losbrausen. Im Gerätewagen sind zwei komplette Taucherausrüstungen, die auch während der Trainings nicht angerührt werden. Man weiß ja nie.

Im Gerätewagen haben die Wasserretter noch einiges mehr an Ausrüstung, das bei Personensuchen zum Einsatz kommt. Für das Schlauchboot gibt es beispielsweise noch ein Sonargerät. Auch eine Unterwasserkamera gehört zur Ausrüstung. Ganz neu hat die Berufsfeuerwehr eine Drohne, die über eine Wärmebildkamera verfügt. All das kommt bei diesem Montagstraining nicht zum Einsatz. Dafür aber ein „Tauchertelefon“. Über das Kabel, das gleichzeitig als Sicherungsleine dient, können Taucher und Sicherungstaucher oder Einsatzleiter miteinander kommunizieren. Die „Zupfzeichen“ ersetzt das bei diesem Training allerdings nicht.

Bislang sind die Rettungstaucher in diesem Jahr zu neun Einsätzen gerufen worden. In drei Fällen konnte die Person nur noch tot geborgen werden, in einem Fall gelang es dem Betroffenen, sich selbst zu retten. In einem weiteren Fall wurde eine Frau von Passanten gerettet. Zudem wurden ein antriebsloses Boot mit Besatzung in den Hafen geschleppt sowie auf der Elbe nach zwei Personen gesucht.