Wolterslage l Fred Stoller wirkt gefasst, als er am Dienstagnachmittag vor den Überresten des Damtieres steht. Er habe das kommen sehen, begründet der 53-Jährige. Der Wolf siedelte sich in der Region an. Da sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, „wann er bei uns zuschlägt“. Der Wolterslager hat das Wolfskompetenzzentrum in Iden eingeschaltet, die Fachleute wollen sich am Donnerstag ein Bild von dem gerissenen Tier machen. Doch schon vor der Bestandsaufnahme der Experten genügt dem erfahrenen Waidmann der eigene Blick auf den Tierkörper, um sicher zu sein: „Das war ein Wolf.“

Der Beutezug nahm in der Nacht zum Dienstag seinen Lauf. Als Nachbar Manfred Dahlke, mit dem Stoller das Gehege betreibt, am Montag nach dem Damwild schaute, sei noch alles in Ordnung gewesen. Einen anderen Eindruck gewann Stoller am frühen Dienstagmorgen kurz vor der Fahrt zur Arbeit beim flüchtigen Blick über das Gehege. „Die Tiere standen dicht aneinander gedrängt in einer Ecke. Sie waren total verängstigt. Warum, darauf habe ich mir in dem Moment aber keinen Reim gemacht“, erzählt der Wolterslager.

Am Nachmittag fand Manfred Dahlke die Erklärung für das ungwohnt scheue Verhalten der Herde. Nur eine Steinwurfweite vom Gehege entfernt stieß er auf die Hinterlassenschaft des Räubers. Der hatte seine Beute regelrecht ausgeweidet und auch das Ungeborene aus dem Bauch des trächtigen Damtieres aufgefressen. Aufwühlungen am Boden oder Fellbüschel zeigten deutlich auf, wo der Wolf zuerst in das Gehege eingedrungen war und wo er das Damtier später durch den Zaun bugsierte.

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Teurer Schutz

Diese lädierte Stelle in der Umzäunung hat Stoller ausgebessert. In zusätzlichen Schutz investieren wird er nicht. Ein Elektro­zaun sei zu kostspielig. Und ein Untergrabschutz? „Viel zu aufwändig. Bei unserem Wischeboden ist an den nicht zu denken“, winkt Stoller ab. Er stellt sich auf weitere Raubzüge in seinem Gehege ein. „Kann schon sein, dass ich dieses Hobby dann irgendwann an den Nagel hängen muss.“

Was Fred Stoller noch viel mehr Sorgen bereitet: Das Jagdziel lässt vermuten, dass der Wolf keine Scheu vor menschlichen Ansiedlungen kennt. Denn das Damwildgehege liegt am Dorfrand von Wolterslage, zum Wohnhaus der Familie Stoller ist es quasi nur ein Katzensprung. Den hat der vierbeinige Räuber anscheinend schon in der Nacht zum Dienstag hinter sich gebracht. „Der war auf meinem Hof“, legt Stoller sich nach einem Kontrollgang über sein Grundstück fest.

Der Wolf rücke dem Menschen näher auf den Pelz. So etwas dürfe nicht zugelassen werden, fordert der Wolterslager. Die Politik aber unternehme nichts, um die ungehemmte und unkontrollierte Vermehrung und Ausbreitung der Wölfe einzudämmen, fühlt sich Stoller im Stich gelassen. „Jetzt tauchen die Wölfe schon am Dorfrand auf. Wohin soll die Reise denn noch gehen?“