Ferienprojekt

Lebendige Kommune für eine Woche: „Stadtliche“ Tage in Völpkerado

Ein kleine Stadt hatte sich in der ersten vollen Ferienwoche auf dem ehemaligen Völpker Schulhof etabliert. Bevölkert war dieses „Völpkerado“ von mehr als hundert Bewohnern – überwiegend Kinder, die hier ihre eigene Gemeinschaft formten.

Von Ronny Schoof
Stadtrat und Bürgermeister geraten in die Kritik: Der Umweltverein zieht vor das Rathaus und demonstriert für mehr Naturschutz in Völpkerado.
Stadtrat und Bürgermeister geraten in die Kritik: Der Umweltverein zieht vor das Rathaus und demonstriert für mehr Naturschutz in Völpkerado. Fotos: Ronny Schoof

Völpke - Den Namen „Völpkerado“ hatten die Macher vom sagenhaften Goldland „Eldorado“ für ihr Projekt abgeleitet. Gold spielte inhaltlich zwar keine Rolle, wohl aber ging es auch um Geld (in eigener Völpkerado-Währung) und vor allem um ein funktionierendes Miteinander im beruflichen wie auch im freizeitlichen Stadtgeschehen.

Sieben Grundschulen beteiligt

Die Macher, das sind die Schulsozialarbeiter der Regionalgruppe Nordwest im Landkreis Börde (Paritätische Sozialwerke). Sieben an der Zahl, die für die Grundschulen Hötensleben, Harbke, Ummendorf, Rätzlingen, Flechtingen, Rogätz und Oebisfelde zuständig sind. „Und aus diesen Schulen kamen auch die rund 80 teilnehmenden Kinder“, berichtet Kai Bögelsack, der gleich in doppelter Funktion für Völpkerado tätig war – als Schulsozialarbeiter der Grundschule Hötensleben und als Bürgermeister der Gemeinde Völpke, die Gastgeber für dieses Ferienangebot war.

„Wir haben damit Neuland betreten“, so Bögelsack weiter. „Erstmals haben wir so eine Kinderstadt mit all ihren Inhalten als außerschulisches Projekt aufgebaut. Es war also auch für uns Erwachsene eine spannende Angelegenheit zu sehen, ob und wie das klappt.“ Die Bilanz nach einer Woche Völpkerado nun fällt durchweg positiv aus: „Es ist gut gelaufen, die Kinder waren hellauf begeistert und hätten gern noch eine Woche weitergemacht. Auch das Feedback von den Eltern und die Resonanz unserer Partner und Besucher ist eindeutig mit viel Lob für die Sache verbunden.“

Rathaus, Uni und Saftbar

Kinder gestalten ihre Stadt, gehen arbeiten, verdienen Geld und nutzen verschiedene Freizeitangebote; dabei lernen sie demokratische Prinzipien, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge kennen. So lautete der gelebte Grundgedanke für und in Völpkerado. Die „Stadt“ bestand aus Pavillons und Holzhütten, in denen die Betriebe, Geschäfte und Institutionen ansässig waren. Auch das einstige Schulhaus und die Sporthalle wurden genutzt, und so verfügte Völpkerado über eine außerordentliche Infrastruktur mit Rathaus, Bank, Bücherei und Universität auf der einen und mit Saftbar, Tattoostudio, Bogenschießanlage und Vereinshaus auf der anderen Seite.

Wahlen und Löhne

Eine wesentliche Bedeutung kam dem Arbeitsamt zu; auch das war im „Stadtzentrum“ integriert. Hier war hinterlegt, ob zum Beispiel in der Holzwerkstatt gerade Stellen frei sind, denn die Arbeitsplätze in den verschiedenen Betrieben waren begrenzt. Die Kinder konnten ihren „Beruf“ jederzeit wählen, ausprobieren und wechseln. Ihren Lohn investierten sie in Saft, Tattoos oder sportliche Aktivitäten. Darüber hinaus galt es, eine Legislative für Völpkerado zu bestimmen, also einen Stadtrat, der inklusive Bürgermeister per Wahl in Amt und Würden kam und hernach auch einige „kommunale Krisen“ bewältigen musste, wie zum Beispiel die Großdemo des Umweltvereins mit der Forderung nach mehr Naturschutz.

Eigendynamik entwickelt

„Jeden Tag waren solche Höhepunkte in das Programm eingebaut, die nicht nur unterhalten und auflockern sollten, sondern auch gezielt spezifische demokratische Aspekte wie Toleranz, Menschenrechte, Vielfalt und Gleichberechtigung behandelten“, erklärt Kai Bögelsack. Die Dynamik, die sich dabei auch aus dem großen Rollenspiel heraus entwickelte, sei beachtlich gewesen. „Am Ende haben einige Kinder sich sogar selbstständig gemacht, einen Kredit bei der Bank aufgenommen und einen Bubbleball-Verleih gegründet.“

Auf all diesen Erfahrungen aufbauend, will die Regionalgruppe der Schulsozialarbeiter das Projekt Kinderstadt „auf jeden Fall fortführen“, betont Bögelsack. Es gebe bereits „einige Ideen, wie wir das Ganze noch verfeinern können.“ Ohne externe Untersützung jedoch sei das schwerlich zu leisten. Und so bedankte sich Bögelsack im Namen der Regionalgruppe bei den vielen Helfern und fördernden Institutionen.

Die Finanzierung hatte in erster Linie der Landkreis über sein Programm „Demokratie Leben“ getragen, koordinierende Instanz war die Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Und nicht zu vergessen die Partner in der Ausführung“, so Bögelsack. „Jeder von uns Schulsozis hat da jemanden gekannt und rangeholt, sodass wir ein wirklich abwechlungsreiches Stadtleben am Start hatten.“

Zwischen Beruf und Ehrenamt gab es täglich auch Gelegenheit für freies Spiel und Kindsein.
Zwischen Beruf und Ehrenamt gab es täglich auch Gelegenheit für freies Spiel und Kindsein.
Ronny Schoof
In der Kinderstadt musste sich alles verdient werden – auch das Geld für Freizeitaktivitäten.
In der Kinderstadt musste sich alles verdient werden – auch das Geld für Freizeitaktivitäten.
Ronny Schoof