Magdeburg l Mit einer Erinnerung an ein Stück dunkler Ortsgeschichte haben die Bewohner des Magdeburger Stadtteils Rothensee am 25. Mai 2019 zugleich ein neues Kapitel Ortsgeschichte geschrieben. An der Turmstraße in Höhe der Kirche gaben sie eine Gedenkplatte für die Opfer von Krieg und Gewalt frei.

Der Termin war nicht zufällig gewählt. Denn am 28. Mai 1944 – und damit fast auf den Tag genau vor 75 Jahren – hatten Bomber im Zweiten Weltkrieg den kriegswichtigen Treibstoffhersteller Brabag in Rothensee angegriffen und dabei auch Häuser im Ort getroffen. 24 Rothenseer kamen ums Leben. 72 Menschen wurden verletzt. Von 36 Hofwirtschaften wurden 15 völlig oder teilweise zerstört.

Recherche für Heimatchronik

Die Geschichte rund um diesen Angriff haben Ernst Wittstock, Manuela Perlberg, Uwe Karsten und weitere engagierte Einwohner der Interessengemeinschaft Rothenseer Bürger um deren Sprecher Wolfgang Ortlepp u. a. im Zuge der Fortsetzung einer Heimatbandreihe recherchiert.

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So entstand die Idee, aus der leidvollen Geschichte vor 75 Jahren für Gegenwart und Zukunft ein Zeichen zu setzen. Die Gedenkplatte sei deshalb ein Erinnerungsplatz für alle Opfer von Krieg und Gewalt, sagte Ernst Wittstock. Die Inschrift sei bewusst neutral in Bezug auf konkrete Ereignisse gehalten, so Wolfgang Ortlepp.

3700 Euro von Bürgern gespendet

Zugleich sei die Platte ein Zeichen gegen die Zunahme von Hass und Gewalt in der Gesellschaft und ein Symbol gegen die Verleugnung und Umdeutung dunkler Rothenseer Geschichte. Der grausame Krieg, der von deutschem Boden ausging, sei damals auch nach Rothensee zurückgekehrt. Daraus müsse gelernt werden. „Wählt deshalb am Sonntag den Frieden“, hatte Wittstock mit Blick auf die zu diesem Zeitpunkt noch bevorstehende Wahl appelliert.

Viele Rothenseer hatten sich an den Kosten der Gedenkplatte beteiligt. 3700 Euro teuer wurde sie rein aus Spendengeldern der Bürger finanziert.

Respekt aus dem Rathaus

Das beeindruckte auch Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD): „Hier haben Bürger für Bürger etwas gemacht. Das zeigt, dass hier in Rothensee der Bürgersinn noch funktioniert“. Auch der Inhalt der Inschrift sei richtig gewählt. Es gehe um alle Opfer von Krieg und Gewalt.

Pfarrer Christian Peisker betonte, dass Erinnerungen lebensnotwendig seien, um zu lernen. Die Gedenkplattte sei wie eine offene Tür, die eine Verbindung zur Vergangenheit schaffe und zeige, was Krieg und Gewalt für die gesamte Menschheit anrichten könnten.

Rothensees rostiger Ort als Treffpunkt

Die Platte war von einer Berliner Firma gefertigt worden, die ähnliche Objekte für die Landesgartenschau in Burg hergestellt hatte. Sie besteht aus Grauguss und soll gewollt rosten, sagte Wolfgang Ortlepp. Ernst Wittstock regte zudem an, dass die Einweihung ein Auftakt für mindestens ein jährliches Treffen an diesem Gedenkort werden könne. Rothensees (bald) rostiges Zeichen bietet dafür jetzt einen festen Ort.