Magdeburg l In diesen Tagen, in denen sich der Mauerfall zum 30. Mal jährt, muss Sigrid Krause aus Magdeburg oft an ihren Mann Erich denken. Er aus dem Westen, sie aus dem Osten, hatte das Paar 1957 geheiratet. Von Heimweh geplagt, verabschiedete sich Erich kurzentschlossen und kehrte fast drei Jahrzehnte später zurück. Die ganze Geschichte:

„Fast alle meine Freunde zog es in den 1950er Jahren in den Westen. Dort wollte ich dann als junges Mädchen auch hin“, sagt Sigrid Krause, geborene Riecke, über ihre Ausreise kurz nachdem sie den Jahreswechsel 1955/56 noch im Kristallpalast gefeiert hatte. Was dann folgen sollte, ist eine ungewöhnliche Geschichte über Heimweh und Liebe, die auch nach Jahrzehnten eine Wiedergeburt erlebte.

Bei einem Kinobesuch kennengelernt

Daran war aber beim Flug von Marienfelde (Berlin) nach Westdeutschland bei der Ausreise nicht zu denken. Von einem Auffanglager reiste die heute 82-Jährige zu einer Freundin nach Köln. Über Umwege nahm sie eine Stelle als Hausbedienstete bei einer Industriellenfamilie in Osnabrück an. „Ich war 19 Jahre alt und tat mich schwer, die neue Umgebung anzunehmen“, blickt sie zurück. Besser sollte es nach einem Kinobesuch werden. An der Kasse traf sie einen „jungen gut aussehenden Mann, der kurzerhand meine Karte nahm und zusammen mit seiner Einzelkarte gegen zwei nebeneinanderliegende Plätze eintauschte. Das war mein Erich.“

Ihn konnte sie nach ihrer Hochzeit überzeugen, ihre Familie in Magdeburg zu besuchen. Aus einem kurzen Aufenthalt sollten mehrere Jahre werden. In dieser Zeit wurde Erich Krause offiziell DDR-Bürger, aber er „musste mit vielen Repressalien leben und wegen mir – ich wollte ja nicht zurück nach Osnabrück – oft einen Spießrutenlauf hinlegen. Seinen Beruf als Fernfahrer konnte er nicht ausüben.“

Vor dem Schlafzimmer-Kauf abgehauen

Bis zum Oktober 1959 hatte er „durchgehalten“, wie sie es beschreibt, dann traf er eine Entscheidung. Sigrid Krause: „Wir hatten uns in der Stadt verabredet, um ein Schlafzimmer zu kaufen. Am Treffpunkt ist er aber nicht erschienen.“ Da war Erich Krause schon auf dem Weg nach Berlin, um auszureisen. „Ich dachte, er hat eine andere Frau und ist weg. Erich sagte mir nichts, hatte die Entscheidung für sich getroffen“, so die Seniorin.

Er suchte in Osnabrück eine Wohnung, sie sollte nachkommen. Dann allerdings überschlugen sich 1961 die politischen Ereignisse. Im August wurde begonnen, durch einen Mauerbau Ost- von West-Berlin abzuriegeln und dadurch die Spaltung von Ost und West zu vollziehen. „Meiner Ausreise kam der Mauerbau dazwischen“, blickt Sigrid Krause zurück.

Grenze trennte die Liebe

Die Grenze trennte Ost und West. Und die Liebe zwischen Sigrid und Erich Krause. Die Ehe wurde geschieden. Sigrid Krause wurde aufgrund der Beziehung zum Westbürger, der kurzzeitig Ostbürger war, eine Tätigkeit als Kindergärtnerin verwehrt. Sie fand bei den Verkehrsbetrieben, später bei der Bahn eine Stelle. Sie heiratete wieder und hieß Woidacki. 15 Jahre später folgte die Scheidung. „An Erich habe ich da nicht mehr viel gedacht, uns trennten Welten“, sagt die Magdeburgerin.

Das ändert sich im Herbst 1989, als Demonstrationen die friedliche Revolution und damit die Öffnung der Grenzen herbeiführten. Bei einem Besuch in Osnabrück hielt Sigrid Krause auch Ausschau nach Erich, kann ihn aber nicht ausfindig machen. „Später habe ich von Magdeburg aus seine Telefonnumer herausbekommen. Am anderen Ende nahm ein junger Mann ab, den ich für seinen Sohn hielt.“ In der Annahme, Erich könnte Ärger mit seiner Frau bekommen, schrieb Sigrid einen Entschuldigungsbrief.

Nach Mauerfall Besuch in Magdeburg

Sie bekam ein Antwortschreiben. „Darin stand, dass er nie geheiratet, aber einen Ziehsohn hat und nach dem Mauerfall in Magdeburg war, um nach einer schlanken, dunkelhaarigen Straßenbahnfahrerin zu suchen“, sagt Sigrid Krause aufgeregt und merkt an: „Er konnte mich ja gar nicht finden, denn ich war ja bei der Bahn, hieß anders, hatte zugelegt und schon graue Haare.“

Ende 1991 traf sich das Ehepaar von einst in Magdeburg wieder und sprach sich aus. Die Gefühle entfachten neu. 1992 gaben sich Sigrid und Erich Krause zum zweiten Mal das Jawort – am gleichen Tag wie schon 1957. Und sie bekam das versprochene Schlafzimmer, wenn auch mit großer Verspätung. Sigrid Krause: „Er hatte nicht wieder geheiratet, weil er vollkommen überzeugt war, dass die Grenze irgendwann wieder aufgeht.“ Das Paar lebte aber dennoch getrennt.

Der Lkw-Fahrer pendelte bis Ende der 1990er Jahre an den Wochenenden zwischen Osnabrück und Magdeburg. Sigrid Krause wollte erst mit dem 60. Lebensjahr zu ihm ziehen. Dazu sollte es nicht mehr kommen: Im Jahr 2000 ist Erich Krause nach langer Krankheit verstorben. „Die Idiotie des Mauerbaus hat unser Leben zerstört“, sagt Sigrid Krause zurückblickend.