Artikel zu Oschersleben (Bode) auf Wikipedia ist ungenau

Oschersleber Chronist Günther Blume prüft Wikipedia-Angaben zur Stadtgeschichte

Das größte Online-Lexikon der Welt, Wikipedia, feierte im vergangenen Jahr den 20. Geburtstag. Zwar bietet die Plattform viele Vorteile, wie etwa Informationen zu so ziemlich jedem Thema. Doch sind diese mit Vorsicht zu genießen, denn Autor darf auf Wikipedia jeder sein.

Auf Wikipedia sind zahlreiche Informationen zu Oschersleben zu finden.
Auf Wikipedia sind zahlreiche Informationen zu Oschersleben zu finden. Foto: dpa

Von Josephine Schlüer - Oschersleben l Während Günther Blume den Wikipedia-Artikel zur Stadt Oschersleben liest, schüttelt er immer wieder mit dem Kopf. „Ungenau, schwammig, müsste anders formuliert werden, einfach falsch.“ Der 86-jährige Oschersleber hat bereits mehrere Chroniken zur Stadtgeschichte verfasst und kennt die Fakten. Der Hobby-Historiker, der eigentlich Architekt ist, hat die Daten zur Oschersleber Stadtgeschichte in der größten Online-Datenbank der Welt unter die Lupe genommen.

Zwar gibt es auf der weltweit beliebten Plattform immer eine Literatur- beziehungsweise ein Quellenverzeichnis, woher die einzelnen Fakten jeweils stammen, ist jedoch nicht immer eindeutig gekennzeichnet. Das kritisiert Blume besonders scharf. „Ohne Kennzeichnung ist ein Fakt eigentlich nicht verwendbar“, sagt er.

Beispielsweise besagt der siebente Absatz im Abschnitt „Geschichte“, dass keine Urkunde vorhanden ist, die belegt, wann Oschersleben das Stadt- oder Marktrecht erhalten hat. Daraufhin folgt: „Allerdings wurden die Bürger 1235 schon als „Burgenses“ (...) bezeichnet und weiter: „Der Ortsnamenbestandteil „-leben“ ist dort erläutert“. „Ja, wo denn?“, fragt Blume. Und er hat recht. Darüber gibt der Wikipedia-Artikel an dieser Stelle keinen Aufschluss. Hier besteht weder ein Sinnzusammenhang, noch gibt es einen Quellennachweis.

Im 12. Absatz des Abschnitts „Geschichte“ wird die Ausdehnung der Stadt im 12. Jahrhundert mit 450 mal 450 Metern beziffert. „Der ganze Absatz ist schwammig“, sagt Blume. Was hier nicht erwähnt werde, sei, dass sich dieses Maß auf die Fläche innerhalb der Stadtmauer bezieht. „Die Burg lag aber außerhalb und gehörte auch zur Stadt“, weiß der Chronist.

Das Neue Tor im Norden sei erst 1843 unter großem Protest der Bevölkerung in die Stadtmauer eingefügt worden, berichtet Günther Blume und bezieht sich auf den 13. Wikipedia-Absatz zur Stadtgeschichte. Dort heißt es stattdessen: „Bereits vor 1253 muss die Stadt befestigt worden sein (...) Der Verlauf der Statdtmauer ist heute noch deutlich feststellbar. Ursprünglich bestanden an den Stadteingängen das Magdeburger Tor im Osten, das Hornhäuser- oder Oldendorpsche Tor im Westen, das Halberstädter Tor im Süden und das Neue Tor im Norden (...).“ Zu den ursprünglichen Stadttoren gehörte das Neue Tor laut Blume jedoch nicht.

Vieles ist grob umrissen und nicht unbedingt falsch, sagt der Stadtchronist. Wie beispielsweise der Satz: „Im 17. Jahrhundert fielen Teile Oscherslebens Bränden zum Opfer.“ Blume würde formulieren: „... gab es in Oschersleben acht Brände.“ Das sei eine genauere Aussage. Fortgesetzt wird der Wikipedia-Artikel mit: „Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 gelangte die Stadt an Brandenburg-Preußen.“ „Ja, warum? Das ist einfach zu wenig“, findet Blume, der die Antwort natürlich kennt, aber nicht zu weit ausholen möchte.

Schlichtweg falsch sei die Behauptung, dass die erste Zuckerfabrik in Oschersleben 1940 eröffnet wurde. „Das war 1937“, sagt der Oschersleber. Ebenso nicht hundertprozentig zutreffend sei die Behauptung, dass als weiterer Wirtschaftsfaktor die Maschinenfabrik und Eisengießerei C. Bartels Söhne entstand. „Da hat der Bartels sich als Handwerksmeister niedergelassen, die Fabrik hat sich später daraus entwickelt“, stellt Blume richtig.

Zum Abschnitt „Gedenkstätten“ unter „Kultur und Sehenswürdigkeiten“ fehlt Blume der jüdische Friedhof auf dem Hackelberg, der dort nicht aufgelistet ist.

Die Stichproben von Günther Blume zeigen: Die Angaben in den Einträgen sind oft unvollständig, ungenau oder schlichtweg falsch. Auf der Weisheit letzten Schluss darf man bei Wikipedia also nicht setzen. Auf Vollständigkeit und Richtigkeit wird kein Anspruch erhoben. Dafür kann niemand zur Rechenschaft gezogen werden. Es besteht allerdings die Möglichkeit, selbst Änderungen vorzunehmen. Kritik muss sich Wikipedia immer wieder gefallen lassen. Denn obwohl jeder die Möglichkeit zur Teilhabe und Gestaltung der Inhalte hat, werden Artikel oft im Sinne von PR-Interessen (Werbung, Unternehmenskommunikation) abgeändert, beispielsweise kritische Textstellen gelöscht. Letztendlich kann das Online-Lexikon als erste Nachschlagemöglichkeit dienen und Anregungen geben. Angaben sollten aber immer gründlich überprüft werden.

Jimmy Wales heißt der Amerikaner, der Wikipedia vor 20 Jahren gründete. Seine Online-Enzyklopädie gilt als die größte kostenfreie Wissensdatenbank der Welt und wird von Nutzern überall auf dem Globus bestückt. Wikipedia belegt den siebten Platz der am häufigsten besuchten Internetseiten der Welt.