Rätzlingen l Seit neun Jahren bestreitet sie ihren Lebensalltag weitgehend alleinbestimmend, kümmert sich um die Hausarbeit, ist zudem sozial engagiert.

Bettina Klinnert ist im Innern seit ihrem „Fehltritt“, wie sie ihren folgenschweren häuslichen Unfall im Jahre 2010 nennt, ein gutes Stück weit ernster geworden. Auch hat sie an Selbstbewusstsein verloren, räumt sie im Gespräch ein. Wer soll ihr das verdenken. Wurde sie doch binnen Sekunden in ein so völlig anderes Leben katapultiert, das von Schmerzen, Krankenhausaufenthalt, dem langen Hoffen in Ungewissheit und von einer vernichtenden Wahrheit begleitet wurde.

Querschnittsgelähmt, wie soll das Leben nun weitergehen? Es ging und geht weiter, besser als sie erhoffte. Heute ist ihr Leitspruch: „Das Unabänderliche für sich nutzen“.

Wichtigste Hilfe ihr Ehemann

Vorweg: Bettina Klinnert lebt weitestgehend selbstständig, einschließlich einem großen Teil der Hausarbeit. Sie hat sich nie aufgegeben, nahm jede therapeutische Hilfe an, die ihr ermöglicht wurde, erhielt Hilfe durch ihren Ehemann Ralf.

Rückblende: Die gebürtige Gardelegerin wuchs in Letzlingen auf. Vor gut 30 Jahren zog es die heute 58-jährige Rätzlingerin aus Liebe ins Börde-Dorf. Ein Sohn wurde geboren, der heute mit seiner Familie bei den Eltern wohnt. Eine heile Welt, die durch Enkel Max bereichert wurde. Alle gehen einer Arbeit nach, auch Bettina Klinnert, die bis zu ihrem Treppensturz als Altenpflegerin in Lohn und Brot stand.

Über Nacht hatte sich durch das Unglück im Jahre 2010 ein tiefer Riss in ihrem Leben ereignet. Die Zeiten im Krankenhaus verliefen teilweise als Trauma, in der Reha war plötzlich wieder der bekannte Ehrgeiz bei ihr geweckt. Ein Leben im Rollstuhl, das war unabänderlich, gestand sich die Rätzlingerin ein, doch damit war ja ihr Leben nicht beendet. Und sie nahm sich nun verstärkt in die Pflicht, denn es gab auch noch eine andere Sichtweise auf das eigene Schicksal: ihre Verantwortung gegenüber der Familie.

Die persönlich spürbar wertvollste Hilfe erhielt Bettina Klinnert von ihrem Mann. „Das war gut, seine sonst so gewohnte Nähe nun besonders zu spüren, als ich erfuhr, wie sich mein gesamtes Leben nach dem ,Fehltritt‘ verändern wird“, sagt sie nachdenklich lächelnd und nah den Tränen.

Haus komplett umgebaut

Ihr Ralf begann unmittelbar nach dem ärztlichen Eröffnen der Hiobsbotschaft, das komplette Wohnhaus behindertengerecht umzubauen. Stufen verschwanden, alle Einrichtungen wurden so umgebaut, dass sie aus einem Rollstuhl heraus zu erreichen sind. Und es wurde auch genügend Platz geschaffen, damit die Ehefrau sich gefahrlos auf der Terrasse mit dem Rollstuhl bewegen kann. Selbst an eine elektrische Bühne wurde gedacht, damit Bettina Klinnert vom Wohnhaus den Hof erreichen kann. Auch finanziell war der Umbau eine Riesenanstrengung. Allein schon, weil der Hilfsbetrag von der Krankenkasse dem berühmten Tropfen auf dem heißen Stein gleichkam, erinnert sich Klinnert. Als sie nach dem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause zurückkehrte, war vieles ungewohnt, aber auch viele Handgriffe konnte sie dank des Ideenreichtums ihres Mannes schnell wieder von allein erledigen.

Sie nahm diese Veränderungen der Lebensumstände als Herausforderung an, igelte sich nicht ein, sondern „wollte und musste wieder den Weg zur Normalität finden, soweit das eben möglich war“, wie sie es ausdrückt.

Das beginnt täglich mit dem Frühstück, um das Bettina Klinnert sich kümmert. Vom duftend frischen Kaffee, übers Frühstücksei bis zum liebevoll gedeckten Tisch – alles von Bettina Klinnert in Eigenregie vorbereitet.

Und dann berichtet sie von ihrer Putz- und Aufwischmethode: Die entsprechend feuchten Putztücher dazu legt sie übereinander auf die Fußstütze ihres Rollis. Dann platziert sie die Tücher so auf die Bodenfliesen, dass sie die mit dem dazugehörigen Putzstab erfasst und so aufwischen kann. So geht es Stück um Stück voran. Die benutzten Tücher kommen dann nach getaner Arbeit in die Waschmaschine. Für die Grundreinigung kommt einmal die Woche eine Hilfe ins Haus.

Neben der Haus- und Gartenarbeit ist ihr der Behindertenkreis ans Herz gewachsen. Diese kleine Vereinigung trifft sich wöchentlich jeweils donnerstags um 14 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Oebisfelde. Dort wird sich unterhalten, Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht und ab und an werden kleinere Fahrten unternommen. Soziale Themen gibt es immer zu bereden, weiß die Rätzlingerin. Und mit Unterstützung des DRK-Kreisverbands Börde finden sich auch fast immer Lösungen für die „kleineren Probleme“, befindet Klinnert.

Mobil dank Fahrerlaubnis

Bettina Klinnert ist auch weitestgehend in der motorisierten Mobilität unabhängig. Gern würde sie aber auch den Zug vom Rätzlinger Haltepunkt nach Oebisfelde benutzen. Doch „der Bahnhof ist für in der Bewegung eingeschränkte Behinderte ein Ding, was nicht geht“, heißt es von ihr klipp und klar.

Doch die Rolli-Nutzerin darf Autofahren. Ein Führerschein mit entsprechenden Eintragungen macht es möglich. So kann sie auch mit ihren Freundinnen zum Shoppen ausfahren. Dieser Zuspruch, wie auch die Klön-Abende mit Frauen aus der Nachbarschaft jeden Montag bei ihr zuhause tun ihr ungemein gut, sagt Bettina Klinnert mit Freude, weiterhin dazuzugehören.

Behinderte gehören zur Gesellschaft

Ihr soziales Engagement ist nicht unentdeckt geblieben. Bettina Klinnert wurde jetzt vom Stadtrat zur Behindertenbeauftragten der Stadt Oebisfelde-Weferlingen berufen. Gemeinsam mit der Seniorenbeauftragten Angelika Odenbach bilden beide ein starkes Team, das bei entsprechenden Belangen Mitspracherecht besitzt.

Was sie zukünftig zu Gunsten der Behinderten in Oebisfelde verändern möchte, ist eine ganze Latte, wie sie sagt. Pflastersteine, marode Gehwege und nicht behindertengerechte Überwege müssen so schnell wie möglich der Vergangenheit angehören. Aus der früheren Sicht als Altenpflegerin, als Mitmensch und auch als Frau mit einer massiven motorischen Beeinträchtigung ist ihre Überzeugung, dass Behinderte in die Mitte der Gesellschaft gehören. „Ohne sozialen Halt verkümmert die Seele“, sagt sie.

Sollten Sie eine taffe Frau kennen, deren Lebensgeschichte so recht zum Thema dieser lokalen Volksstimme-Serie passt, dann informieren Sie die Redaktion telefonisch unter 039002/98 48 98 oder per E-Mail: info.volksstimme@vsoebisfelde.com, oder besuchen Sie die Redaktion in der Langen Straße 57.