Neindorf/Großalsleben l Was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, war für Sven Engelmann ein Problem: Jedes Mal, wenn der heute 20-Jährige etwas aß, brauchte er große Mengen Wasser dazu. Sonst gelangte die Nahrung nicht bis in den Magen. Stattdessen staute sie sich in der Speiseröhre. „Das war sehr schmerzhaft und unangenehmen“, blickt der Großalsleber zurück.

In Einzelfällen habe er sich übergeben müssen, weil er sonst nicht mehr richtig atmen konnte. Die Beschwerden traten nicht abrupt auf. Stattdessen steigerten sie sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Anfangs brauchte Sven Engelmann dann und wann ein Glas Wasser. Später waren es zwei Flaschen pro Mahlzeit.

Der Großalsleber ging zum Arzt. Allerdings anfangs ohne Erfolg. Bei einer Magenspiegelung wurde festgestellt, dass die Schleimhaut in Magen und Speiseröhre entzündet war. Dagegen bekam der 20-Jährige ein Mittel. Doch die eigentliche Ursache für seine Beschwerden blieb vorerst im Dunkeln.

Das änderte sich, als Sven Engelmann an die Helios Bördeklinik in Neindorf überwiesen wurde. Während einer Röntgenuntersuchung musste er dort Brei essen. So konnte der Arzt den Weg der Nahrung mitverfolgen. Als er sah, wie der Brei nur tröpfchenweise in den Magen gelangte, hatte er den richtigen Verdacht.

Der Fachbegriff für Sven Engelmanns Krankheit lautet „Achalasie“. Laut Dr. Bert Hanke, dem Direktor des Zentrums für Innere Medizin der Bördeklinik, tritt sie sehr selten auf. Worum es genau geht, erklärt Daniel Ensberg. Er leitet die Abteilung für Gastroenterologie. Wie der Arzt ausführt, ist die Speiseröhre unter anderem von einer Ringmuskulatur umgeben. Diese zieht sich in einer Art Wellenbewegung zusammen. So wird das Essen in den Magen gepumpt.

Doch bei einer Achalasie funktioniert das nicht. Der unterste Teil der Ringmuskulatur entspannt sich nicht mehr. Auf diese Weise bleibt die Nahrung stecken, während der Rest der Ringmuskulatur noch immer dagegen drückt. „Das ist sehr unangenehm, und es beeinträchtigt die Patienten sehr in ihrem Leben“, verdeutlicht Daniel Ensberg. Gefährlich ist es obendrein. Bleibt die Krankheit unbehandelt, kann die Speiseröhre aussacken, so dass eine ganze Mahlzeit hinein passt. Sie wird komplett funktionslos. Damit einher geht ein hohes Risiko, dass Speisereste in die Lunge gelangen. Im Extremfall kann die Speiseröhre sogar reißen. Auch die Gefahr für Speiseröhrenkrebs steigt.

„Flüssigkeiten rutschen oft noch durch“, informiert Daniel Ensberg. Betroffene würden daher bis zu zehn Liter Wasser am Tag zu sich nehmen, um das Essen doch irgendwie in den Magen zu spülen. Viele Patienten müssten allerdings auch immer wieder erbrechen. Der Leidensdruck sei groß.

Wodurch eine Achalasie entsteht, ist laut Daniel Ensberg noch nicht hinreichend erforscht. Auch die Diagnose sei mitunter kompliziert. Denn zu einer Magenspiegelung müssen Patienten nüchtern erscheinen. Das bedeutet, dass sie vorher längere Zeit nichts gegessen haben. In diesem Zustand sei die Speiseröhre oft optisch unauffällig - zumindest, solange sie noch nicht ausgesackt ist.

Auch das kann für Betroffene zur Belastung werden. Wegen ihrer starken Beschwerden gehen sie unter Umständen wieder und wieder zum Arzt und bleiben trotzdem ohne Befund. Das war bei Sven Engelmann anders. Ein Vorteil der Bördeklinik besteht darin, dass es mit Bert Hanke seit 2019 einen Spezialisten vor Ort gibt.

An Sven Engelmann wurde eine sogenannte Manometrie durchgeführt. Dabei wird eine schlauchartige Sonde mit einem Durchmessern von zwei bis drei Millimetern in die Speiseröhre eingeführt. Laut Daniel Ensberg misst sie den Druck, der beim Schlucken entsteht. Das erlaubt Rückschlüsse auf die Muskelbewegung. Im Fall von Sven Engelmann nahm der Druck im unteren Teil der Speiseröhre einfach nicht ab. Damit stand die Diagnose fest.

Modernes, schonendes Verfahren

Wie Daniel Ensberg erklärt, wurden zu diesem Zweck früher Röntgenuntersuchungen mit Kontrastmittel durchgeführt. „Das modernere Verfahren ist sehr viel schonender“, betont der Mediziner. Die Untersuchung werde sogar ambulant vorgenommen. Allerdings gebe es die Manometrie nicht in jedem Krankenhaus, sondern vor allem an Uni-Kliniken und Einrichtungen, die sich auf Magen- und Darmerkrankungen spezialisiert hätten.

Um eine Achalasie zu behandeln, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine besteht darin, Botox in den betreffenden Teil der Muskulatur zu spritzen. Das führt laut Daniel Ensberg dazu, dass sich der untere Schließmuskel am Übergang zum Magen entspannt. Allerdings ist es keine dauerhafte Lösung. Die Wirkung halte etwa acht bis zehn Wochen an.

Der zweite Weg besteht in einer sogenannten Ballon-Dilatation. Dabei wird ein medizinischer Ballon in die Speiseröhre eingebracht und mit hohem Druck ausgedehnt, bis Muskelfasern reißen. Auch dieses Verfahren muss mehrfach wiederholt werden, um zu einem dauerhaften Erfolg zu führen, so Daniel Ensberg.

Am Ende entschieden sich die Ärzte für einen dritten Weg: Sie durchtrennten den Ringmuskel an der problematischen Stelle auf einer Seite. Seither kann er sich nicht mehr mit der gleichen Kraft zusammenziehen wie früher. Auf diese Weise wird die Speiseröhre auch nicht komplett verschlossen. „Das kann man chirurgisch von außen durch den Bauchraum machen. Dieses Verfahren gibt es schon lange. Es ist allerdings mit einem größeren Eingriff verbunden“, führt Daniel Ensberg aus.

Doch die Ärzte in Neindorf entschieden sich für eine andere Möglichkeit: eine perorale endoskopische Myotomie, kurz POEM. Wie der Name sagt, kommt dabei ein Endoskop zum Einsatz. Mit diesem durchtrennt der behandelnde Arzt die Schleimhaut der Speiseröhre ein Stück über dem Verschluss. Anschließend dehnt er das Bindegewebe darunter mit Flüssigkeit auf. So entsteht eine Art Tunnel. Durch diesen gelangt der Operateur schließlich zum betreffenden Abschnitt des Ringmuskels und kann ihn durchtrennen. Vorher müssen jedoch benachbarte Blutgefäße verödet werden, damit es nicht zu Einblutungen kommt.

Der große Vorteil: Der Schnitt in der Schleimhaut verwächst binnen weniger Stunden. Die Flüssigkeit wird vom Körper resorbiert. Der Patient erhält Schmerzmittel und vorsorglich auch Antibiotika. „Aber in der Regel kann er nach wenigen Tagen nach Hause“, so Daniel Ensberg. „Was das Verhältnis von Risiko und Nutzen angeht, ist die POEM mit Abstand die beste Behandlungsmöglichkeit“, so der Arzt

Suppe mit Weißbrot essen

Sven Engelmann wurde nach zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits wieder Suppe mit Weißbrot zu sich nehmen. „Es hat am Anfang sehr weh getan. Die Schmerzmittel habe ich zwei Wochen lang gebraucht“, räumt der 20-Jährige ein. Doch die Genesung sei schnell vorangegangen. Etwa eineinhalb Wochen nach der Operation habe er wieder weitgehend normal essen können. „Manchmal habe ich noch das Gefühl, dass das Essen etwas schwerer durch die Speiseröhre geht. Aber dann reicht mir ein Schluck Wasser. Durch den Eingriff habe ich auf jeden Fall an Lebensqualität gewonnen“, hält Sven Engelmann fest.

Daniel Ensberg betont, dass man Achalasie-Patienten für eine POEM früher nach Hamburg oder Berlin habe schicken müssen. Doch mit Bert Hanke habe man nun einen Experten im Haus, der das Verfahren in Berlin selbst kennengelernt hat. Dadurch könne man Betroffene jetzt direkt in Neindorf behandeln. „Darüber war ich froh“, so Sven Engelmann.