Oschersleben l Mit ihren Uniformen sind Peter Hartling und Ingo Kühl auf dem Oschersleber Marktplatz schon von Weitem zu sehen. Sie sprechen Passanten an und verteilen Info-Material. Auf diese Weise wollen die beiden Polizisten auf eine Gefahr aufmerksam machen, die in der Adventszeit besonders akut ist: Taschendiebe.

Reisende Täter auf den Märkten

„2018 gab es in Deutschland 104 976 Fälle von Taschen- und Gepäckdiebstahl. Die Schadenssumme lag insgesamt bei rund 30,6 Millionen Euro“, erklärt Ingo Kühl. Der Polizeihauptmeister arbeitet bei der Bundespolizeiinspektion Magdeburg. Polizeiobermeister Peter Hartling ist einer von zwei Regionalbereichsbeamten in Oschersleben. Er berichtet, dass in der Stadt jährlich etwa acht bis zehn Taschendiebstähle angezeigt würden. Die Dunkelziffer sei vermutlich deutlich höher. Außerdem besuchen viele Oschersleber auch andere Weihnachtsmärkte wie zum Beispiel in Magdeburg, Halberstadt oder Quedlinburg. „Und es gibt auch reisende Täter“, ergänzt Ingo Kühl.

Diebe lieben das Gedränge

Allgemein würden Taschendiebe das Gedränge lieben. Aus ihrer Sicht böten Weihnachtsmärkte besonders günstige Bedingungen - ebenso wie Bahnsteige beim weihnachtlichen Reiseverkehr. Meist würden die Diebe nicht allein, sondern in Gruppen arbeiten. Dabei setzen sie auf ausgeklügelte Strategien.

Beschmutzer-Trick: Senf oder Eis

Ein Beispiel ist laut Ingo Kühl der sogenannte „Beschmutzer-Trick“. Ein Täter bekleckert das Opfer mit Senf. Anschließend versucht er, den Fleck zu entfernen. Das nutzt ein zweiter Täter, um dem Opfer den Geldbeutel zu entwenden. Mit diesem verschwindet ein dritter in der Menge. Diese Masche funktioniere das ganze Jahr über. Im Sommer würden Taschendiebe beispielsweise auf Eiscreme umsteigen, um die Opfer abzulenken.

Gefahr auf der Rolltreppe

Ein andere Szene spiele sich oft an Rolltreppen oder vor der Zugtür ab. Ein sogenannter „Blocker“ laufe vor dem Opfer und bleibe abrupt stehen, so dass er zwangsläufig angerempelt werde. „Sobald man sich entschuldigt, greift der sogenannte ‚Zieher‘ in die Tasche und ein Dritter verschwindet mit der Beute“, führt Ingo Kühl aus. Genau umgekehrt verläuft der „Rempler-Trick“. Beim Drängeltrick rückt der Dieb so nah an das Opfer heran, dass es sich abwendet - und dabei seine Schultertasche ungewollt präsentiert.

Nur 5,7 Prozent der Taten aufgeklärt

Die Aufklärungsquote bei Taschendiebstählen sei leider sehr gering. 2018 lag sie bundesweit bei 5,7 Prozent, so der Polizeihauptmeister. Ein maßgeblicher Grund dafür sei, dass die Taten erst spät bemerkt würden. „Im Zug ist das oft erst bei der Fahrkartenkontrolle der Fall. Dann sind die Diebe schon über alle Berge“, sagt Ingo Kühl. Meist falle auch die Täterbeschreibung im Nachhinein eher vage aus.

Hinzu kommt: Selbst wenn einer der ersten beiden Täter erwischt wird, ist die Beweisführung schwer, falls er die Beute schon nicht mehr bei sich trägt.

Viele wiegen sich in Sicherheit

Nicht zuletzt würden sich viele Menschen in Sicherheit wiegen. „99 Prozent der Leute, die eine Anzeige erstatten, sagen, sie hätten nie gedacht, dass sie einmal das Opfer eines Taschendiebstahls würden. Jeder denkt: Das passiert anderen“, so Ingo Kühl.

Tatsächlich gebe es sogar spezielle Veranstaltungen, bei denen das Diebstahlpräventionsteam der Polizei die gängigen Maschen vorführe. Dabei seien die Teilnehmer besonders aufmerksam. Schließlich wüssten sie ja, dass gleich etwas passiert. Trotzdem würden die meisten den Diebstahl nicht bemerken, führt Ingo Kühl aus.

Alles nah am Körper tragen

Allerdings gibt es Möglichkeiten, sich zu schützen. „Wir empfehlen, Geld und Personaldokumente getrennt von einander bei sich zu tragen“, erklärt der Regionalbereichsbeamte Peter Hartling. Beides gehöre nicht in die Außentaschen einer Jacke, sondern möglichst dicht an den Körper. Falls eine Tasche über einen Reißverschluss verfügt, sollte der zugemacht werden. Ein weiterer Hinweis: „Handtaschen mit Magnetverschlüssen sind für Dritte sehr leicht zu öffnen“, so Ingo Kühl. Gleichzeitig teilt er mit: „Es werden übrigens zwanzig Mal mehr Portemonnaies gestohlen als Handtaschen entrissen.“

Es gibt eine Notfallnummer für die Sperrung

Dabei ist gestohlenes Geld nur ein Aspekt: „Die Wiederbeschaffung der üblichen Dokumente, die viele im Portemonnaie haben, kostet rund 120 Euro“, informiert Peter Hartling. Hinzu komme die Zeit für die Termine bei den verschiedenen Behörden.

Um EC- oder Kreditkarten zu sperren, gebe es die einheitliche Notrufnummer 116116. Dabei spiele es keine Rolle, bei welcher Bank man Kunde ist. Zusätzlich verfüge die Polizei über das System „Kuno“. Mit seiner Hilfe könnten die Beamten bei der Anzeigenaufnahme die betreffenden Karten sperren. Das bringe sowohl für die Opfer des Diebstahls als auch für die Geldinstitute ein Stück Sicherheit.

Wie Ingo Kühl und Peter Hartling erklären, ist die Polizei allgemein bei großen Veranstaltungen in der Vorweihnachtszeit präsent. Das solle Täter abschrecken. „Und wir wollen die Leute dazu bringen, dass sie nicht leichtsinnig sind“, erklärt Ingo Kühl. Seine Erfahrung zeige: „Wer einmal Opfer eines Taschendiebstahls geworden ist, trägt seine Wertsachen danach anders“, so der Polizeihauptmeister. Aber soweit solle es nach Möglichkeit nicht kommen.