Wulferstedt l Der Weg führt über das Gelände eines Agrarbetriebes am Rande von Wulferstedt. Am anderen Ende des Areals zeigt Harald Schuhfuß zwei Volieren. Von weitem ist gerade noch der Flügelschlag einer zunächst undefinierbaren Vogelart zu sehen. „Das sind unsere Steinkäuze. Sowie sie jemanden hören oder sehen, verkriechen sie sich in ihre Röhren. Sie sind sehr scheu“, erklärt der passionierte Umweltschützer.

Und Tatsächlich: So angestrengt das Auge auch durch die großen Käfige schweift: Zu entdecken ist von den eulenartigen Vögeln nichts. Jedoch muss Harald Schuhfuß in eine der Volieren steigen, um die Tiere zu kontrollieren. Nach einem beherzten Griff in die Brutröhre hält der Wulferstedter einen der Steinkäuze in seiner linken Hand.

Selbst nicht größer als die vorsichtig zupackende Faust fixiert der Vogel aus seinen großen, zitronengelben Augen seine Umgebung. Dabei dreht er den Kopf, als wäre dieser auf ein Gewinde geschraubt. Die dunkel sepiabraune Körperoberseite weist grauweiße Tropfenflecken und Querbinden auf.

Vom Aussterben bedroht

„Der Steinkauz war im Großen Bruch einst heimisch. Er mag das offene, strukturierte Gelände. Hier gab viele Bruthöhlen, Tagesverstecke und Sitzwarten und eine niedrige Vegetation“, erklärt Schuhfuß. „Er war neben dem Großen Brachvogel gewissermaßen ein Charaktervogel für das Große Bruch. Nun ist der Steinkauz in Sachsen-Anhalt vom Aussterben bedroht“ fügt Mitstreiter Herbert Teulecke an.

In den Jahren von 1978 bis 1982 seien noch insgesamt 260 Reviere zwischen Harz und Oschersleben gezählt worden. „Ob dort immer auch gebrütet wurde, ist nur schwer zu ermitteln“, ergänzt Teulecke. Allein im Ostteil des Großen Bruchs konnten zwischen 1983 und 1985 neun Steinkauz-Reviere nachgewiesen werden. „Innerhalb kürzester Zeit nach der Wende waren alle verschwunden“, berichten die Naturschützer. Die Gründe dafür seien nur schwer nachvollziehbar, „sicherlich hat ein falsches Wiesenmanagement dazu beigetragen“, meint Harald Schuhfuß. Und Herbert Teulecke fügt hinzu: „Zu DDR-Zeiten wurde das Große Bruch total verändert. In den 1970er und 1980er Jahren wurden umfangreiche Meliorationsarbeiten zur Entwässerung durchgeführt, es wurden viele Kopfbäume wie Weiden und Pappeln, die wegen ihrer Höhlen für den Steinkauz sehr wichtig sind, entfernt.“ Außerdem seien sogenannte Intensivgräser, die sehr hoch, dicht und ertragreich wachsen, angebaut worden. Diese seien zudem intensiv gedüngt sowie mit Insektiziden und Pestizide wie beispielsweise DDT besprüht worden. „Das und anderes hat vor allem die Nahrungsgrundlage für die Käuze vernichtet“, macht Teulecke deutlich.

So handelt es sich beim Großen Bruch um ein Niedermoorgebiet, das seit Jahrhunderten teils auch landwirtschaftlich genutzt wird. Nach 1989 sei die Bewirtschaftung der Wiesen zusammengebrochen, was sich wiederum auf das Nahrungsangebot der Steinkäuze niedergeschlagen habe.

Bis 2002 nur noch ein Vorkommen

Dazu gehören vor allem Käfer und Mäuse. „Das ist an dem Gewölle der Vögel nachzuvollziehen, dass sie auswürgen. Da sind neben Fellresten, Knochen und Zähnen auch Flügeldecken von Käfern zu entdecken“, beschreibt Harald Schuhfuß. Um ihr Nahrungsangebot zu finden, wandere die kleine Eule auch mal über Wiesen und Brachland. „Der Steinkauz braucht viel Freifläche und gar nicht so viele Bäume oder Buschwerk. Da hocken ja nur seine Feinde drin“, erklärt der Kauzfreund weiter.

Vor den Auswilderungen der vergangenen Jahre habe es in Sachsen- Anhalt höchstens noch 15 Reviere gegeben. So sei bis zum Jahr 2002 tatsächlich nur noch ein Vorkommen in der Region registriert worden, nämlich in Wulferstedt. „Doch diesen Vogel gab es dann auch nicht mehr, der war der letzte seiner Art in der Region“, erläutert Schuhfuß. „Also gute Gründe den Steinkauz hier wieder anzusiedeln“, wirft Herbert Teulecke ein.

Insgesamt 110 Steinkäuze ausgewildert

Im Jahr 2007 habe er Kontakt mit Eckhard Karthäuser aus Quedlinburg sowie dem Tierpark Thale aufgenommen. Hier hatte es im Jahr 2001 die erste Steinkauz-Auswilderung gegeben. Danach habe die Naturschutzbehörde der Vereinigung „Umwelt- und Naturschutz“ eine Genehmigung zur Auswilderung von Käuzen erteilt. Die Tiere wurden allerdings noch durch befreundete Zoos und Tiergärten geliefert.

Zwischen den Jahren 2008 und 2012 haben Teulecke und Schuhfuß dann insgesamt 60 Käuze im Großen Bruch ausgewildert, darunter auch erste Vögel aus der eigenen Zucht. Bis heute seien sogar 110 Käuze in die Natur entlassen worden. „Allein in diesem Jahr haben wir 13 Kauze beringt und ausgewildert“, berichtet Harald Schuhfuß nicht ohne Stolz. Und sein Mitstreiter konkretisiert: „In unseren zwei Volieren mit jeweils einem Zuchtpaar sind insgesamt sieben Jungvögel flügge geworden. Die anderen sechs Jungvögel stammen von einer Brut der freilebenden Käuze, die hier in der Nähe nisten.“ Und Teulecke betont, dass nun schon seit drei Jahren freilebende Käuze in Wulferstedt brüten und bisher insgesamt zwölf Jungvögel zur Welt brachten.

Die kleinen eulenartigen Jäger seien so wichtig für die Natur, weil sie auch ein Gradmesser für eine intakte Umwelt darstellten und Schädlinge vertilgen. „Außerdem hat jedes Tier seine Berechtigung auf unsere Erde“, betont Naturschützer Harald Schuhfuß.

Unterwegs bis nach Quedlinburg

Im Herbst 2010 war die nächste Stufe im Wulferstedter Steinkauzprojekt gezündet worden. So hatte die obere Naturschutzbehörde nämlich die Genehmigung für ein sogenanntes Monitoring erteilt. Zur Kontrolle wurden junge Steinkauze aus der Wulferstedter Zucht mit kleinen Sendern versehen, bevor sie ausgewildert worden. Hier habe sich herausgestellt, dass viele der Vögel offenbar Jägern wie Katzen, Mardern, Sperbern zum Opfer gefallen sind, aber auch von Autos angefahren und tödlich verletzt worden. „Von anderen Tieren wissen wir nicht, wo sie sind. Wahrscheinlich sind sie weiter weg gezogen“, erklärt Schuhfuß. Wie Teulecke ausführt, lasse sich das nicht nachvollziehen, weil die Reichweite der Sender nur etwa einen bis drei Kilometer betragen habe.

Allerdings berichten die Wulferstedter von einer Begebenheit, die sich in diesem Jahr zugetragen hat. Bei einer Nistkastenkontrolle im Juni in Quedlinburg wurde ein Steinkauzweibchen mit Jungvögeln entdeckt. „An der Beringung war eindeutig zu erkennen, dass der Vogel aus unserer Zucht stammt und ein Jahr zuvor von uns ausgewildert wurde. Es ist erstaunlich, wie weit Steinkäuze ziehen“, erinnert sich Schuhfuß.

Auch diese Erkenntnis macht das Zuchtprogramm von Herbert Teulecke und Harald Schuhfuß so wichtig. Doch ohne die Stiftung der Kreissparkasse Börde, die mit Geld für Futtertiere und Material unterstützt, wäre das Projekt der beiden Umweltschützer wohl ungleich schwieriger. Denn mit der Zucht hört die Arbeit der zwei Steinkauzfreunde längst nicht auf. Immer wieder bauen sie Niströhren und montieren diese an Bäume, Häuserwände oder in Scheunen im gesamten Bruch. Auf das der Steinkauz künftig seine Nachkommenschaft auch ohne menschliches Zutun sichern kann.