Osterburg/Seehausen l Es ist ein bisschen die Flucht nach vorn. Pfarrer Richard Perner zählt 58 Lenze, muss bis ins Alter von 70 Jahren arbeiten. "Und so lange werde ich nicht hier bleiben können." Nicht bei nur noch 400 "Schäfchen", die es innerhalb der Pfarrei Stendal im Bereich Osterburg, Seehausen, Bismark gibt. Die drei Städte samt Dörfern waren der Wirkungsbereich von Pfarrer Perner, "zu jedem Gemeindemitglied kann ich eine Geschichte erzählen" – neue Geschichten werden nicht mehr dazu kommen. Perner bat bei Bischof Dr. Gerhard Feige um Versetzung, "bevor der Neuanfang noch schwieriger wird". Denn Osterburg, das sei festgehalten, "war wie im Frühling leben".

Wo also andere Menschen an die Rente denken, ans viel beschriebene Kürzertreten, heißt es für Perner "alles auf Anfang". Am 1. März nimmt er seinen priesterlichen Dienst in Burg auf, auch Loburg und Gommern gehören zu seinem neuen Wirkungskreis. Wenn man so will, rückt Perner mit der Versetzung auch wieder etwas näher an seinen Heimatort heran: Perner wuchs nahe Halberstadt auf, seine Heimatpfarrkirche ist jene in Schwanebeck. Dort wurde er getauft, ging zur Kommunion und Firmung und feierte auch seine Primiz. "Jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, war für mich normal." Mehr noch, Perner war als Messdiener eingebunden, "die Kirche war mein zweites Zuhause". Unabhängig davon entwickelte sich früh die Liebe zur Musik. Perner erlernte das Klavierspiel und dann – zunächst heimlich und autodidaktisch – das Orgelspiel. Kam Perner nicht an die Orgel heran, klimperte er zu Hause auf der Heißmangel, bis er schließlich beim Halberstädter Domorganisten in die Schule ging.

Als sein Pfarrer Rörig verstorben und Perner folglich noch mehr in die Vorbereitungen der Gottesdienste von Pfarrern von außerhalb eingebunden war, kam irgendwann von einem jungen Pfarrer dieser Anstoß: Willste nicht Pfarrer werden? Perner, dessen Eltern durch die Flucht nach Halberstadt kamen – seine Mutter stammt aus Pommern, sein Vater aus dem Sudetenland – hat den katholischen Glauben im Blut, was auch "die Parteileitung" zu spüren bekam. Noch im Rahmen seiner Lehre bei der Post wurde Perner nämlich gefragt, ob er nicht der Partei beitreten wolle. Nein, wolle er nicht. Nur noch ein Versuch und dann ließ man ihn in Ruhe. "Sie wussten, bei den Flüchtlingsfamilien ist nichts zu holen."

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Die Entscheidung, Priester zu werden, fällte Perner im Alter von 21 Jahren. Es folgten das kirchliche Abitur (mit Griechisch und Latein) im Norbertuswerk Magdeburg, das Studium der Theologie in Erfurt, am 29. Juni 1991 die Priesterweihe in Magdeburg. Dann hatte Perner als Vikar und Pfarrer Stationen in Oschersleben, Stendal, Halle/Saale, Steckelsdorf (dort Kuratus), Tangermünde – und Osterburg.

Vorm Anfang an der Biese hatte Perner Bedenken. Schließlich wusste er, dass die Gemeinde seinen Vorgänger Wolfgang Huber nur sehr ungern gehen ließ. "Es gab richtig Proteste beim Bischof." Perners Angst aber war unbegründet, "ich wurde hier gut aufgenommen." Und über die Jahre in der St.  Josefgemeinde setzte Perner seine Akzente, ließ das Gotteshaus den ganzen Tag offen ("eine Kirche darf kein Museum sein"), legte den Fokus auf – unangekündigte – Hausbesuche, besuchte Patienten im Krankenhaus, förderte grundsätzlich die Ökumene. Ob es nun um die offenen Bildungsreisen nach Rom, in die Toscana, nach Wien, Schlesien oder in den Odenwald ging, ob Perner nach dem Sternsinger-Besuch im Rathaus auch den evangelischen Pfarrer besuchte oder in Bezug auf Perners Mitwirken beim ökumenischen Waldgottesdienst oder den jährlichen Feuerwehrgottesdiensten. Doch das war nun einmal.

Perner geht weg und es kommt kein Nachfolger. Die Pfarrei Stendal mit 2000 Gemeindemitgliedern wird künftig von einer Person, von Propst Schelenz mit versorgt. Das Pfarrhaus Osterburg bleibt leer, wird sicher irgendwann vermietet. "Die Gemeinden müssen selbstständiger werden. In Seehausen läuft das schon sehr gut." Auch der Osterburger St.  Josef-Caritaskreis werde nun selbst noch mehr Aufgaben übernehmen müssen, was im Übrigen auch für die Gemeinde in Burg gilt. Zwar geht Perner dorthin, wird aber nicht als so genannter kanonischer Pfarrer arbeiten. Er zieht auch nicht ins Pfarrhaus ein, sondern in eine Wohnung. Ein ehrenamtliches Leitungsteam befindet sich gerade in Gründung, wird pastorale und organisatorische Aufgaben übernehmen. Perner wirkt als geistlicher Moderator. "Das wird für mich auch eine Umstellung." Aber seinen Mozart hat er ja dabei.

Morgen um 9 Uhr hält Perner seinen Abschiedsgottesdienst in der Seehäuser, und am Sonntag, 26. Februar, um 14 Uhr in der Osterburger katholischen Kirche.