Magdeburg l Der Herbst 1989 hat die heutige Landeshauptstadt Magdeburg umgewälzt. Hier wie in anderen Städten der DDR wollten viele Menschen Veränderung. Den Ersten, die sich zu Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen zusammenfanden, ging es um die Veränderung im politischen System, andere wollten in den Westen ausreisen können. Später kamen auch jene Menschen hinzu, denen es in erster Linie darum ging, den Wohlstand des Westens in den Osten zu holen.

Zu jenen, die diese Zeit im Bild festgehalten haben, gehört Dieter Müller. Anlässlich des 30. Jahrestags der Wende in der DDR hat er einige Fotos aus seinem Archiv geholt und der Volksstimme zur Verfügung gestellt.

Fotos dokumentieren Demonstrationen

Allen Bildern wohnt die Ernsthaftigkeit inne, mit der die Menschen damals ihre Anliegen nicht frei von Risiken auf die Straße brachten. Denn keiner konnte sich sicher sein, dass die nicht zuletzt von Glasnost und Perestroika inspirierte Bewegung in der DDR nicht blutig niedergeschlagen wird. Blutige Auseinandersetzungen in Rumänien und die Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in der Volksrepublik China zeigen, dass ein friedlicher Umschwung keineswegs selbstverständlich ist.

Bilder

Dieter Müller erinnert sich: „Man musste auch vorsichtig sein, wenn man fotografierte.“ Denn auch wenn die Demonstranten in großer Zahl erschienen waren: Zeitweise standen ihnen Tausende Sicherheitskräfte gegenüber, die bereit waren zuzuschlagen, wenn der entsprechende Befehl erfolgt wäre. Und auch unter den Demonstranten mögen einige Angst davor gehabt haben, abgelichtet zu werden und von der alten Macht unter Druck gesetzt zu werden.

Verstecktes Fotografieren bei Demo

Darum „schoss“ Dieter Müller seine Fotos oft verdeckt aus der Hüfte. „Immer, wenn ich auf den Auslöser gedrückt habe, musste meine Frau neben mir laut husten“, berichtete der Hobby-Fotograf bereits zum Wende-Jubiläum vor fünf Jahren in der Magdeburger Volksstimme. Die teils unscharfen Aufnahmen dokumentieren diese besondere Situation. Und auch dass sie nicht im professionellen Fotolabor entwickelt werden konnten, da sie ansonsten von der Obrigkeit wahrscheinlich „einkassiert“ worden wären, ist zu erkennen.

In Magdeburg wurde die Zahl der Teilnehmer an den Montagsgebeten im Dom immer größer, und am 23. Oktober fand in der damaligen Bezirkshauptstadt die erste Demonstration außerhalb der schützenden Mauern der Kirche statt. Mit Foto berichtete tags darauf die Volksstimme: „In Magdeburg versammelten sich am Montagabend in und am Dom mehr als 10.000 Bürger zum Montagsgebet für gesellschaftliche Erneuerung. Sie formierten sich anschließend zu einem Demonstrationszug durch das Stadtzentrum. Der Marsch, der vom Dom durch einige Straßen zurück zum Ausgangspunkt führte, verlief ohne Zwischenfälle. An der Spitze des Zuges wurde ein Transparent mit der Friedenstaube getragen. Ein Teil der Demonstranten hielt brennende Kerzen in den Händen. Der innerstädtische Verkehr kam vorübergehend zum Erliegen.“

Nach Fall der Mauer lässt Interesse nach

Bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989 sollte die Zahl der Demonstranten weiter steigen: Am 4. November gab es eine Veranstaltung mit 40.000, am 6. November mit 60.000 Teilnehmern. Nachdem die Mauer aber gefallen war, ließ das Interesse an der Kundgebung auf der Straße schnell nach. Man hatte erreicht, was man erreichen wollte. Die Machthaber willigten in Gespräche mit der Opposition ein und der Weg für Neuwahlen im folgenden Jahr wurde geebnet.

Und: Nach dem 9. November hatten viele Magdeburger auch keine Zeit mehr zum Demonstrieren. Die neue Freiheit musste genutzt werden für den Besuch im bis dato unbekannten Westen, wo viele Magdeburger etwas bis dahin Undenkbares taten: Sie erfüllten die damals seit etwas mehr als einem Jahr bestehende Städtepartnerschaft mit Braunschweig per Visite mit Leben.