Osterburg l Die Entscheidung, aufzuhören, fiel ihr nicht leicht, doch sie ist nicht weg, betont sie, bleibt in Osterburg. Claudia Kuhn hat nur das Leitungsamt abgegeben. Nach fast einem Vierteljahrhundert.

Zeit, zurückzuschauen: In der Jungen Gemeinde Salzwedel fühlte sie sich wohl, sie wurde getauft und konfirmiert, hatte für ihre Zukunft aber erst einmal andere Pläne als Theologie. Pharmazie! Doch ihr Vater war selbstständiger Fotograf und damit der Weg in der DDR verstellt. Umlenkung nach Absage. Nach dem Abitur arbeitete sie folglich ein halbes Jahr als Hilfsschlosserin in der Pumpenfabrik, anschließend als Hilfsschwester im Krankenhaus. Arbeitsplatzgestaltung an der Technischen Hochschule Magdeburg mit Individualpraktikum nannte sich das. Schlosserin zu werden, das konnte sie sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Ihr Weg sollte anders verlaufen.

„Ich wollte mit Menschen zu tun haben, nicht mit Maschinen. Also ging ich nach Stendal ins Johanniter-Krankenhaus, bis ich meinen Studienplatz bekam“, erzählt die 54-Jährige.

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Dankbar über neuen Kita-Träger

Von 1982 bis 1989 studierte Claudia Kuhn dann Theologie in Halle/Saale. Eine glückliche Zeit begann: Sie lernte ihren Mann Ronald kennen, und Nachwuchs vergrößerte die Familie. 1985 wurde Anne-Marie und 1988 Lisa geboren. Im August 1989 zogen Kuhns ins Meßdorfer Pfarrhaus. Zunächst war Claudia Kuhn als Vikarin in Bismark beschäftigt, schließlich Pfarrerin in Entsendung mit den vier Dörfern Meßdorf, Späningen, Schönebeck und Biesenthal. Als die Stelle in Meßdorf 1994 nicht verlängert wurde, stand der Wechsel nach Osterburg im Raum.

„Siegfried Kasparick hat es mir vorgeschlagen und gesagt: Bewirb‘ dich doch! Aber ich sah mich mit 30 noch nicht als Pfarrerin in Osterburg, obwohl ich schon öfters hier vertreten hatte“, erinnert sich Kuhn. Es sollte eigentlich ein zweiter Pfarrer dazukommen, was nie geschah. Kurzum, ihrem Mut folgte die Zusage, am 8. Mai 1994 fing sie in der Biesestadt an. Dann hieß es Pendeln. Ihr Mann arbeitete in Bismark, das Pfarrhaus in Osterburg befand sich noch im Bau, Lisa ging schon in den evangelischen Kindergarten in Osterburg, Anne-Marie in Späningen zur Schule. „Wie wir das Hin und Her geschafft haben, weiß ich heute gar nicht mehr“, bemerkt Kuhn schmunzelnd, „aber im nachhinein finde ich, es war gut so.“

Viele Aufgaben standen in Osterburg an, von Konfirmandenunterricht, Friedhofsverwaltung und Besuchsdiensten bis hin zum evangelischen Kindergarten: „Er war ein großes Geschenk, aber bedeutete auch viel Arbeit. Ich bin so froh, dass die Borghardt Stiftung ihn jetzt übernommen hat, denn die Organisation muss man einfach gelernt haben. Verwaltung war ein notwendiges Übel. Mir liegt eher der Kontakt mit den Menschen.“

Nicht nur in den Kindergarten ging sie gern, Seelsorge hat die Pfarrerin geliebt, Besuchsdienste und Gottesdienste. Im Januar 2015 kamen noch die Ortschaften Groß und Klein Ballerstedt und Grävenitz dazu. Claudia Kuhn war darüber hinaus viele Jahre im Kreiskirchenrat aktiv, in der Kreis- und Landessynode.

In ihre Zeit fällt auch die Sanierung der Kirchendächer in Zedau und Dobbrun, die Friedhofskapelle in Osterburg wurde renoviert, das Gemeindezentrum in der Burgstraße umgestaltet.

Ein Anruf konnte alles verändern

„Die Herausforderung meiner Arbeit bestand darin, dass ich nie wusste, wie der Tag verläuft: Ein Anruf kann alles verändern, das kann auch überfordern“, sagt sie und denkt daran, wie sie manche Tage vom Gottesdienst zum Beerdigungsgespräch und zum Taufkaffee wechseln musste. „Das hat emotional oft an Grenzen gebracht“, erzählt sie weiter. Auf der einen Seite die reizvolle Vielfältigkeit der Arbeit, auf der anderen Seite Dienstliches und Privates unter einen Hut zu bringen. „Ich habe gemerkt, dass man gut auf sich achten muss“, ist ihr Fazit. Sicher einer der schönsten Momente, als sie am 4. März 2016 zehn Minuten vor dem Gottesdienst zum Weltgebetstag von der Geburt ihrer Enkelin Merle erfuhr.

Überhaupt hat sie allen Grund zur Freude, wenn sie an ihre Töchter denkt. Lisa unterrichtet Religion und Deutsch in Hannover, Anne-Marie arbeitet als Rehabilitationspädagogin in Potsdam. Am 14. August 2016 taufte sie in St. Nicolai ihre Enkelin Merle, am 11. September hatte Claudia Kuhn ihr 25-jähriges Ordinationsjubiläum. Da wusste sie schon von der Krankheit, Diagnose Krebs, die sie am 18. September ihren letzten Gottesdienst halten ließ.

„Ein Wunder, dass ich das überstanden habe“, bemerkt sie. „Alles hat seine Zeit. Es war unvorstellbar für mich, aber rund um die Uhr im Dienst sein, das ist jetzt vorbei. Ich habe im Moment keine Kraft mehr, andere zu stützen, aber ich hoffe, dass das wieder anders wird.“

Es hat auch viel Schönes, so spontan sein zu können. „Die Kinder fragen: „Kannste mal kommen?“ Und Claudia und Ronald Kuhn können einfach los, nach Potsdam, ans Meer fahren, zu einem Konzert. Claudia Kuhn muss nicht mehr gucken, ob es passt, sondern nur, wie sie sich fühlt.

Auch ohne Gottesdienste zu halten, hat sie erfahren, dass sie den Menschen in Osterburg und Umgebung am Herzen liegt. „Sie haben mich besucht, mir Mut gemacht. Das war und ist für mich mehr als ein Gebetsnetz, das trägt.“

Am Sonntag schaute sie in ihrer Predigt mit Kollegen, Freunden und Weggefährten zurück. 1500 Gottesdienste hat sie gezählt, 207 Taufen, 249 Konfirmationen, 40 Trauungen, 351 Beerdigungen. „Wie in kurzen Worten sagen, was Sie den Menschen gegeben haben?!“ traf Nico Schulz den Nagel auf den Kopf.