Osterburg l „Es fehlt nur noch der Glühweinstand“, waren sich die Gäste der Nicolaibläser Heiligabend an der Nicolai-Kirche einig. Zwischen zwei Gottesdiensten kommen viele nach Osterburg, um die Weihnachtsweisen der Turmbläser zu hören. Und seitdem diese eben nicht mehr auf dem Turm, sondern vor der Tür des Gotteshauses spielen, haben die Zuhörer noch mehr davon.

Es sind viele, die extra für die Blasmusik nach Osterburg kommen. Ralf Engelkamp und Rainer Kranz aus Krevese mit ihrem Freund Rainer Wortmeier aus Ostwestfalen zum Beispiel. Vor der Tür treffen sie die Schwestern Friederike und Juliane Kruppke und genießen Glühwein aus der Thermoskanne. Punkt 17.45 Uhr suchen sich die Schwestern einen Platz in der Nicolaikirche. Sie wollen das Krippenspiel nicht verpassen. Schließlich haben sie selbst jahrelang mitgewirkt und freuen sich auf das Wiedersehen mit alten Bekannten.

Diesmal waren besonders viele „alte“ der Jungen Gemeinde dabei. Magdalena Lessing schlüpfte eigens dafür bravourös mit Rollator und Stola in die Rolle einer Oma, die am Heiligen Abend am Kaffeetisch von ihrer Enkelin (Luisa Woop) gefragt wird, ob sie die Weihnachtsgeschichte erzählen könnte. „Die mit dem Weihnachtsmann“, will Oma wissen. „Nein, die Richtige“, bittet das Mädchen. „Hol‘ mal die Bibel! Und Mutti!“ Als Mama (Pauline Woop) mit an den Tisch kommt, erinnern sie sich gemeinsam. Da war doch Kaiser Augustus, der forderte alle zur Schätzung. „Was ist eine Schätzung“, hakt die Kleine nach. „Eine Steuererhebung. Dadurch weiß der Kaiser, wie viele Steuern er eintreiben kann.“ Den ganzen Tag rumzulatschen, um von Nazareth nach Bethlehem zu gelangen, muss anstrengend sein, schließt die Jüngste in der Runde. Über hundert Kilometer!

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Als sie auf die Hirten zu sprechen kommen, ziehen sie Parallelen. „In der Bibel steht, dass Gott auch Hirte ist. Einer von uns“, sagt einer der Hirten (Johanna Lessing). Sie fürchten sich sehr und erschrecken sich besonders, als die Oma ihnen einen Tipp gibt, sich richtig zu erschrecken. Bis zur Geburt des Heilands begleitet Gesang der Gemeinde das Krippenspiel.

Danach gibt es keine Predigt. „Das Krippenspiel ist Predigt genug“, findet Pfarrerin i. R. Margaret Lipschütz, „denn die Geschichte hört niemals auf.“ Aber sie sagt, warum ihr das Krippenspiel so gut gefällt: weil es sehr realistisch ist, dass ein Kind die Sache ins Rollen bringt, fragt. „Wenn ein Kind dich fragt, sollst du antworten“, steht im Alten Testament geschrieben. „Es war schon damals keine romantische Geschichte, und sie ist es auch heute nicht: Menschen werden ausgegrenzt, sind auf der Flucht, Mächtige denken nur an ihren eigenen Vorteil. Das geschieht auch bei uns“, stellt Lipschütz klar.

Darum sammelt die Gemeinde zum Abschluss des Gottesdienstes Spenden, um Kindern wieder einen Schulbesuch zu ermöglichen. Etwas Gutes zu tun. Denn die Geschichte hört niemals auf.