Oschersleben l Friseure, Gastronomen und Tätowierer, alle haben sie eins gemeinsam. Sie mussten während der Corona-Krise für lange Zeit schließen. Während einige als systemrelevant galten und relativ schnell wieder öffnen konnten, lebten vor allem Letztere mit der Ungewissheit, wie es nun weiter geht. Tätowiererin Kessy schildert ihre Erlebnisse.

Schick und stilvoll ist es im Tattoo-Studio „OC Ink“, einem von vier in der Oschersleber Innenstadt, eingerichtet. Hier ist Kessy Brinkmann die Chefin im Haus. Wer in den großen Empfangsbereich ohne Mund-Nasen-Schutz kommt, wird gleich mit einem Stirnrunzeln empfangen. Sofort holt die zierliche Tätowiererin eine Schutzmaske. Sie selber hat auch eine auf. „Sorry, das ist Vorschrift, und hier wird regelmäßig kontrolliert“, sagt sie. Brinkmann ist seit mittlerweile fünf Jahren im Geschäft tätig. Dass sie einmal Tätowiererin wird, war schon früh klar. „Soweit ich mich erinnern kann, hab ich schon immer gemalt. Tagein tagaus.“ Sie lacht. Letztendlich habe ihr Freund sie zum tätowieren gebracht und amerikanische Serien wie „Miami Ink“. „Zu meinem 20. Geburtstag hat er mir eine Tätowiermaschine geschenkt.“ Gleich der erste Strich habe gesessen.

Weg ins Nadel-Business

Der Weg ins Nadel-Business war geebnet. Bei einem Oschersleber Tattoo-Künstler habe sie dann Stück für Stück ihre Kenntnisse ausgebaut. „Ich hab’ viel Zeit an der Schweinehaut mit Üben verbracht, bis ich erstmals an einen Kunden durfte.“

Jahre später steht nun Kessy Brinkmann in ihrem geräumigen Empfangsbereich mit Mundschutz hinter der Plexiglasscheibe, wenn sie Kunden empfängt. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es mal so weit kommt.“ Mit Ausbruch des Coronavirus in Deutschland sei die Unsicherheit in der Tattoo-Szene deutlich gestiegen, erzählt sie weiter. Sie und viele weitere Tattoostudio-Betreiber hatten bereits vor dem offiziellen Lockdown ihre Läden geschlossen. „Das Gesundheitsrisiko war einfach zu hoch. Als Tätowiererin habe ich eine gewisse Pflicht, meine Kunden und auch meine Familie und Freunde zu schützen.“ Es folgt eine harte Zeit für sie und viele andere Studio-Inhaber. „Immer wieder gab es neue Beschränkungen, die einen schon verzweifeln ließen.“ Vor allem der finanzielle Faktor habe hart zu Buche geschlagen. Mehr als acht Wochen lang konnte Brinkmann keine Einnahmen verzeichnen. „Aber die Ausgaben waren ja trotzdem da.“ Immerhin habe sie eine „Soforthilfe“ vom Land Sachsen-Anhalt bekommen. „Naja. ’Sofort’ war es nicht unbedingt, aber nach langer Bearbeitungszeit kam dann doch die finanzielle Unterstützung“, resümiert sie.

Hoffnung geschöpft

Mit den ersten Lockerungen schöpft Kessy wieder mehr Hoffnung. Doch für sie und andere werden die Lockerungsstufen zum Spießrutenlauf bei den Behörden. „Faktisch hatte uns die Politik nicht auf dem Schirm.“ Friseure seien als systemrelevant eingestuft worden, Tattoostudios waren quasi nicht existent. „Warum ist der Friseur um die Ecke relevant und wir nicht“, beklagt sie. Viele ihrer Kunden könnten gut und gerne auf einen monatlichen Haarschneide-Termin verzichten - auf den Besuch beim Tätowierer eher nicht. „Letztendlich wurde dann doch erkannt, dass wir auch da sind und spezielle Vorgaben brauchen.“ Und diese kommen auch im Mai. Trotzdem habe sie nicht sofort wieder aufgemacht. „Es mussten viele Vorgaben des Gesundheitsamtes umgesetzt werden. Ich stehe immer noch regelmäßig mit den Behörden in Kontakt, wenn ich mir bei etwas unsicher bin.“ Das funktioniere auch durchaus gut.

Die größten Änderungen müssen Kessy Brinkmanns Kunden hinnehmen. „Für meinen Arbeitsbereich hat sich quasi nichts geändert“, erklärt sie. Tätowierer hätten auch schon vor der Corona-Pandemie sehr streng auf Hygiene geachtet. „Der Arbeitsbereich muss immer steril sein, deswegen wird auch nach jedem Kunden gründlich sauber gemacht und desinfiziert.“ Im Empfangsbereich habe sich da schon mehr geändert. „Die markanteste Änderungen ist wahrscheinlich wie in jedem Ladengeschäft die Plexiglasscheibe am Tresen“, sagt sie und blickt zu der großen Scheibe.

Außerdem dürfen sich nur noch drei Kunden gleichzeitig im Empfang aufhalten, mit Sicherheitsabstand. „Der Kontakt zum Kunden ändert sich natürlich deutlich. Vor der Pandemie konnte ich an der Mimik sehen, ob etwas gefällt oder eher nicht so.“ Das sei nun schwieriger. Viele Beratungstermine würden zudem gar nicht mehr persönlich stattfinden, sondern per Telefon.

Maßnahmen nicht überzogen

Die Maßnahmen, die ihr auferlegt wurden, findet sie nicht überzogen. „Ich halte es für vollkommen richtig, was uns auferlegt wurde. Letztendlich ziehen wir alle am gleichen Strang und sollten auch auf unsere Mitmenschen achten.“ Ausnahmen gebe es bei ihr auch nicht.

„Das Argument, dass man keine Maske tragen müsse, weil man unter Asthma leide, akzeptiere ich nicht. Dann müssen die Leute eben warten, bis alles vorbei ist oder woanders hingehen.“ Es gehe ja nicht nur um das Einhalten der Auflagen, sondern auch um ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen.

Viele von Brinkmanns Kunden zeigen Verständnis und halten ihre trotz der neuen Umstände die Treue. Auch die zum Teil komplizierten Terminverschiebungen haben sie akzeptiert. „Ich glaube viele sind einfach froh, dass sie endlich wieder unter die Nadel dürfen.“