Schön und stufig – eine Marathonstrecke wie keine andere

Auszug aus der Streckenbeschreibung des Veranstalters:

Im Vergleich zu einem traditionellen Stadtmarathon, der normalerweise eine flache und schnelle Route hat, ist der Great-Wall-Marathon das Gegenteil. Bei diesem Abenteuerrennen erwartet Sie eine hügelige Strecke in spektakulärer Umgebung mit vielen Stufen. Da diese Veranstaltung sich so sehr von einem normalen Stadtmarathon unterscheidet, ist es ratsam, ein Trainingsprogramm zu verfolgen, das sowohl das einzigartige Gelände als auch die Entfernung berücksichtigt. Der Mauerabschnitt besteht aus Stufen unterschiedlicher Höhe und Breite. Einige Stufen sind aus Ziegelstein. Bei der Ausführung dieses Teils ist besondere Vorsicht geboten. An einigen Stellen des Mauerabschnitts sind keine Stufen zu sehen, sondern eine Rampe aus Stein und Beton. Diese Rampen können rutschig sein, ihnen muss besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden!

Oschersleben l Wären auf Kfz-Kennzeichen fünf Ziffern erlaubt, Karl-Heinz Wiße würde sie in der Folge 42195 aufbringen lassen. Seit hundert Jahren ist das die offizielle Marathonstrecke in Metern – und für „Kalle“ eine Zahl, die er mit Ansporn, Stolz und unvergesslichen Erlebnissen verbindet. Am Wochenende kommt ein weiteres hinzu, startet Wiße in der Altersklasse 63 erstmals und vermutlich einmalig beim Große-Mauer-Marathon in Fernost.

NY 4219 steht seit einigen Jahren bereits an Kalles Auto. „Erst mit der Kreiskennung Bö, dann mit dem BK, vielleicht auch mal OC, das weiß ich nicht mehr genau, aber es war auf jeden Fall immer Ausdruck meines großen Traums, einmal am New-York-Marathon teilzunehmen“, sagt Wiße. Nach zweimaliger Verschiebung aus persönlichen Gründen hat er sich diesen im Jahr 2014 schließlich erfüllt. Die Stimme schwärmt, das Gesicht strahlt auch heute noch, wenn er davon erzählt: „Sechsundvierzigtausend Läufer. Allein das war schon äußerst beeindruckend. Ich habe es in drei Stunden fünfundvierzig geschafft, dadurch stand mein Name sogar in der New York Times. Sowas ist einmalig.“

Lauf über die Chinesische Mauer

New York sei „einfach monumental“ gewesen, eine Art Mekka für den Marathoni, ein Muss für den Langstreckenjunkie, der in den 1990ern das „Laufen als Lebenselexier“ für sich entdeckt hat. Gelaufen ist Karl-Heinz Wiße die mystische Distanz auch schon bei allen großen Marathonläufen in Deutschland, auf Hawaii, in der Schweiz über die Alpen („Das war landschaftlich am schönsten.“) und – zum bis dato letzen Mal – 2016 am Ursprungsort in Athen.

Bilder

Was genau nun in China auf ihn zukommt, „das weiß ich nicht“, fest steht jedoch, dass es eine völlig neue Erfahrung wird – nicht nur, aber vor allem läuferisch: „Der Great Wall Marathon wird ja nicht auf der flachen Straße absolviert, ein gutes Stück führt auf der Chinesischen Mauer entlang, mitsamt uralter Treppen, die eine ungewohnte Herausforderung darstellen. Es gibt Bilder, da sieht man die Teilnehmer, wie sie sich auf allen Vieren die Stufen hoch quälen.“

Das sorge durchaus für ein mulmiges Gefühl, aber der drahtige Rentner ist Sportsmann und bissig: „Nicht verbissen, aber der sportliche Ehrgeiz ist natürlich da. Mein Ziel ist eine Zeit zwischen sechs und sieben Stunden. Ich will natürlich auch Fotos zwischendurch machen, die Landschaft genießen und die Atmosphäre aufsaugen.“

Laufsachen kommen ins Handgepäck

Das alles bei wahrscheinlich über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit – äußere Bedingungen, die sich Wiße beim Training im vergangenen halben Jahr allenfalls hinzudenken konnte, wenn er seine 20 bis 25 Kilometer durchs Hohe Holz geschrubbt oder Stufenanstiege auf dem Laufband simuliert hat. Viermal die Woche hat Kalle seinen Körper und Geist auf den nächsten Marathon-Meilenstein vorbereitet. „Hauptsache war, dass ich gesund bleibe, um das Training wie geplant durchzuziehen.“

Am Sonntag, 12. Mai 2019, war letzter Trainingstag. „Mache nochmal 20 km. Schönen Sonntag noch!“ schreibt Kalle per Whatsapp. Die Tasche ist noch nicht gepackt, er hat sich auch noch nicht entscheiden können, ob er die blauen oder die grünen Laufschuhe einpackt. Die gelben, eigens für den Great Wall Marathon gekauft, bleiben zuhause. „Mit denen habe ich mir Blasen gelaufen.“ Ansonsten sei von der Buchung bis zum Visum alles geklärt und die Vorfreude riesig. „Und zwar auf das Abenteuer an sich, denn sowas macht man ja nur einmal im Leben.“

Die Farbwahl für die Fußbekleidung kann Kalle am Montag, 13. Mai 2019, bei der Abreise noch kurzerhand treffen, denn: „Meine Laufsachen, dazu gehört auch ein mit Sponsorenunterstützung extra angefertigtes Shirt, sind das Wichtigste. Deswegen kommen die ins Handgepäck. Falls der Koffer nicht in Peking ankommt, habe ich alles, was ich brauche, am Mann.“