Magdeburg l Den normalen Alltag – den gibt es für viele Opfer von Kriminalität und Gewalt einfach nicht mehr. Ängste, das Gefühl, mit dem Erlebten allein zu sein, sind plötzlich allgegenwärtig. Eine diffuse Unsicherheit spüren sogar Opfer von vergleichsweise einfachen Delikten wie einem Taschendiebstahl, weiß Gudrun Schulz, die sich seit vielen Jahren in der Opferhilfe engagiert.

Opfer oft nur als Zeuge vorgeladen

Viele Menschen, die zu Opfern geworden sind, brauchen besondere Zuwendung. Die können sie nicht von den Behörden oder der Polizei erwarten. „Das Problem ist: Hier sind sie formell ein Zeuge, der zur ,Zeugenbefragung‘ eingeladen wird. Sie sind nicht das Opfer“, beschreibt Gudrun Schulz die gängige Praxis.

Die ehrenamtlichen Mitstreiter haken hier ein und bieten Hilfe schon bei kleinen Dingen an. „Wenn wir zum Beispiel eine Frau mit sexueller Gewalterfahrung betreuen und sie zur Befragung zur Polizei muss, bitten wir im Vorfeld darum, dass zum Termin eine Beamtin zur Verfügung steht“, nennt Gudrun Schulz ein Beispiel.

Hilfe bei Behördengängen

Die Hilfe hat aber noch viele andere Formen. Zeit für Gespräche, den Betroffenen einfach zuhören und Vorschläge für kleine Schritte zurück in den Alltag gehören vor allem dazu. „Teilweise besuchen wir die Betroffenen in ihrem gewohnten Umfeld zu Hause oder wir treffen uns in einem Café. Wir stehen ihnen bei Behördengängen zur Seite oder helfen, Anträge zu stellen“, nennt Gudrun Schulz weitere Beispiele.

Dabei kann der Weiße Ring Magdeburg auch auf Unterstützung u. a. von Kobes, der Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen, zählen. Das Familienhaus Magdeburg stellt beispielsweise einen Raum für Treffen zur Verfügung. „Dafür sind wir sehr dankbar“, betont Schulz.

Heute mehr Bedrohungen mit Waffen

Denn zu tun gebe es reichlich. „Vor zwanzig Jahren hatte ich es mit Taschendiebstählen oder Körperverletzung zu tun. Natürlich gab es auch da schon schwere Verbrechen. Aber man merkt schon, dass die Hemmschwelle vieler Täter gesunken ist. Heute wird für den Griff in die Handkasse regelmäßig eine Verkäuferin mit der Pistole oder dem Messer bedroht“, so die Erfahrung der Mitarbeiterin des Weißen Rings.

Die Organisation setzt sich bundesweit für die Belange und Rechte der Opfer ein und bietet inzwischen auch verstärkt Informationen und Hilfe zum Thema Internetkriminalität an. Denn laut einer Untersuchung des Digitalverbandes Bitkom ist bereits fast jeder zweite deutsche Internetnutzer (49 Prozent) Opfer von Kriminellen im Netz geworden.

Nur noch sieben Helfer

Noch vor einigen Jahren bestand in Magdeburg der Stamm der ehrenamtlichen Helfer aus zwölf Mitstreitern, derzeit sind es nur noch sieben, darunter vier voll Berufstätige. „Und ich musste in der letzten Zeit aus gesundheitlichen Gründen auch etwas kürzer treten“, berichtet die gestandene Helferin.

Umso dringender sei aktuell der Wunsch, weitere Mitstreiter für dieses besondere Ehrenamt zu finden. „Es ist schon etwas zeitaufwendiger und man muss auch bereit sein, sich fortzubilden“, erklärt Gudrun Schulz. Bevor Interessenten selbstständig Opfer betreuen können, begleiten sie erfahrene Mitarbeiter bei mindestens drei Opferfällen und besuchen Seminare.

Doch der Aufwand lohnt sich, findet Schulz. „Man bekommt die Dankbarkeit der Betroffenen zu spüren und davon zehre ich seit vielen Jahren“, meint Gudrun Schulz.

Und so hilft der Weiße Ring

Der Weiße Ring versteht sich als Anlaufstelle für alle Kriminalitätsopfer und ihre Angehörigen, die unter den seelischen, körperlichen und wirtschaftlichen Folgen einer Straftat zu leiden haben. Als Lobby der Geschädigten setzt sich der Verein öffentlich für die Opfer ein. Er fordert mehr Kriminalitätsvorbeugung und unterstützt Projekte des Täter-Opfer-Ausgleichs und der Schadenswiedergutmachung.

Dabei setzt der Weiße Ring auf das ehrenamtliche Engagement: In jährlich vielen Zigtausend Stunden stehen bundesweit rund 3000 Helfer Betroffenen zur Seite, widmen ihnen Zeit und geben persönliche Zuwendung.

Der Weiße Ring in Magdeburg

Die Mitarbeiter der Außenstelle Magdeburg suchen zurzeit ehrenamtliche Unterstützung: Wer will Helfer beim Weißen Ring werden? Zu den Voraussetzungen für eine Mitarbeit zählen: sich Menschen zuwenden können, Aufgeschlossenheit, Einfühlungsvermögen, zuhören können, frei von traumatischen Belastungen sein, Teamfähigkeit, Bereitschaft zur Fortbildung, gute Errreichbarkeit, Verlässlichkeit.

Kontakt Außenstelle Magdeburg: Gudrun Schulz; Postfach 320105, 39040 Magdeburg; Tel.: 0391/7271045: E-Mail: weisser-ring-magdeburg@arcor.de

Bundesweites Opfertelefon: 116006; mehr Infos im Internet unter www.weisser-ring.de

Hilfe für Opfer gibt es auf vielfältige Weise: menschliche Begleitung und persönliche Betreuung nach der Straftat; Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht; Hilfestellung im Umgang mit Behörden und Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen; Hilfeschecks für eine kostenfreie anwaltliche und psychosomatische Erstberatung; Übernahme von Anwaltskosten, z. B. zur Wahrung von Opferschutzrechten in Strafverfahren oder zur Durchsetzung von Ansprüchen nach dem Opferentschädigungsgesetz; finanzielle Hilfe in Notlagen.