Oschersleben l Susanne König hat das Schicksal des obdachlosen Mannes erschüttert. Am 20. Dezember begegnete sie ihm zum ersten und auch zum einzigen Mal. Er hielt sich im Umfeld eines Einkaufsmarktes in der Nähe des Bahnhofs auf. Eine ehemalige Kollegin machte Susanne König auf ihn aufmerksam.

Anblick hinterließ Fassungslosigkeit

Wie die 67-Jährige erklärt, lag der Mann auf einer Isomatte und war mit einem Schlafsack zugedeckt. Beides viel zu dünn für die Jahreszeit. Körperlich sei er in einem schlechten Zustand gewesen. „Dieser Anblick hinterließ bei mir Fassungslosigkeit“, so Susanne König. Die beiden Frauen sprachen den Mann an. Wie Susanne König erklärt, handelte es sich bei dem Obdachlosen, einem Herrn P., um einen gebürtigen Oschersleber. Andere Menschen hätten auch Mitleid mit ihm gehabt. „Eine junge Frau stellte gerade eine Tüte mit Brötchen und Aufschnitt hin. Weitere Tüten befanden sich ganz in seiner Nähe mit Esswaren, warmen Sachen, Decke und Handtuch“, berichtet Susanne König.

Hilfe von allen Seiten

Doch Herr P. habe einfach dagelegen. „Anfangs redete ich auf ihn ein, doch aufzustehen. Er wolle aber nur schlafen, er sei müde“, so die 67-Jährige. In diesem Moment kam Klaus-Dieter Schulze vorbei, der ebenfalls helfen wollte. Gemeinsam mahnten sie Herrn P.: „Wenn Sie hier liegenbleiben, wird es keinen Heiligen Abend mehr für Sie geben. Sie werden an Unterkühlung sterben.“

Um Herrn P. zu helfen, fuhr Susanne König mit dem Rad von einer zuständigen Stelle zur nächsten. Überall habe man ihr das gleiche erklärt: Man habe bereits versucht, dem Obdachlosen zu helfen. Sogar immer wieder. Aber er habe alles abgelehnt - und gegen seinen Willen könne man wenig tun.

Bei klarem Verstand

Matthias Lütkemüller als Pressesprecher der Polizei geht darauf näher ein: Herr P. sei den Beamten aus verschiedenen Gründen bekannt gewesen. Aber solange von einer Person keine Gefahr für sich selbst oder andere ausgehe, müsse man ihren freien Willen akzeptieren. Und Herr P. sei bei klarem Verstand gewesen.

Mathias Schulte von der Stadtverwaltung wird noch etwas deutlicher: „Nach Artikel 2 des Grundgesetzes hat jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Solange eine Person für sich selbst entscheiden kann und niemand ihre Unfähigkeit festgestellt hat, dies zu tun, muss deren Handeln nach obigen Maßstäben akzeptiert werden.“

Sogar Wohnung wurde angeboten

Eine Kommune hat eine Fürsorgepflicht gegenüber obdachlosen Menschen. Aus diesem Grund gibt es eine entsprechende Unterkunft im Neuen Weg 5. Wie Mathias Schulte erklärt, hatte er selbst in der Woche vor Weihnachten Bereitschaftsdienst. In dieser Zeit habe er Herrn P. mehrfach angeboten, ihn in diese Unterkunft zu bringen. Dort könnten Obdachlose solange unterkommen, wie Bedarf besteht. Im gleichen Gebäude befindet sich auch die Tafel. „Obdachlose können hier auch tagsüber versorgt werden und gegebenenfalls Wäsche waschen oder Verpflegung zu sich nehmen“, so der Pressesprecher. Herr P. hätte sogar eine Wohnung bekommen können. Auch das habe er ausgeschlagen.

Als städtischer Pressesprecher erklärt Schulte, dass es in Oschersleben bisher keinen Fall gegeben habe, der mit dem des Herrn P. vergleichbar wäre. Auch gebe es in der Stadt keine dauerhaft obdachlosen Menschen.

Die Zeit rennt davon

Doch zurück zum 20. Dezember: Susanne Königs Sorgen wurden immer größer. Es sei ein Freitag gewesen und bereits gegen 16 Uhr. „Es wurde immer später, uns rannte die Zeit davon“, erklärt sie. Sie kehrte zu dem Obdachlosen und Klaus-Dieter Schulze zurück. Beide ermahnten Herrn P., dass er seine letzten Stunden vor sich habe, wenn er keine Hilfe annehme. Schließlich habe er eingelenkt.

Um Herrn P. aus der Kälte herauszubekommen, riefen Susanne König und Klaus-Dieter Schulze ein Taxi. Sie wollten Herrn P. zur Obdachlosenunterkunft bringen. Aber er sei zu schwach zum Laufen gewesen. Besondere Anerkennung möchte Susanne König dem Taxi-Fahrer aussprechen. Er habe sich nicht gescheut, sich die Hände oder das Auto schmutzig zu machen, sondern habe mit angepackt. „Wir möchten ihm unseren herzlichsten Dank für seinen großartigen und nicht selbstverständlichen Einsatz aussprechen“, so Susanne König.

Sie fanden die Obdachlosenunterkunft jedoch verschlossen vor. Nach Informationen der Volksstimme schließt die Tafel um 14 Uhr, die Obdachlosenunterkunft öffnet im Winter um 17 Uhr. Für Notfälle gibt es allerdings eine 24-Stunden-Bereitschaftsnummer, die bei allen Behörden hinterlegt ist.

Das war Susanne König nicht bekannt. Deshalb fuhren die drei weiter zur Wohnung von Klaus-Dieter Schulze. Doch als sie vor dem Haus ankamen, konnten sie Herrn P. nicht hinauf bringen. Immer wieder hätten seine Beine versagt. Am Ende rief Susanne König die 110 an. Ein Rettungswagen nahm Herrn P. mit. „Wir verabschiedeten uns voneinander und er versprach noch einmal, alle Hilfe anzunehmen“, so Susanne König.

Traurige Nachricht vor Jahresende

An diesem Punkt reißt die Geschichte ab. „Als ich am 30. Dezember ahnungslos zum Fleischer ging, musste ich von einem Bekannten erfahren, dass Herr P. verstorben ist. Ich war fassungslos“, berichtet Susanne König.

Tod am Tag nach der Einlieferung

Man habe ihr gesagt, dass er noch am Lokschuppen gesehen worden sei. Später sei er zum Einkaufsmarkt in der Nähe des Bahnhofs zurückgekehrt. „Von dort soll ihn der Rettungswagen noch nach Magdeburg in die Klinik gebracht haben, wo er an den Folgen der Unterkühlung gestorben ist“, so Susanne König. Sie habe versucht, mehr herauszufinden. Aber weil sie keine Angehörige ist, habe man ihr keine weiteren Auskünfte geben wollen. Gemeinsam mit Klaus-Dieter Schulze habe sie angenommen, dass Herr P. in einem betreuten Heim untergebracht werde. Stattdessen gebe es nun viele offene Fragen. Die Volksstimme hat nachgehakt. Der Recherche zufolge sind die Aussagen, die Susanne König gehört hat, nicht korrekt. Die Stadt erklärt, dass Herr P. bereits am Tag nach seiner Einlieferung in Neindorf verstorben sei. Die Klinik selbst wollte keine Stellungnahme geben. Stattdessen verwies Sprecherin Caterin Schmidt auf die ärztliche Schweigepflicht: „Da diese Schweigepflicht auch über den Tod hinaus besteht, darf ich Ihnen trotz des sehr bedauerlichen Ablebens keine weitere Rückmeldung geben“, erklärt sie. Für Susanne König bleiben viele offene Fragen. Sie ist sich sicher: „Vergessen werde ich das nie.“