Oebisfelde l Nur wenige der älteren Oebisfelder wissen, dass die als Frohnatur geltende Allerstädterin Monika Schöne aus Ostpreußen stammt. Bei ihr sind die körperlichen und seelischen Folgen des Zweiten Weltkriegs – von deutschen wie russischen Kriegsgegnern verursacht – immer noch präsent. Sie flüchtete vor den einmarschierenden Truppen der Roten Armee im so weit wie möglichen Schutz der Großfamilie aus Ostpreußen in Richtung Westen. Und sie berichtete über Wolfskinder.

Rund 5000 Kinder aber ereilte ein anderes Schicksal, das bis heute weitestgehend unbekannt blieb. Diese Wolfskinder, benannt nach der antiken Sage von Romulus und Remus, die ausgesetzt von einer Wölfin genährt worden sein sollen, wurden bei der Flucht aus den Ostgebieten gen Westen unmittelbar vor und nach Kriegsende von ihren Familien getrennt. Oft, weil sich die Familienangehörigen bei Massenfluchten mit Zügen oder Schiffen schlicht aus den Augen verloren. Aber auch durch Gewalt, Vertreibung oder gar durch den gewaltsamen Tod der Mutter und Geschwister. Die Väter kämpften an den Fronten, waren in Gefangenschaft oder gefallen.

Viele dieser Wolfskinder aus Ostpreußen verschlug es nach Litauen, wusste Schöne. Aus mündlichen Überlieferungen wusste die Oebisfelderin von einem Kind namens Helmut. Er war im Verlauf der Flucht mit der Familie auf einem Bahnsteig gestrandet. Während Massen den Bahnsteig bevölkerten, auf irgendeinen Zug Richtung Westen wartend, spielte der Junge mit seinen Glasmurmeln, versank gedanklich in diese für ihn so heile, friedvolle Spielefeld. Als er irgendwann aufblickte, sah er nur noch einige Soldaten und den Bahnhofswärter. Helmut war plötzlich allein. Für ihn begann nun ein neues Leben, ohne Eltern, Geschwister, allein mit ungewisser Zukunft – Helmut war ein Wolfskind geworden. Das Schrecklichste, wie Monika Schöne noch heute empfindet, war „die Tatsache, dass diese Wolfskinder oft, viel zu oft ohne Mutterliebe in Obhut aufwachsen mussten, ihre Namen, manchmal sogar die Muttersprache, ja auch ihre gesamte Identität verloren“.

So wie dem kleinen Helmut erging es vielen „verwaisten“ Kriegskindern, die auf diese Art und Weise ohne Angehörige aufwachsen mussten. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes ist bis heute noch aktiv, um Personen, die durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges als vermisst gelten, möglicherweise doch noch ausfindig zu machen.