Oschersleben l Lange dienten Litfaßsäulen nicht nur als Werbeträger. Plakate kündigten Veranstaltungen an, Unternehmen warben darauf für ihre Produkte. Aber auch neueste Nachrichten wurden daran verkündet. Nach den Kriegen wurden auch Vermisstenmeldungen angeschlagen. Doch welche Bedeutung haben Litfaßsäulen heute?

Wie Mathias Schulte als Pressesprecher der Stadt mitteilt, besitzt die Kommune insgesamt drei Säulen. Sie seien an ein Werbeunternehmen verpachtet. Eine Säule befindet sich zum Beispiel an der Schöninger Straße. Sie wird von der Wohnungsgenossenschaft „Neues Leben“ genutzt. „Die Säule sah vor einigen Jahren noch schlimm aus“, berichtet Prokuristin Kristin Zybura. Deshalb habe die WG „Neues Leben“ die Litfaßsäule gemietet, gestrichen und mit Eigenwerbung versehen. Das habe nicht nur für das Unternehmen seinen Vorteil, auch für die Mieter der anliegenden Wohnungen sehe es schöner aus. Allerdings brauche es regelmäßige Pflege, um Schmierereien oder fremde Plakate zu beseitigen.

Dienen als Werbeträger

Die beiden anderen Litfaßsäulen befinden sich an der Berliner Straße, Ecke Halberstädter Straße sowie an der Kreuzung Berliner Straße, Magdeburger Straße, Puschkinstraße. Sie dienen verschiedenen Unternehmen als Werbeträger und befinden sich in gepflegtem Zustand. Damit geht es ihnen besser als vielen Artgenossen in anderen Kommunen. Es gibt Exemplare, die von Vandalismus gezeichnet sind oder von den traurigen Resten alter, längst zerrissener Plakate. Auf der anderen Seite existieren historische Säulen, die sogar unter Denkmalschutz stehen - zum Beispiel in Berlin, dem „Geburtsort“ der Litfaßsäulen.

Dort begann ihre Geschichte vor 165 Jahren. Damals durfte der Drucker Ernst Theodor Amandus Litfaß 1855 die erste „Annonciersäule“ aufstellen. Das Ziel: Er wollte der wilden Plakatierung Einhalt gebieten. Zur feierlichen Einweihung wurde sogar eine eigens komponierte „Annoncier-Polka“ gespielt. Später setzten sich die Säulen in Deutschland, Europa und der ganzen Welt durch. Ihrem Erfinder brachten sie nicht nur Ruhm und Reichtum. Die Berliner bezeichneten Ernst Litfaß auch als „Säulenheiligen“ - in Anlehnung an Tempelstatuen aus der Antike.

Wie Mathias Schulte informiert, gab es vor einigen Jahren in Oschersleben noch eine vierte Litfaßsäule. Sie habe sich in der Nähe des alten Zugangs zur Tafel des Deutschen Roten Kreuzes befunden. Im Zuge des Baus der Eisenbahnunterführung sei sie allerdings verschwunden.

Dinosaurier der Werbebranche

Inzwischen fließen Nachrichten durch andere Kanäle. Veranstaltungen werden zwar immer noch mit Hilfe von Plakaten, aber auch in Zeitungen, Radiosendern und im Internet angekündigt. Aktuelle Nachrichten haben die Litfaßsäule schon lange verlassen. Öffentliche Aushänge werden traditionell höchstens noch in eigens dafür angefertigten Schaukästen aufgehängt. Litfaßsäulen sind so etwas wie die Dinosaurier der Werbebranche geworden. Aber sind sie deshalb auch ein Relikt aus dem vorvorherigen Jahrhundert, drohen sie, aus der Geschichte zu kippen? Oder sind sie weiterhin eine runde Sache?

Dem Grad der Nutzung nach zu urteilen, haben sie zumindest in Oschersleben eine Zukunft. Die zuständige Werbefirma war gestern bis Redaktionsschluss leider nicht zu erreichen.