Geschichte

Warum Bilder der Stadt Oebisfelde von 1946 Rätsel aufgeben

Die Seiten sind vergilbt, doch die Bleistiftskizzen gut erhalten. Sie zeigen die Stadt Oebisfelde im Jahr 1946. Eher zufällig wurden sie beim Aufräumen entdeckt. Doch wer hat die Dokumente aus der damaligen Zeit angefertigt?

Von Ines Jachmann Aktualisiert: 09.05.2022, 18:04 • 09.05.2022, 17:48
Die Zeichnungen zeigen Gebäude und Straßenzüge der Stadt Oebisfelde im Jahr 1946.
Die Zeichnungen zeigen Gebäude und Straßenzüge der Stadt Oebisfelde im Jahr 1946. Ines Jachmann

Oebisfelde - Wie hat Oebisfelde nach Ende des Zweiten Weltkrieges ausgesehen? Wie einzelne Straßenzüge und Gebäude? Sicherlich – es gibt Fotos aus jener Zeit. Aber jetzt sind Zeichnungen aufgetaucht, die, detailgetreu mit Bleistift zu Papier gebracht, die Stadt in der Nachkriegszeit zeigen. Angefertigt von einem Mann, der zufällig als Vertriebener in der Stadt gestrandet war.

Viel über den Künstler ist nicht bekannt, erzählt Annegret Schumann. Die Stadtbibliothekarin hat die Zeichnungen am Montag Marlies Hoffmann vom Heimatverein überreicht. Der Name des Mannes ist Ernst Hennrich. Er habe bis 1945 in Görkau im Sudetenland gelebt, wo er als Bürgerschuldirektor und Chronist arbeitete. Doch nach Kriegsende wurde er 1946 von dort vertrieben. Sein Weg führte ihn zunächst in ein Zwischenlager nach Arneburg bei Stendal und von dort schließlich weiter nach Oebisfelde.

Über 30 Grafiken angefertigt

Wo genau er in der Allerstadt lebte und arbeitete, ist nicht bekannt. Aber eines steht fest: Er konnte gut mit dem Bleistift umgehen und interessierte sich für seine Umgebung. Das zeigen die über 30 Skizzen, die der Lehrer von der Stadt Oebisfelde angefertigt hat. Als Fremder in der Stadt hatte er einen anderen Blickwinkel auf die Häuser und Straßen und brachte dementsprechend alles, was er sah, aus seiner Perspektive zu Papier.

Auf einer Zeichnung sind noch sehr gut dargestellt die Prinzenhäuser in der damaligen Burggasse, die zu DDR-Zeiten in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen wurden, wie Hoffmann zu berichten weiß.

Lange habe der Vertriebene nicht in der Stadt verweilt. „Wir wissen, dass er Ende 1946 weiter zu seiner Tochter nach Baden-Württemberg gezogen ist“, erzählt Schumann. Seine Zeichnung habe Hennrich dort an einen Vertriebenen-Verein übergeben. Um 1956 verstarb der Mann. Die Bleistiftskizzen von Ernst Hennrich gerieten in Vergessenheit. Bis sie irgendwann bei einer Aufräumaktion wieder jemandem in die Hände fielen. Sie wurden an einen Sohn von Ernst Hennrich übergeben. „Der hatte dazu so gar keinen Bezug“, so Annegret Schumann. Doch auch hierbei spielte wieder ein Zufall mit. So kam es, dass dort jemand aus einer Vertriebenengruppe die Kiste einer anderen Frau aus der Umgebung hierher mitgab. Letztlich seien die Zeichnungen so bei der Stadtbibliothekarin in Oebisfelde gelandet.

„Mensch, das ist doch etwas für den Heimatverein“, sagte sich Schumann. Und genau dort sind die alten Zeichnungen nun auch angekommen. Marlies Hoffmann ist begeistert. „Der Burghof, wie er damals aussah – ich habe das aus meiner Kindheit auch noch so, wie auf den Skizzen hier, in Erinnerung“, schwärmt sie.

Wenige Farbakzente

Die beiden Frauen blättern vorsichtig in dem Buch mit den alten Skizzen: „Hier, das ist die Jahns-Mühle bei Haselhorst, damals im ehemaligen Sperrgebiet Richtung Breitenrode – wegen ihrer Grenznähe abgerissen.“

Die Bleistift-Zeichnungen sind fast ausnahmslos schwarz-weiß, farbliche Akzente finden sich nur in ganz wenigen. Mal ist es ein dezentes Gelb, mal ein ganz schwaches Rot – doch es zieht den Betrachter in das Bild, zeigt besondere Details.

Teils sind die Skizzen fotorealistisch, unglaublich genau. „Schau mal, dass hier ist doch Görings Haus, oder?“ Marlies Hoffmann nickt. Gut zu erkennen an dem Schlüssel. „Wunderschöne Zeichnungen“, sagt sie. „Vieles, was hier abgebildet ist, kann man heute nicht mehr nachvollziehen. Manchmal muss ich richtig überlegen: Wo hat der Künstler gestanden, als er das zeichnete.“

Die beiden Frauen betrachten ein Bild nach dem anderen: die Lindenallee, die Villa Ernst Beust, die Straße an der Aller. Ernst Hennrich verstand es, das Gesehene originalgetreu mit Bleistift nachzuzeichnen. Allerdings nur, wenn es sich um Straßen, Plätze oder Gebäude handelte. Besonders gelungen das Rathaus. „Ja, damals sah es noch richtig gut aus. Da ist noch der Giebel oben mit drauf, der irgendwann weggenommen wurde. Er habe auch versucht, Menschen zu malen. Aber das gelang ihm nicht so gut“, erzählt Schumann. Einige unfertige Skizzen sind dabei sowie ein Stadtplan. Das Buch mit den Zeichnungen wird bald im Heimatmuseum zu sehen sein.

Annegret Schumann (rechts) überreicht Marlies Hoffmann die alten Zeichnungen von Ernst Hennrich.
Annegret Schumann (rechts) überreicht Marlies Hoffmann die alten Zeichnungen von Ernst Hennrich.
Foto: Ines Jachmann