Ausbildung

Leon Michael aus Oschersleben wird Uhrmacher

Im Gernröder Uhrenmuseum mit angeschlossener Werkstatt ist der Oschersleber Leon Michael wie Zuhause. Schon als kleiner Junge kam er hierher. Für ihn stand als Dreijähriger schon fest: Ich werde Uhrmacher.

Von Yvonne Heyer 08.08.2021, 18:05
In der Gernröder Uhrmacherwerkstatt setzt Leon ein Uhrwerk zusammen, mit viel Geduld auch ein zweites Mal.
In der Gernröder Uhrmacherwerkstatt setzt Leon ein Uhrwerk zusammen, mit viel Geduld auch ein zweites Mal. Foto: Yvonne Heyer

Gernrode /Oschersleben - Leon Michael wird tatsächlich Uhrmacher. Für ihn gab es keinen anderen Berufswunsch. „Hätte es in diesem Jahr nicht geklappt, hätte ich mich eben noch einmal beworben“, davon ist der 16-Jährige felsenfest überzeugt. Die so heiß ersehnte Lehrstelle wird Leon am 23. August in Glashütte antreten. Und damit genau dort, wo seit Jahrhunderten Uhren produziert werden.

Vor dem Harzer Uhrenmuseum mit Werkstatt, um die weltgrößte Kuckucksuhr nicht zu vergessen, warten an diesem Morgen die ersten Touristen auf den Einlass. Der 16-jährige Leon Michael indes und seine „Kollegen“ aus der Werkstatt haben längst ihren Dienst angetreten. Für Leon wird es der letzte Tag seines Praktikums sein. Es ist nicht das erste. Seit 2019 ist der von Uhren faszinierte junge Mann regelmäßig in den Sommerferien nach Gernrode gekommen, hat auch ein Schülerpraktikum hier absolviert. Immer mit dem Ziel vor Augen: Ich werde Uhrmacher.

„Schuld“ sind seine Großeltern. Ingrid und Detlef Quenstedt. Sie, und auch Leons Eltern sind mit dem kleinen Leon zweimal im Jahr mindestens in das Uhrenmuseum gefahren. Als Leon dann älter wurde, war er in der Werkstatt schon so bekannt, „dass wir sozusagen durch den “Dienstboteneingang“ eingelassen wurden,“ erinnert sich seine Mutti Annett Michael. Leon kam ja nicht mit leeren Händen, brachte die ersten Uhren mit, die repariert werden mussten. Immer häufiger konnte Leon selbst Hand anlegen, wurde unter die Fittiche von Uhrmachermeister Uwe Bergmann genommen.

Uhren lassen ihn seit frühester Kindheit nicht los. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Ein absolutes No-Go sind Quarzuhren. „Das geht gar nicht. Gerade die Mechanik ist doch das Faszinierende an einer Uhr“, erklärt Leon und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Der Uhrmacher gehört seit 2020 zum Weltkulturerbe.“

Harzer Uhrenfabrik gerettet

Inzwischen bummeln an diesem Morgen die Touristen durch das Museum und die Werkstatt. Nach der Insolvenz hat Christian Bertram die Harzer Uhrenfabrik und die Werkstatt gekauft und damit gerettet. Auch ein Verein wurde gegründet, um das Traditionsunternehmen zu erhalten, für die Stadt, für die Menschen. „Wir reparieren Kuckucksuhren oder größere Uhren wie Regulatoren. Diese kommen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Reich wird man damit nicht. Doch wir wollen ein Zeichen setzen: Wir sind noch da, es gibt uns noch„, erzählt Christian Bertram.

Leon wird in der Werkstatt schon als wichtige helfende Hand betrachtet. Während seines Praktikums hat er wieder etliche Uhren zum Laufen gebracht. Christian Bertram erzählt weiter: „Leon übt an den Uhren, möchte die Uhrwerke verstehen. Wir hätten ihn gern zum Uhrmacher ausgebildet. Aber dazu sind wir leider nicht in der Lage.“

Leon hätte die Ausbildung wohl auch gern in Gernrode absolviert.

Ausbildungsstätten gibt es nur wenige, vielleicht vier oder fünf über ganz Deutschland verteilt. Bekannte Namen sind Lange und Söhne, Wempe oder Rolex. „Bei Lange und Söhne in Glashütte hat alles gepasst“, erzählt der Oschersleber, der vor wenigen Wochen die 10. Klasse abgeschlossen hat.

Zum Bewerbungsverfahren gehörte das Zusammensetzen einer Automatikarmbanduhr aus Einzelteilen. Anderthalb Stunden vor der Zeit war Leon fertig. Der Lehrvertrag ist unterzeichnet, eine Wohnung ist gefunden, passenderweise befindet sich diese in einer ehemaligen Uhrenfabrik im Nachbarort von Glashütte.

Mit ruhiger Hand setzt der junge Mann in Gernrode ein mechanisches Uhrwerk zusammen. Zuvor waren die Zahnräder gereinigt und an der „Mini-Drehbank“ ausgefräst worden. Nun können sie wieder verwendet werden, sorgen dafür, dass die Uhr die richtige Stunde schlägt.

Für wenig Geld ersteigert der junge Oschersleber alte Uhren, um sie zu reparieren oder als Ersatzteilspender zu verwenden. „Manche Uhren kommen ziemlich ramponiert an. Meine Großeltern sagen dann oft “um Gotteswillen“. Doch sie helfen mir auch. Gerade habe ich mit meinem Opa Helmut ein Gehäuse für eine neue Uhr gebaut“, erzählt der Oschersleber, dem es nicht leicht fällt, die Familie, seinen Heimatort zu verlassen.

Großeltern entfachen Sammelleidenschaft

Die Großeltern kommen auch ins Spiel, wenn es um die Uhren-Sammelleidenschaft Leons geht. Zu Hause in seinem Kinderzimmer ist kein Platz mehr, also füllen die Uhren nun das einstige Büro der Oma. Das Ticken oder Schlagen der Uhren hat ihn aber nie gestört.

„Im Moment sammele ich noch. Aber ich kann mir auch nicht alles vollstellen. Deshalb verkaufe ich hin und wieder eine Uhr, um eine schönere zu behalten“, meint der 16-Jährige. Er besitzt Tischuhren und Regulatoren und zwei Standuhren von 1780 aus England.

Als wir uns verabschieden, sagt Leon Michael: „Es wäre mein großer Traum nach der Ausbildung hier in Gernrode in der Werkstatt anzufangen.“

Zum Start in die Uhrmacherlehre hat Leon ein ganz besonderes Geschenk bekommen, sozusagen historische Fachliteratur. Das Lexikon der Uhrmacherkunst ist von 1885, ein weiteres Fachbuch von 1902.

Ein Hobby wollen wir an dieser Stelle nicht unterschlagen: Die ruhigen Hände des 16-Jährigen können auch ganz anders: Schlagzeug spielen. Die Musikschule hat er gerade abgeschlossen.