Krüden l Fast so reich wie mit Kirchen sind die Dörfer der Altmark mit Herrenhäusern gesegnet. Die Enteignungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg bescherte den Immobilien, die nicht für die Baustoffverwertung abgewickelt wurden, oft eine ähnliche Geschichte. Die meisten gingen in den Besitz der Kommunen über, um dem Bürgermeister und seinen Helfern als Domizil zu dienen oder um die kleinen Dorfschulen abzulösen. In Krüden war das ähnlich, nur dass die Immobilie nicht erst Jahre oder Jahrzehnte in den Dornröschenschlaf geschickt wurde und dem Verfall preisgegeben war.

Mit dem Start in die Sommerferien 2010 gab es in den Plänen des Landkreises Stendal keine Verwendung mehr für die Grundschule. Allerdings konnten Bürgermeister Hans-Joachim Hildebrandt und die Verbandsgemeinde Seehausen im Oktober schon vermelden, dass ihre Vermarktungsbemühungen belohnt wurden. Nach der Kaufabwicklung im gleichen Jahr zog der Hamburger Unternehmer und Teehändler Markus Rudloff schließlich 2011 in das ehrwürdige Gemäuer, für das ein Zweig der Familie von Jagow 1606 den Grundstein gelegt hatte. Damals noch im Tudor-Stil in Anlehnung die englische Königsfamilie.

Nach den Grafen Schlieffen kaufte die Familie Karow das Schloss und baute es mit der heutigen Dachform fast bis zur Unkenntlichkeit um. 1945 zogen erst amerikanische Truppen, später die russische Kommandantur ein. Ab 1963 wurde das Schloss, das zwischenzeitlich der örtlichen Maschinen- und Ausleih-Station zur Verfügung stand, zur Schule umgebaut.

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Dass in der Immobilie einmal unterrichtet wurde, ist auch heute noch zu erkennen. Der DDR-Charme ist an vielen Stellen ebenso präsent wie die alte Herrschaftlichkeit. Rudloff, der sein kaufmännisches Handwerk bei einem Teehändler in der Speicherstadt Hamburg erlernt und alle Höhen, aber auch Tiefen des Unternehmerdaseins erlebt hat, spielt mit der Vergangenheit lieber, als sie zu kaschieren. Was sicher auch eine Frage des Geldes ist, von dem für den Kauf des Hauses und dessen Modernisierung in den vergangenen Jahren einiges geflossen ist. Allerdings ist er dafür jetzt auch Besitzer des Objektes und nicht wie am letzten Standort nur Mieter.

Das Schloss, so der 49-Jährige, ist für ihn deshalb so ideal, weil er einerseits einen großen Platzbedarf für Lager, Abpackung, Verwaltung und nicht zuletzt für seine Produkt-Präsentation hat, andererseits aber vor allem, weil er unter einem Dach wohnen und arbeiten kann. Dazu kommt, dass die Räume des Schlosses bestens klimatisiert sind. Was bei einem Ziegelmauerwerk von bis zu 1,40 Meter Stärke kein großes Wunder ist. Auch von Feuchtigkeit ist in dem alten Gebäude kaum eine Spur zu finden. Das Geheimnis ist dem Teemann, der sich offenbar intensiv mit der Geschichte seines Schlosses beschäftigt hat, bestens bekannt. Eine Sperrschicht aus dünnem Blei grenzt das Bauwerk nach unten ab. In Zeiten, in denen Kunststofffolien noch ihrer Erfindung harrten, war das ohne Zweifel ein sehr kostspieliges Verfahren, das allerdings auch für die Ewigkeit gedacht ist, solange die Sperrschicht nicht zerstört wird.

Das Raumklima dient auf rund 1200 Quadratmetern dem Wohlfühleffekt seines Besitzers und seiner Gäste, ist aber auch für die Tee-Lagerung ideal. Rund 1500 Mischungen aus 16 Basistees und unzähligen Aromen hat Rudloff für nahezu alle Geschmacksrichtungen im Angebot, aber nur eine Sorte Kaffee, den er vor Ort besonders magenfreundlich röstet. Das Kaffeegeschäft ist kompliziert, weil es wie das Schnapsbrennen extra besteuert und vom Zoll überwacht wird. Das meiste seiner Waren vertreibt der Teemann übers Internet. Rudloff empfängt aber auch im Schloss. Bevorzugt an den Kaffeenachmittagen, zu denen der Wahl-Krüdener immer dienstags zwischen 15 und 16 Uhr einlädt. Mal kommen 3, manchmal 30 Besucher.

Die meisten sind inzwischen Stammgäste und nehmen gleich einen Vorrat an Tee oder Kaffee mit, geben eine Bestellung ab oder lauschen einer launigen Geschichte, die Rudloff vom Schloss oder aus seinem Leben zu erzählen hat.